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Nicht unterwerfende Anpassung wird gefordert

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Der Begriff Leitkultur fordert die Auseinandersetzung mit ihr und ihren Vorgaben, ohne sie schon als normativ anzuerkennen.

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Der Begriff Leitkultur fordert die Auseinandersetzung mit ihr und ihren Vorgaben, ohne sie schon als normativ anzuerkennen.

Wer von einer Leitkultur spricht, sieht sich dem Vorwurf kultureller Hegemonie ausgesetzt. Leitkultur wird natürlich besonders dann zum Ärgernis, wenn ihr das Attribut des "Deutschen" beigemessen wird. Die Formulierung des Begriffes von der "deutschen Leitkultur" weckt unselige Erinnerungen. Unvergessen ist die Propaganda: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen und deren verheerende Folgen. Derartige Ansprüche sind indiskutabel. Daneben gibt es jedoch ein Verständnis, von leitender, verbindlicher Kultur, wenn man an die kürzlich geführte Diskussion über die sogenannte europäische Wertegemeinschaft denkt, die noch allen in Erinnerung ist.

Österreich war monatelang an den Pranger gestellt, mit Sanktionen belegt worden, weil es sich - so der Vorwurf - nicht an die europäischen Werte gehalten hätte. Und es ist merkwürdig wie diejenigen, die so heftig für die Sanktionen gegen Österreich eingetreten waren, nun gegen die Verbindlichkeit einer vorgegebenen Kultur polemisieren. Wer für die Verbindlichkeit gegebener Werte ist, müsste die Verbindlichkeit einer gegebenen Kultur für diejenigen anerkennen, die zu dieser Kulturgemeinschaft gehören wollen.

Alles hängt hier natürlich am Begriff der Verbindlichkeit, der im Begriff der Leitkultur angesprochen ist. Wenn Kultur das Insgesamt der von den Menschen einer Gemeinschaft vollzogenen Sinngebung in Weltanschauung und Religion, in Künsten und Wissenschaften, in Sitten und Gebräuchen, vor allem in Sprache und Geschichte ist, dann ist alle Pädagogik auf sie verpflichtet. Sie darf die erreichte Wertigkeit in den kulturellen Objektivationen nicht unterbieten; weder der jetzigen noch den zukünftigen Generationen darf sie vorenthalten werden, wenn man die konkrete Möglichkeit von Bildung nicht unterschlagen will. Dabei fordert kulturelle Tradition nicht unterwerfende Anpassung; sie ist das "Stimmrecht der Toten, nicht deren Diktatur". Aber Auseinandersetzung mit ihr und über sie ist verpflichtend gefordert.

Wer in Österreich leben will, muss sich mit seiner Sprache, seinen kulturellen Objektivationen vertraut machen. Ebenso ist Österreich verpflichtet, dem "Fremden" so wie jedem österreichischen Kind, die Möglichkeit zur Begegnung mit der "herrschenden" Kultur anzubieten, die Auseinandersetzung mit den kulturellen Gegebenheiten zu fordern und zu fördern. Das wäre die Aufgabe von Integration, die nicht nur Assimilation fordert, sondern schließlich zu gegenseitiger Bereicherung führen kann.

Das verbreitete Reden von multikultureller Bildung und Gesellschaft erfährt hier seine Grenze. Ihr bleiben die Wertigkeiten der kulturellen Ausprägung gleich gültig, und der andere, das Fremde wird mir gleichgültig; eine Gleichgültigkeit, die bei Gelegenheit zu aggressiven Ausbrüchen führt, weil man die dialogische Auseinandersetzung verdrängt hat. Die zum Austausch von politischen Schlagworten verkommene Diskussion der Begriffe von Integration und Multikulturalität zeigt auch hierzulande ihre erbärmliche Oberflächlichkeit in der Anpassung an den Zeitgeist; die schließlich in Gewalttätigkeit ausartet als Ersatz für einen argumentativen Dialog.

Das Wort Leitkultur macht den unverzichtbaren Anspruch von Gesetz und Verfassung deutlich. Sie einzuhalten sind alle Bürger, die in diesem Lande leben verpflichtet. Diese Interpretation ist richtig, greift aber zu kurz. Gefordert ist im Begriff der Leitkultur die Auseinandersetzung mit ihr, mit ihren Vorgaben, ohne sie schon als normativ anzuerkennen.

Ob der Begriff Leitkultur eine glückliche Wortbildung ist, mag dahingestellt sein. Zumindest hat er eine lebendige Diskussion über Begriffe entfacht, die als Tabu galten. Wer über Integration kritisch nachdachte, wurde und wird ebenso diskriminiert wie derjenige, der das Wort von der Multikulturalität nicht verehrungswürdig in seinem Wortschatz bereit hält.

Der Autor ist emeritierter Professor für Pädagogik an der Universität Wien.

Zum Thema: Deutsche Leitkultur Nachdem "Computer-Inder" als Unwort dieses Jahres schon so gut wie feststand, schlug die "deutsche Leitkultur" wie ein Blitz ein und schaffte es noch, diese fragwürdige Auszeichnung zu erlangen. Begründet wurde die Wahl damit, dass der Begriff unscharf ist und verschiedene Interpretationen zulasse.

Geprägt wurde der Begriff vom Islamwissenschafter Bassam Tibi. In die politische Diskussion brachte das Reizwort der CDU-Fraktionsvorsitzende Friedrich Merz und löste damit einen wilde Debatte rund um die Fragen Einwanderung und Integration aus. Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, meinte, der Begriff wecke nicht nur bei Juden schreckliche Assoziationen und verleite zu Missverständnissen. Dem entgegenzuwirken, versucht die furche mit dieser Debatte. WM

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