#

Weg vom Wegwerfen

FOKUS
Jedes Jahr wächst der „Beag aus Mist“ um 180.000 Tonnen Material – auf künftig 75 Meter. - © Wolfgang Machreich

Müllfinale: Wo nur mehr Asche und Schlacke bleiben

1945 1960 1980 2000 2020

In Wien Donaustadt wächst in der größten Deponie Österreichs ein Berg aus Mist 75 Meter hoch. Eine Deponierundfahrt mit Ziegenstreicheln inklusive.

1945 1960 1980 2000 2020

In Wien Donaustadt wächst in der größten Deponie Österreichs ein Berg aus Mist 75 Meter hoch. Eine Deponierundfahrt mit Ziegenstreicheln inklusive.

Auf den ersten Blick erinnert die über der Donau im Norden von Wien gelegene Deponie Rautenweg mit ihrem terrassenförmigen Aufbau an den steirischen Erzberg. Mit dem Unterschied, dass in der größten Deponie Österreichs nicht Erz abgebaut, sondern mit Aschen und Schlacken aus den drei städtischen Müllverbrennungsanlagen ein „Beag aus Mist“ aufgebaut wird, wie es auf einem Schild am Eingang heißt. Insofern passt der Vergleich mit Pieter Bruegels Gemälde „Turmbau zu Babel“ besser. Der von der MA 48, der Wiener Magistratsabteilung für Abfallwirtschaft, betreute Mistberg wird in seiner Endausbaustufe zwar nicht bis zum Himmel, doch immerhin 75 Meter über Wien-Donaustadt hinausragen. Bei gleichbleibendem Müllaufkommen ist dieser Pegel 2065 erreicht. Nach der Verfeuerung bleiben von einer Tonne Restmüll rund ein Viertel des Gewichts und zehn Prozent des Volumens an Verbrennungsrückständen zurück.

Herbert Diesenreiter, der Leiter des Deponiebaus, macht mit dem FURCHE-Reporter eine Rundfahrt: 60 Meter in der Breite, 40 Meter in der Höhe messen die Terrassen, erklärt er den Schichtenaufbau: „Wir haben einen Plan – und nach dem richten wir uns.“ Vorbei geht es an Lastwagen, Baggern, Walzenfahrzeugen, die den Berg pro Jahr um 180.000 Tonnen Material wachsen lassen. Gasbrunnen stehen herum. Bis 2008 wurde am Rautenweg auch noch Restmüll deponiert. Das führt bis heute zur Bildung von Deponiegas, dessen Heizwert zur Stromerzeugung genützt wird. Freiland-Photovoltaikanlagen komplettieren das Grünstromangebot für rund tausend Haushalte.

Mit Pinzgauer Ziegen am Gipfel

Der Rundblick auf dem (derzeit) 38 Meter hohen Gipfel beeindruckt: Die Deponie misst 60 Hektar oder umgerechnet 80 Fußballfelder. Oben auf den sandigen Graten klettern Pinzgauer Ziegen. Vor dreißig Jahren wurde mit einem Zuchtprogramm dieser damals vom Aussterben bedrohten Tiere begonnen. Derzeit hält man bei 32 Stück der „Naturrasenmäher“, die auf Namen wie „Kuschler“, „O’drahte“ oder „Rocky“ hören. Die Ziegen sind die Publikumslieblinge und eine Art „grüne Botschafter“ für die Besuchergruppen, die in den Sommermonaten den Mistberg besichtigen und sich über das Deponiemanagement der Stadt informieren.

„Der gesamte Abfall von Wien bleibt innerhalb der Stadtgrenzen, das ist einzigartig!“, sagt Diesenreiter, während er seinem Liebling „Kuschler“ das Fell hinter den Hörnern krault. Nach Weihnachten hat er eine besondere Spezialität für seine Herde: Einige der insgesamt 170.000 Wiener Christbäume werden nach dem Fest nicht verheizt, sondern am „Beag aus Mist“ verfüttert.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau