Tobias Müller - Tobias Müller in einer seiner kurzen Pausen während des Nachtdienstes auf der Intensivstation. - © Foto: Sophie Huber-Lachner

Nachtdienst auf der Intensivstation: "Man hat eh keine andere Wahl"

1945 1960 1980 2000 2020

Tobias Huber ist eigentlich eine nachtaktive Eule. Doch ein 24-Stunden-Dienst bringt selbst den Intensivmediziner an seine Grenzen. Ein Nachtdienstreport.

1945 1960 1980 2000 2020

Tobias Huber ist eigentlich eine nachtaktive Eule. Doch ein 24-Stunden-Dienst bringt selbst den Intensivmediziner an seine Grenzen. Ein Nachtdienstreport.

Zwanzig Uhr. Gerade ist es auf der Intensivstation des Salzkammergut Klinikums Vöcklabruck relativ ruhig. Reges Treiben herrscht nur im Pausenraum an der Kaffeemaschine-Zeit, um kurz durchzuschnaufen. Oberarzt Tobias Huber hat um diese Zeit schon 13 Stunden Dienst hinter und noch eine ganze Nacht vor sich. Erst nach insgesamt 24 Stunden wird der 41-jährige Anästhesist und Intensivmediziner die Patienten an den nächsten Arzt übergeben.

In der linken und in der rechten Bauchtasche ein Telefon, hinterm Mundschutz ein Vollbart, die Plastik-Schuhe knallrot, grüne OP-Haube, blaue Bereichskleidung. Huber nutzt die Pause, um sich mit den Krankenschwestern auszutauschen. "Habt ihr schon was aus dem OP gehört?", fragt er. Zum Kaffee gibt's Süßes und Schokolade in allen Ausführungen. "Bis 22 Uhr ist die Operation eingeplant", sagt eine der Krankenschwestern. Der erwartete Patient wird wohl bald kommen. In dem engen Raum sind die großen Monitore nicht zu übersehen. Bei jedem Schluck Kaffee haben Arzt und Schwestern die Vitalparameter ihrer Patienten im Blick: Herztätigkeit, Blutdruck und Sauerstoffsättigung.

Oberschenkel-Amputation links

"Vorsicht, bitte!" Der Patient wird vom Operationsteam in die Intensivstation geschoben. Huber streift sich eine dünne Plastikschürze und Handschuhe über. Drei Krankenschwestern sind gleichzeitig mit Kabeln und Schläuchen beschäftigt. Der neue Patient wird an unterschiedliche High-Tech-Geräte angeschlossen und mit Infusionen versorgt. In dieser Koje ist es jetzt taghell. Gelegentlich piepst eines der Geräte laut und rhythmisch.

Oberschenkel-Amputation links. Der Operationsverlauf ist gut, der Blutverlust beträchtlich. Einiges an Schmerzmitteln wird der Patient brauchen. Oberarzt Huber wirft einen Blick unter die blaue Decke des Patienten, um sich ein Bild von der Wunde zu machen. Am Bett fällt noch die Entscheidung über die Medikation. Dann noch Eingaben am Computer. Keine Alarmsignale, nur gleichmäßige grüne, rote und gelbe Kurven am Monitor. Der Patient ist im Tiefschlaf. Aus dem wird er diese Nacht auch nicht geweckt.

Zwanzig Uhr. Gerade ist es auf der Intensivstation des Salzkammergut Klinikums Vöcklabruck relativ ruhig. Reges Treiben herrscht nur im Pausenraum an der Kaffeemaschine-Zeit, um kurz durchzuschnaufen. Oberarzt Tobias Huber hat um diese Zeit schon 13 Stunden Dienst hinter und noch eine ganze Nacht vor sich. Erst nach insgesamt 24 Stunden wird der 41-jährige Anästhesist und Intensivmediziner die Patienten an den nächsten Arzt übergeben.

In der linken und in der rechten Bauchtasche ein Telefon, hinterm Mundschutz ein Vollbart, die Plastik-Schuhe knallrot, grüne OP-Haube, blaue Bereichskleidung. Huber nutzt die Pause, um sich mit den Krankenschwestern auszutauschen. "Habt ihr schon was aus dem OP gehört?", fragt er. Zum Kaffee gibt's Süßes und Schokolade in allen Ausführungen. "Bis 22 Uhr ist die Operation eingeplant", sagt eine der Krankenschwestern. Der erwartete Patient wird wohl bald kommen. In dem engen Raum sind die großen Monitore nicht zu übersehen. Bei jedem Schluck Kaffee haben Arzt und Schwestern die Vitalparameter ihrer Patienten im Blick: Herztätigkeit, Blutdruck und Sauerstoffsättigung.

Oberschenkel-Amputation links

"Vorsicht, bitte!" Der Patient wird vom Operationsteam in die Intensivstation geschoben. Huber streift sich eine dünne Plastikschürze und Handschuhe über. Drei Krankenschwestern sind gleichzeitig mit Kabeln und Schläuchen beschäftigt. Der neue Patient wird an unterschiedliche High-Tech-Geräte angeschlossen und mit Infusionen versorgt. In dieser Koje ist es jetzt taghell. Gelegentlich piepst eines der Geräte laut und rhythmisch.

Oberschenkel-Amputation links. Der Operationsverlauf ist gut, der Blutverlust beträchtlich. Einiges an Schmerzmitteln wird der Patient brauchen. Oberarzt Huber wirft einen Blick unter die blaue Decke des Patienten, um sich ein Bild von der Wunde zu machen. Am Bett fällt noch die Entscheidung über die Medikation. Dann noch Eingaben am Computer. Keine Alarmsignale, nur gleichmäßige grüne, rote und gelbe Kurven am Monitor. Der Patient ist im Tiefschlaf. Aus dem wird er diese Nacht auch nicht geweckt.

Kaffee und Schokolade sind super, Schimpfen ist super. Und letztendlich hat man eh keine andere Wahl. Es treibt einen dann eh die Akutizität zum Handeln.

22 Uhr 30. Kaffee hat auf den Arzt längst keinen Effekt mehr. "Das ist reine Belohnung", sagt Huber. Kaum hat die Maschine die Tasse gefüllt, klingelt das Telefon. Die Frau des beinamputierten Patienten erkundigt sich nach dem Zustand ihres Mannes. Ausführlich und ruhig erteilt der Oberarzt Auskunft. Wieder keine Pause im eigentlichen Sinn.

Huber ist eigentlich eine nachtaktive Eule. Nachts zu arbeiten kann lässig sein - wenn man um 23 Uhr heimgehen kann: "Das Entscheidende ist, ob du im eigenen Bett schlafen darfst oder nicht - und ob es irgendwann einen Punkt gibt, an dem die Nacht nur mehr dir gehört." Neu im Beruf hätte er gedacht, Nachtdienste würden ihm gefallen. Doch schon wenig später musste Huber feststellen, dass dem nicht so ist. "Irgendwann wird klar, dass man nicht besser funktioniert um vier Uhr früh."

Reine Nachtdienste gibt es bei ihm nicht. Nachtdienst heißt, dass Huber um sieben Uhr früh beginnt: Zuerst mit einer ausführlichen Übergabe, später - wenn nichts dazwischenkommt - mit einem Kaffee. Dann geht die Arbeit los, und zum ersten Mal abreißen tut sie gegen 20 Uhr. Da kann Huber zum ersten Mal sitzen.

Pause am Hubschrauberlandeplatz

23 Uhr 15. In dem langen Gang, der die Intensivstation mit dem OP-Bereich verbindet, kommt man gleich an mehreren Uhren vorbei."Wenn die innere Uhr verloren geht, braucht man umso mehr äußere Uhren", sagt Huber müde. Die Plastikschuhe quietschen bei jedem Schritt. Jetzt ist es wirklich ruhig hier, erst um sechs Uhr früh wird wieder alles hochgefahren. Heute lässt es die Zeit zu, dass Huber zwischendurch mit dem Lift ganz nach oben fährt: Frische Luft schnappen am Hubschrauber-Landeplatz. Am Nachmittag ist es da sonnig, in der Nacht ist es ruhig.

Einmal geht der Oberarzt mit den Schwestern die Patienten dann noch durch. Alle stabil. Es ist fast Mitternacht, als er die Intensivstation verlässt, um sich niederzulegen. Huber bezieht das Zimmer, das seit dem Vormittag auf ihn wartet, mit einem Bett, einem Computer und einer Dusche. Hoffentlich ist nach Mitternacht keine Operation mehr, denkt sich Huber. Hoffentlich kommen keine Unfälle, hoffentlich fällt in den Altersheimen der Umgebung keiner aus dem Bett. Und hoffentlich ist das Nächste, was mich weckt, der Wecker um halb sechs und nicht das Telefon oder ein Alarm um zwei Uhr früh.

Nach dem Stress der Crash

Wenn alles gut geht, steht Huber morgens um sechs unter der Dusche und wenig später wieder auf der Station, um sie dem Nächsten zu übergeben. Dann geht es endlich nach Hause - falls es auf dem Weg keine Einkäufe oder Behördengänge gibt. Meist ist er noch elektrisiert, erst zwischen neun und zehn Uhr vormittags, wenn der vegetative Stress abfällt, kommt der Crash, die Müdigkeit, die Erschöpfung. Nach einer schlechten Nacht muss er sich hinlegen - und kann manchmal erst recht nicht schlafen. Aber nach einer guten versucht er wach zu bleiben. "Im Idealfall stelle ich mir vor, dass ich dann aktiv werden kann, auf den Berg gehen oder zu Hause etwas erledigen", sagt Huber. Ideal sind kopflose Tätigkeiten im Garten oder Haushalt, am besten ist Reparieren.

Mit 24-Stunden-Schichten ist zwar eine Nacht "verzecht", aber man wird wenigstens nicht aus dem Rhythmus geworfen, erklärt Huber. "Anders wäre das im Tag-Nacht-Schichtbetrieb, wo man etwa drei Nächte hintereinander arbeitet -so wie es die Pflege macht. Das ist ein wesentlich größerer Einschnitt in den zirkadianen Rhythmus." Huber hat das ausprobiert. Wenn man drei Nächte hintereinander Nachtschicht hat, stellt sich der Körper schon auf einen anderen Rhythmus um. Sobald er sich aber umgestellt hat, hat man wieder Tagschichten. "Man ist immer dann müde, wenn man nicht schlafen kann, und immer wenn man schlafen kann, ist man gerade nicht müde", sagt Huber. "Da sind dann andere Strategien gefragt."

Was seine Strategien sind? "Kaffee und Schokolade sind super, Schimpfen ist super. Und letztendlich hat man eh keine andere Wahl. Es treibt einen dann eh die Akutizität zum Handeln."

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