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Nichts mehr mit "null Bock"

Es gibt sie nicht: "die Jugendlichen". Doch nach der aktuellen "Jugend-Wertestudie 2006/07" haben junge Menschen zumindest eines gemeinsam: Leistungsorientierung und Sehnsucht nach Sicherheit. Die "Spaßgesellschaft" scheint demnach von gestern. Österreichs Jugend im Porträt.

Nennen wir sie Christian und Petra, Ivica und Ivana, Mohammed und Shirin. Sie alle sind 14 bis 24 Jahre alt und leben in Österreich. Nur in ihrer Herkunft unterscheiden sie sich: Die einen haben heimische Wurzeln, die anderen sind in einer (nichtmuslimischen) Migrantenfamilie aufgewachsen, die dritten sind Muslime. Stellvertretend stehen sie für jene 1231 jungen Menschen, die im Rahmen der aktuellen "Jugend-Wertestudie 2006/07" (siehe Kasten) danach befragt wurden, was ihnen wirklich wichtig ist. Und diese 1231 Befragten wiederum repräsentieren die österreichische Jugend. Obwohl: "Die Jugend" gibt es nicht. Zu vielfältig sind die Herkünfte und Lebenskonzepte. Im Buch "Lieben - Leisten - Hoffen" wurde von den Studienautorinnen und -autoren trotzdem die Einteilung in sechs Wertetypen gewagt.

Jugendliche Typen

* "Unentschiedene Optimisten" (28 Prozent): Für sie steht das persönliche Lebensglück im Vordergrund, politisch sind sie weniger interessiert.

* "Prosoziale Pragmatiker" (21 Prozent): Neben dem persönlichen Lebensglück hat auch Solidarität einen Wert.

* "Leistungsorientierte Idealisten" (16 Prozent): Sie erleben sich sehr selbstbestimmt und sind eher politisch interessiert.

* "Freizeitorientierte Hedonisten" (13 Prozent): Ihnen geht es um freizeitorientiertes Lebensglück, leistungsorientierte, materialistische Werte werden abgelehnt.

* "Egozentrische Hedonisten" (zwölf Prozent): Sie streben nach Befriedigung spontaner Bedürfnisse, Solidarität spielt keine Rolle.

* Und schließlich "resignierte Skeptiker" (zehn Prozent): Sie lehnen fast alle Werte ab und blicken sorgenvoll in die Zukunft.

So unterschiedlich diese Typen sind: Eines verbindet sie - die Sehnsucht nach Sicherheit. "Das Bedürfnis nach Überschaubarkeit und emotionaler Geborgenheit in einer unübersichtlichen und komplexen Welt ist hoch", schreiben Ingrid Kromer und Katharina Hatwagner vom Österreichischen Institut für Jugendforschung (ÖIJ). Kein Wunder, dass Familie und freundschaftliche Beziehungswelten im Ranking der wichtigsten Lebensbereiche ganz oben liegen (siehe Grafik).

So viel, so wenig überraschend. Ein näherer Blick offenbart jedoch interessante Details. So möchten acht von zehn Jugendlichen heiraten. Auf die steigende Scheidungszahl scheinen sie mit umso mehr Sehnsucht und Idealismus zu reagieren. Auch Treue wird von zwei Dritteln groß geschrieben - allerdings nur "solange die Beziehung stimmt" und nicht "bis der Tod uns scheidet". Treue bedeutet für Jugendliche eher "serielle Monogamie".

Wenn es um den Zeitpunkt der Familiengründung geht, gibt es zwischen Christian und Petra, Ivica und Ivana, Mohammed und Shirin freilich erhebliche Unterschiede. Während 25 Prozent der muslimischen Jugendlichen möglichst bald eine eigene Familie mit Kindern haben möchten, sind es bei andersgläubigen Migranten nur elf und bei den übrigen Jugendlichen nur neun Prozent. Auch bei den Geschlechterrollen gibt es Differenzen: Das gleichberechtigte Rollenverständnis zwischen Mann und Frau erhält bei jungen Frauen wie Petra den höchsten Zuspruch (87 Prozent), bei jungen Männern wie Mohammed den niedrigsten (35 Prozent). "Traditionelle Familienmodelle scheinen bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund noch stärker verankert zu sein", lautet die Interpretation der Autorinnen.

Allen jungen Menschen gemeinsam ist hingegen die immer stärkere Ausrichtung auf Leistung und beruflichen Erfolg. Seit der ersten Österreichischen Jugend-Wertestudie 1990 verzeichnet der Lebensbereich "Arbeit" einen kontinuierlichen Bedeutungszuwachs (siehe Grafik). Berufliche Selbstverwirklichung verliert, Existenzsicherung gewinnt an Wichtigkeit. Immerhin 39 Prozent haben Angst, den Anforderungen im Berufsleben nicht gewachsen zu sein. "Vor allem bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund sehen wir Sorge um die Zukunft", meint die Sozialwissenschafterin Ingrid Kromer zur Furche.

Die größten Differenzen zwischen Christian und Petra, Ivica und Ivana, Mohammed und Shirin herrschen freilich im Bereich Religion. Nur jeder elfte einheimische Jugendliche erachtet Religion als sehr wichtig. Hingegen ist es jeder dritte junge Mensch mit Migrationshintergrund und jeder zweite muslimische Jugendliche. Insgesamt sei Religion wieder wichtiger geworden, meint Studienautorin Regina Polak vom Institut für Praktische Theologie an der Universität Wien. Zugleich ist eine widersprüchliche Entwicklung festzustellen: Während die Zustimmung zum Glauben an Gott gestiegen ist (von 62 auf 69 Prozent), ist die Selbstbezeichnung als "religiöser Mensch" gesunken (von 52 auf 34 Prozent). Wie passt das zusammen? "Die viel zitierte Gotteskrise ist eine Praxiskrise", konstatiert Polak. Es gebe einen "eklatanten Mangel an Räumen, wo Glaube im Sinn von Lebenspraxis erfahrbar" werde. Den oft geäußerten Vorwurf, Jugendliche seien "ethische Relativisten", weist sie indes zurück. "Es gibt auch einen konkreten Wunsch nach objektiven Normen und einen Bedarf nach Werten", freut sich die Theologin.

Starker Mann gefragt

Was die Studienautorinnen und -autoren weniger freut, sind die Aussagen der Jugendlichen zur Politik. Nur vier Prozent empfinden Politik als sehr wichtig. Nachdenklich macht auch das klare Ansteigen neo-autoritaristischer Ansichten - etwa die Zustimmung zur Aussage "Sicherheit und Wohlstand sind wichtiger als Freiheit" (von 17 auf 35 Prozent). Mehr als drei von zehn Jugendlichen wünschen sich sogar einen "starken Mann, der sich nicht um Wahlen und ein Parlament kümmern" muss. "Man traut der Politik einfach nicht Lösungskompetenzen für die derzeitigen Herausforderungen zu", meint Studienautorin Ingrid Kromer. Stattdessen wünschten sich gerade Jugendliche mit geringerem Bildungsniveau lieber Expertinnen und Experten - oder eine starke Hand.

Doch auch gebildete, junge Menschen haben die Nase voll. Eine 22-jährige Studentin bringt die Frustration im Rahmen einer Fokusgruppe auf den Punkt: "Also ich als Österreicherin denke mir, überall wo ich ins Ausland hinkomme, wo die Medien vermitteln, wie es hier zugeht, da muss ich mich echt schämen für die Politiker."

Ob Christian oder Petra, Ivica oder Ivana, Mohammed oder Shirin: "Die Jugendlichen sind ein Spiegel der Gesellschaft", pflegt Ingrid Kromer zu sagen. Jetzt erst recht.

BUCHTIPP:

LIEBEN - LEISTEN - HOFFEN: Die Wertewelt junger Menschen in Österreich. Von Christian Friesl, Ingrid Kromer, Regina Pola (Hg.). Czernin Verlag, Wien 2008, 328 Seiten, brosch., € 20,-

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