Noch gibt es die Globalisierung nicht

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Nicht die Konkurrenz durch Niedriglohnländer sei das Problem des als Globalisierung gehandelten Phänomens, so der Autor, sondern die Firmenkonzentration.

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Nicht die Konkurrenz durch Niedriglohnländer sei das Problem des als Globalisierung gehandelten Phänomens, so der Autor, sondern die Firmenkonzentration.

Globalisierung ist ein modisches Schlagwort mit dem unterschiedliche Gruppen sehr unterschiedliche Vorstellungen verbinden, zumeist unspezifizierte Bedrohungen: Bedrohungen, die die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Österreich oder auch von ganz Europa betreffen, die Sicherheit der Einkommen, oder die soziale Sicherheit ganz generell. Zumeist denkt man an eine Bedrohung der europäischen oder der österreichischen Konkurrenzfähigkeit durch die Länder, in denen die Einkommen bloß ein Viertel, ein Zehntel oder noch weniger der unserigen betragen; an eine Bedrohung durch die ehemaligen Ostblockstaaten oder die dynamischen Niedriglohnländer in Südostasien.

Die einzelnen Gruppen der Bevölkerung reagieren auf die vermutete Bedrohung recht unterschiedlich: Die Industrie aggressiv-dynamisch, indem sie durch Konzentration Marktmacht schaffen und durch Lohndruck und Sozialabbau ihre Konkurrenzfähigkeit stärken möchte; die Arbeitnehmer durch verbissene Verteidigung ihrer Rechte und durch Fremdenfeindlichkeit, in Abwehr vermuteter Konkurrenten um die als knapp angesehenen Arbeitsplätze.

Die Angstbilder, und erst recht die Reaktionen darauf, sind ungerechtfertigt: Globalisierung ist ein Schlagwort, inhaltlich, statistisch, logisch und geographisch dubios. Die Realität ist anders, und die Bedrohungen liegen anderswo.

Stark intensivierter EU-Binnenhandel Die Globalisierung hat insofern gar nicht stattgefunden, als zwei Drittel des EU-Außenhandels zwischen EU-Ländern stattfinden, ein weiteres Sechstel mit reichen Industriestaaten; ähnliche Größenordnungen gelten auch für Direktinvestitionen, technische Zusammenarbeit oder Kooperation in der Forschung.

Sofern also Globalisierung Konkurrenz durch Niedriglohnländer bedeutet, betrifft sie weniger als ein Zehntel des EU-Außenhandels und wenig mehr als drei Prozent der EU-Wirtschaftsleistung (Brutto-Nationalprodukt). Aus der Tatsache, daß relativ viele Computer und Autos aus Südostasien kommen, darf nicht auf die Gesamtwirtschaft geschlossen werden.

Was als Globalisierung bezeichnet wird, ist die tatsächlich hohe Verflechtung und das Zusammenwachsen der EU-Volkswirtschaften, der bewußte Akt der europäischen Integration, der mit Niedriglohnkonkurrenz wenig zu tun hat. Dieser Akt der europäischen Integration war auch insofern überaus erfolgreich, als Europa wettbewerbsfähig wurde: Ganz anders als das Schlagwort der Globalisierung glauben macht, exportiert Europa erheblich mehr als es importiert, und schafft dadurch Arbeitsplätze - bedroht von der Globalisierung sind somit bestenfalls die anderen.

Daß Globalisierung positive Folgen zeitigt - soweit sie überhaupt stattfindet - zeigt auch der Fall des Eisernen Vorhangs: Befürchtet wurde eine Abwanderung österreichischer Betriebe in diese Niedriglohn-Paradiese und eine Auslagerung von Zulieferungen. In einzelnen Fällen ist das natürlich auch erfolgt, doch insgesamt konnte Österreich seine Verkäufe in diese Länder viel stärker ausweiten; 20.000 bis 50.000 Arbeitsplätze sind dadurch entstanden.

Europas verbesserte Leistungsbilanz Alle Befürchtungen, die mit der Globalisierung üblicherweise verbunden werden, sind somit so falsch, daß derzeit geradezu ihr Gegenteil gilt: Europa hat als Folge der Globalisierung durch Mehrexporte (Leistungsbilanzüberschuß) Arbeitsplätze gewonnen, die USA haben dadurch Arbeitsplätze verloren (hohes Leistungsbilanzdefizit).

Das bedeutet allerdings keineswegs, daß sich die Europäer beruhigt zurücklehnen könnten: Europa hat sicherlich ein Problem der Industriestruktur und ein Problem der Technologiepolitik. Wir sind immer noch zu stark in traditionellen Industriebranchen verankert, investieren und innovieren mit einem Zukunftshorizont von drei bis fünf Jahren, und verringern unsere ohnedies zu geringe Forschungsquote weiter, anstatt intensiv an den Gebieten zu arbeiten, auf denen Europa in zehn Jahren Marktführer sein könnte. In diesem Sinne könnte die Globalisierung in Zukunft tatsächlich ein Problem werden.

Die Diskussion um den Fetisch Globalisierung ist nicht bloß unnötig, weil sie Europas Konkurrenzfähigkeit gar nicht bedroht, sie ist auch gefährlich, und zwar aus mehreren Gründen: Sie schürt die Angst vor Arbeitsplatzverlusten, und fördert dadurch Fremdenfeindlichkeit; sie verschärft die Diskussion um die Reform des Sozialsystems, und trägt zur Desintegration der Gesellschaft bei; und sie liefert den Unternehmen Argumente, warum Konzentration nicht bloß für ihre Gewinne, sondern auch für die Gesamtwirtschaft vorteilhaft ist.

Als zentrale Begründung der Unzahl von Fusionen und Megafusionen - und damit der Konzentrationstendenzen - führen die Unternehmungen nämlich die Globalisierung an, den Zwang sich zum global player zu entwickeln. Allerdings: Nicht nur hat die Globalisierung in dem behaupteten Ausmaß gar nicht stattgefunden, sondern - und das ist viel entscheidender - drei Viertel der Fusionen finden im nationalen Rahmen statt.

Es geht somit offenbar eher darum, dominierender nationaler "player" zu werden - früher nannte man das Monopolist -, nicht globaler. Dieses Argument für Fusionen überzeugt somit wenig. Als zweite Begründung werden gerne steigende Skalenerträge angeführt, die Tatsache, daß große Betriebe angeblich effizienter arbeiten, die Konzentration infolge ihrer effizienzsteigernden Wirkung somit unvermeidlich sei; nur große und größte Unternehmen könnten sich im globalen Wettbewerb behaupten.

Ein Teufelskreis der Konzentration Die Realität widerlegt auch dieses Argument: Erstens geht es bei Fusionen nämlich nicht um die Zusammenlegung von Fabriken, die die Vorteile der Massenproduktion nützen könnten; es geht um die Fusion von Firmen, die auch weiterhin zahlreiche Fabriken betreiben. Zweitens arbeiten bloß in wenigen Branchen Großbetriebe merklich effizienter als kleinere. Drittens zeigt sich, daß die stärkste Konzentration nicht in den technologieintensiven Branchen stattfindet, sondern in den werbeintensiven, in denen Skalenerträge wohl weniger Bedeutung haben.

Wenn also nicht wegen Globalisierung und Skalenerträgen - warum finden Fusionen dann statt? Eine gewisse Bedeutung mögen die neuen Organisationsformen und -konzepte der Industrie haben, das Vordringen der Informationstechnologie, sowie Outsourcing (die Ausgliederung bestimmter Firmenfunktionen, Anm.) und Konzentration auf die Kernaktivitäten.

Ein weiteres wichtiges Argument sind die Fusionen der jeweiligen Gegenseite: Die Industrie fusioniert, weil ihre Konkurrenten fusionieren, der Handel fusioniert, weil die Industrie fusioniert, und diese wiederum weil der Handel fusioniert. Jede Seite argumentiert, sie müsse groß genug sein, um dem Gegner nicht ausgeliefert zu sein. Hier ist die Wettbewerbspolitik gefordert, diesen Teufelskreis zu verhindern. Der wichtigste Grund für die Fusionen wird jedoch viel zu selten betont: Das Streben nach Macht. Wie bereits erwähnt, findet die Konzentration keineswegs dort statt, wo man sie erwarten würde: in den Branchen, in denen Hochtechnologie und Forschungsintensität große Unternehmungen vielleicht begünstigen; die stärkste Konzentration ist vielmehr dort zu finden, wo Werbe- und Marketingausgaben eine besonders große Rolle spielen.

Konzentration erfolgt somit vor allem, um Marktmacht zu gewinnen und insofern ist sie volkswirtschaftlich kontraproduktiv: Konzentration bedeutet Verringerung des Wettbewerbs und sie bedeutet zugleich Verlagerung der dispositiven Funktionen in das Stammwerk, somit in der Regel in die Agglomeration. Konzentration bedeutet insofern fast unvermeidlicherweise einen Verlust an nationaler und regionaler Vielfalt und Eigenständigkeit.

Die Konzentration - und damit die Fusionen die sie fördern - ist keineswegs mehr ein triviales Problem in Europa. Gemessen an dem Anteil der vier größten Unternehmungen an der Produktion der jeweiligen Branche ist sie von 20,5 Prozent im Jahre 1987 auf 22,8 Prozent im Jahr 1993 gestiegen, das heißt um einen halben Prozentpunkt pro Jahr.

Die 20 größten Unternehmen haben in der EU einen Produktionsanteil von 14 Prozent, die 50 größten von 22 Prozent, und zwar in der gesamten EU, nicht bloß in einem einzelnen Land. Das ist bedenklich für den Wettbewerb und für die regionale Identität, und es ist zu fragen, ob eine solche Entwicklung wirklich unvermeidlich ist.

Der unzureichende Strukturwandel und der Prozeß der zunehmenden Konzentration stellt somit eine viel gefährlichere Bedrohung unserer Wirtschaftsordnung dar als die Globalisierung; es gilt daher den Strukturwandel zu beschleunigen und der Konzentration mit den Instrumenten der Wettbewerbspolitik und der Fusionskontrolle auf europäischer wie österreichischer Ebene massiv entgegenzuwirken.

Der Autor ist Universitätsprofessor für Volkswirtschaft an der Akademie für Wissenschaften in Wien.

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