musiktherapie - © Foto: iStock / cwzahner

Musiktherapie: „Ängste werden gezähmt“

19451960198020002020

Musiktherapie wird oft unterschätzt. Dabei kann sie traumatisierte Kinder und Jugendliche zu sich selbst zurückführen. Eine Therapeutin erzählt aus ihrem Alltag.

19451960198020002020

Musiktherapie wird oft unterschätzt. Dabei kann sie traumatisierte Kinder und Jugendliche zu sich selbst zurückführen. Eine Therapeutin erzählt aus ihrem Alltag.

Mit einem Mikrofon in der Hand steht Marta* dicht am Klavier, auf dem ich ein paar dezente Akkordfolgen spiele, ohne etwas zu sagen. Das sechsjährige Mädchen ist fröhlich, es lächelt und klopft mit einer Hand rhythmisch auf das Mikrofon – womöglich eine unbewusste Imitation des Herzschlags. Irgendwann sagt Marta: „Ich singe dir ein Lied.“ Zur langsamen Hintergrundmusik beginnt das Mädchen zu singen. „Mama, wo bist du, ich kann dich nicht finden, ich habe unter Steinen und Bäumen gesucht […]. Ich weiß nicht, wo du bist. Ich habe nach dir gesucht, denn nur du kannst mich abholen. Kann mir jemand helfen, meine Mutter zu finden?“ Die Gefühle und der tiefe Schmerz der Sechsjährigen erklingen in einer traurigen Melodie, wie nach Linderung, nach Erleichterung suchend. Zehn Minuten lang singt sie, dann sagt sie, urplötzlich: „Das Lied ist vorbei.“ Sie lächelt zwar. Doch das Lächeln ist kein unverkrampftes, kein kindlich-gelöstes.

Mein Name ist Ludwika Konieczna-Nowak. Ich arbeite an der Musikhochschule in der südpolnischen Stadt Kattowitz. Hier habe ich den Lehrstuhl für Musiktherapie inne, bin Vizevorsitzende der Polnischen Vereinigung von Musiktherapeut(inn)en, vor allem aber auch Praktikerin. Ich arbeite mit Kindern und Jugendlichen in staatlichen und städtischen Erziehungs- und Pflegeeinrichtungen.

Ich möchte Ihnen gerne ein paar Beispiele aus therapeutischen Sitzungen zeigen, um darzulegen, was diese Form der Therapie auslöst und bewirken kann, aber vorab möchte ich den Ansatz erläutern, den ich verfolge: die ganzheitlich-humanistische Musiktherapie. Dabei geht es in erster Linie darum, mit Musik einen Raum für den Ausdruck von Gefühlen zu schaffen. Ich versuche, Kindern und Jugendlichen durch die Musik zu helfen, ihre Traumata zu verarbeiten. Aber nicht, indem ich sie frontal mit ihren tragischen Erfahrungen konfrontiere, sondern indem wir einen Raum schaffen, in den sie ihre Traumata integrieren können. Ein Beispiel: Wenn man ein Lied komponiert, entstehen ein Text, der eine Aussage hat, und eine Melodie, die Emotionen transportiert. Wir integrieren also diese beiden Dimensionen der Psyche, das Intellektuelle und das Emotionale. Ebenso wichtig wie Klang und Rhythmus ist in der Musiktherapie aber auch die Beziehung, die durch die Musik entsteht, sei es in einer therapeutischen Gruppe oder zwischen der Therapeutin und dem Patienten.

Schweigen brechen

Marta* lebt erst seit ein paar Wochen in einem städtischen Kinderheim samt sonderpädagogischer Betreuung. Die Mutter hat Marta vernachlässigt und ist ihr gegenüber gewalttätig geworden, deshalb wohnt das Mädchen nun hier und singt, was sie singt – und lächelt dabei. Das zeigt, dass das Intellektuelle und das Emotionale womöglich nicht integriert sind, sprich: Das Lächeln ist die Oberfläche, unter der sie die schmerzvollen Gefühle in Liedform ausdrückt. Marta hat nach dem Singen nicht mehr über die Mutter gesprochen, vermutlich, weil das zu schmerzhaft gewesen wäre. Sie hat mich auch nicht direkt darum gebeten, ihr bei der Suche nach ihrer Mutter zu helfen. Aber es singen – das konnte sie.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau