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Gesellschaft

Muss es wirklich SÜNDE SEIN?

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Das Verhältnis des Katholizismus zu Eros und Sexualität ist denkbar speziell. Über das Kreuz der Kirche mit der körperlichen Liebe.

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Das Verhältnis des Katholizismus zu Eros und Sexualität ist denkbar speziell. Über das Kreuz der Kirche mit der körperlichen Liebe.

Man stelle sich vor: Alle Wünsche der Progressiven wären vergangenen Oktober bei der Familiensynode im Vatikan erfüllt worden. Welche Witze würden Katholikinnen und Katholiken einander in Zukunft erzählen?

Katholische Identität ist buchstäblich auf den Leib geschrieben und in die sensiblen Regionen unter der Gürtellinie irreversibel eintätowiert, wie schon der katholische Theologe und Religionswissenschaftler, vor allem aber scharfzüngige Kirchenkritiker Adolf Holl 2003 festgestellt hat (s. u.). Selbst die anderen definieren uns über unsere für sie (und auch die meisten von uns) seltsamen Sexualnormen. Meine diesbezüglich absolute Lieblingsszene stammt aus dem Film "Der Sinn des Lebens"(1983) der britischen Satirikertruppe Monty Python: Ein spätmittelalterliches Ehepaar sitzt in seinem spießbürgerlich-britischen Wohnzimmer und beobachtet aus dem Fenster, wie der katholische Nachbar seine zahlreiche Kinderschar für wissenschaftliche Experimente verkaufen muss - eine andere Eindämmung der Nachkommenschaft, spricht Verhütung, ist ihm selbstverständlich untersagt. Der Ehemann beginnt eine Tirade gegen die dummen Katholiken, die in der stolzen Feststellung gipfelt: "Ich könnte jederzeit in die Apotheke gehen und vor allen anderen mit lauter Stimme ein Kondom verlangen. Ich könnte sagen: Geben Sie mir ein Kondom, heute eines mit schwarzen Noppen, denn ich, ich bin Protestant."

Armer Eros im Niemandsland

Die britischen Anarchokomiker sind in ihrer Religionskritik freilich gerecht gegenüber beiden Konfessionen: Die trist-biedere Darstellung der aufrechten Protestanten lässt deutlich werden, dass nichts, nicht einmal ein Kondom mit schwarzen Noppen, das eheliche Liebesleben dieses Paares zu etwas beflügeln könnte, was auch nur annähernd als erotisch zu bezeichnen wäre.

Religiöse Erlaubnisse in Sachen Sex sind also nicht automatisch luststeigernd. Dieses Paradoxon hat Holl auf den Punkt gebracht mit seinem Diktum von der "frigiden Gesellschaft", trotz oder gerade wegen der vielen nackten Körper auf jedem zweiten Werbeplakat. Etwas poetischer formuliert George Bataille, französischer Literat und wegen seines "obszönen Werkes" Enfant terrible in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wenn er davon spricht, dass wir den Eros nicht befreit, sondern an die Grenze getrieben hätten, wo der Arme nun - noch immer an seiner Vergiftung durch das Christentum laborierend (F. Nietzsche, wer sonst) - umherwankt. Oder vielleicht, wenn wir Adolf Holls Diagnose folgen, fühlt er sich dort, im Niemandsland zwischen Erlaubtem und Verbotenem, zwischen Religion und Profanität, ja mittlerweile so wohl, dass er, in die Mitte der Gesellschaft und profane Werbespots im Hauptabendprogramm zurückbefohlen, gar nicht so recht auf Touren kommen mag, nicht einmal mit den kleinen blauen Pillen, die uns die Mails im Spam-Ordner gegen die allgemeine Frigidität empfehlen.

Muss es also Sünde sein, wenn es Spaß machen soll? Eine erste, spontane Antwort lautet, Holl zustimmend, ja. Ein bisschen die Aura des Verbotenen oder zumindest des Verruchten brauchen offenbar viele wieder, nachdem sie in den letzten 50 Jahren von all den detailverliebten Ge- und Verboten in sexualibus befreit wurden - und sei es, nach dem Kinobesuch von Fifty Shades of Grey im Baumarkt gemeinsam Kabelbinder zu kaufen. Eine zweite, durchdachtere Antwort fällt differenzierter aus: Das, was wir mit dem "Reiz des Verbotenen" meinen und worauf eine Vielzahl katholischer Witze zum Thema Sex abzielt, ist schon die Schwundstufe der Sünde, deren kulturelle Abschwächung zum Kunst- oder Pop-Zitat, das mittlerweile selbst in katholischen Bildungshäusern ohne Erregung öffentlichen Ärgernisses gezeigt werden darf. Was Spaß machen soll, ist "Sünde light", genauso wie der Softporno Fifty Shades of Grey "SadoMaso light" ist.

Erotisiert ein schlechtes Gewissen?

Wo sich der Spaß schnell aufhört, zeigen die zentralen Themen der Familiensynode sehr deutlich: wenn es um Sexualität als Bestandteil, ja Konstitutivum von Beziehung geht, und wenn diese Sexualität - weil nach kirchlicher Kasuistik verboten - die ganze Beziehung zu vergiften droht oder zumindest zur Sünde herabwürdigt. Ob geschiedene Wiederverheiratete, Homosexuelle oder "nur" Paare, die mittels Pille oder Kondom verhüten: Sie alle standen bis jetzt oder stehen noch immer vor der Wahl, ihre Sexualität massiv einzuschränken oder in dauernder Sünde zu leben. Ob dieser Sündenbegriff noch immer alle aufgeilt, darf bezweifelt werden. Vielleicht sind in solcher "Sünde" lebende Paare nicht frigid, wie die dauererotisierten Männer in den Überlegungen Holls, aber besonders erotisierend ist das schlechte Gewissen sicher nicht.

Die gute und schlechte Nachricht dabei: Die meisten interessiert längst nicht mehr, was ihnen die katholische Kirche eigentlich alles verböte. Selbst engagierte Katholiken und -innen lassen sich nicht mehr sagen, was sie im Bett zu tun und zu lassen haben, womit das Thema Verhütungsverbot sich de facto erledigt hat. Der letzte Trumpf der Kirche ist noch die Öffentlichkeit der Sünde bzw. der Sünder. "Ich kann ihnen zwar nicht verbieten, es miteinander zu treiben, aber sehr wohl, bei mir zur Kommunion zu gehen", formulierte diese Haltung ein streng konservativer, mit bedingter pastoraler Empathie ausgestatteter Jungpriester einmal. Die mitunter langjährige Beziehung, die gegenseitige Verantwortung, ja gemeinsame Kinder - alles nicht so wichtig wie Sex. Und der ist außerhalb der katholischen Ehe verboten. Und Spaß machen sollte er auch dort nicht zu sehr, darf man dem Konzilsdokument Gaudium et spes (1965) glauben, wo ausdrücklich vor dem Verständnis der Ehe als bloßem Vergnügen gewarnt wird.

Wer bis jetzt mitgedacht hat, könnte eigentlich zu dem Schluss kommen, am besten wäre es doch, wenn die katholische Kirche angehenden Ehepaaren zur Hochzeit all die sexualisierten Werbeplakate schenken würde, die laut Holl mit ihrem Überangebot gleich den Appetit verderben und Männer so impotent machen, dass sich sogar die Verhütung erledigt

Faktum ist, dass unsere westeuropäische Sexualität durch das Christentum geprägt ist und dem erotischen Begehren eine schillernde Ambivalenz zwischen Verbot und Befreiung innewohnt. Das gilt selbst dort, wo dieses Begehren scheinbar profaniert und die Sünde zum Werbezitat geworden ist - es muss zumindest noch das Wort Sünde sein, und sei es als Eislutscher in sieben Varianten. Faktum ist aber auch, und hier muss die Religionswissenschaftlerin Heimerl dem Religionswissenschaftler Holl widersprechen, dass die Grenzzäune und Abgründe des Minenfeldes Sexualität in anderen Religionen zwar eine andere Topografie aufweisen, aber nicht minder stachelig und tief sind. In dem Moment, wo bei einer muslimischen Frau "der Tschador zu Hause fällt", taucht nicht die liberale muslimische Erotik auf, sondern nur die orientalistische Männerfantasie des katholisch-vorkonziliar sozialisierten Kollegen.

Mehr Predigten gegen Missbrauch!

Muss Sex also Sünde sein und bleiben? Ja. Ja, wenn es darum geht, einen verletzungsanfälligen Bereich der menschlichen Existenz vor Ausbeutung und Herabwürdigung zu schützen, wie sie gerade dieser Papst als zentrale Sünden in allen Bereichen benennt und verurteilt. Gegen Prostitution und Kindesmissbrauch könnte ruhig etwas lauter gepredigt werden, und diese Vergiftungen des Eros könnten auch im Katechismus in Hinkunft mehr Platz beanspruchen als die Masturbation. Und damit sind wir auch gleich beim Nein. Nein, Sex muss nicht mehr Sünde sein, wenn es um einen verantworteten und respektvollen Umgang mit dem eigenen wie einem fremden Körper geht. Die Details könnten die laut eigenem Anspruch zölibatären Kleriker langsam dem Gewissen ihrer Schäfchen überlassen.

Ob es dann noch Spaß macht? Wenn nicht, probieren Sie es mit Monty Python: Gehen Sie in die Apotheke und sagen Sie: "Ich hätte gerne siehe oben denn ich, ich bin Katholik". Immerhin sind Katholiken nicht nur für ihr spezielles Verhältnis zu Sex bekannt, sondern auch für ihren Humor.

Die Autorin lehrt Religionswissenschaft an der Univ. Graz

DIE FURCHE

"Vollkommen frigide Gesellschaft"

Interview mit dem Religionswissenschafter, Schriftsteller und katholischen Priester a.D., Adolf Holl.

Von Otto Friedrich

DIE FURCHE: Sexualität ist allgegenwärtig, ohne Sex kommt kein Werbeplakat aus. Ist Sex die Religion von heute?

Adolf Holl: Wenn ich die vielen Augenreize betrachte, die mich als Mann in erster Linie dazu verführen wollen, nicht nur ans Schilaufen, ans Essen und Trinken, an den Broterwerb zu denken, sondern auch noch an dieses gewisse Tralala, dann gewinne ich den Eindruck, dass wir in einer durch und durch frigiden Gesellschaft wohnen

DIE FURCHE:

Holl: einer vollkommen frigiden Gesellschaft! Denn warum denn sonst müssten die Männer, gewissermaßen ununterbrochen, auch wenn sie ein neues Auto kaufen oder ein Bonbon lutschen wollen, stets daran erinnert werden, dass sie auch noch, ab und zu wenigstens, einen Liebesakt vollziehen sollen. [...]

DIE FURCHE: Hat das mit dem Stellenwert der Religion heute zu tun?

Holl: Für mich gibt es keinen Gesellschaftskörper, der am ganzen Körper so mit Erotik tätowiert ist wie den katholischen. Ich glaube überhaupt nicht, dass der katholische Körper - immerhin eine Milliarde Menschen! - prüde ist. Sondern er ist ein Körper, der sich unausgesetzt mit Erotik, Scham, sexuellen Verboten abgibt, und zwar gibt's nur ein Minuszeichen davor. Dieses Minus bewirkt, dass sich dieser Körper unausgesetzt mit seiner Sexualität beschäftigen muss.

DIE FURCHE: Warum ist das katholisch? Sind Muslime da weniger rigide?

Holl: Ja. Die Muselmanen sind ein familiärer, aber innerhalb der Familie liberaler Gesellschaftskörper: die geschlechtliche Liebe zwischen Mann und Frau darf nach der Heirat lebhaft funktionieren. In dem Moment, wie der Tschador zu Hause fällt, taucht eine verführerische Frau auf, die gelernt hat, sich und dem Mann Freude zu bereiten. Auf dem Papier, aber auch in den Köpfen der praktizierenden Menschen gibt es keine rigidere Sexualmoral wie bei uns.