Struwwelpeter - © Ilustration: Getty Images / ullstein bild
Gesellschaft

Noch immer Struwwel um den Peter

1945 1960 1980 2000 2020

Vor 125 Jahren ist der Nervenarzt Heinrich Hoffmann verstorben. Sein berühmtestes Werk, „Struwwelpeter“, ist aber lebendig wie eh und je – und wird gern zerrissen.

1945 1960 1980 2000 2020

Vor 125 Jahren ist der Nervenarzt Heinrich Hoffmann verstorben. Sein berühmtestes Werk, „Struwwelpeter“, ist aber lebendig wie eh und je – und wird gern zerrissen.

Die Erlaubnis zum Druck seines Struwwelpeter-Büchleins verband Heinrich Hoffmann mit einer Auflage: „Kinder- bücher, sagte ich, müssen solid aussehen, aber nicht sein, sie sind nicht allein zum Betrachten und Lesen, sondern auch zum Zerreißen bestimmt.“ Damit hat der Frankfurter Nervenarzt im doppelten Wortsinn das Schicksal seines unzählige Male neu aufgelegten, in Dutzende Sprachen übersetzten Weltbestsellers vorausgesehen. Denn nicht nur Kinderhände arbeiten sich seit bald 175 Jahren am Struwwelpeter ab, auch die Pädagogen-, Psychologen- und Kinderbuchexperten-Zunft „zerlegt“ mit Eifer die zehn darin beschriebenen Geschichten und ihre Charaktere.

Mit ein Grund, warum Hauptfiguren wie der „Zappel-Phillipp“, der „Suppen-Kaspar“ oder der „Hanns Guck-in-die-Luft“ längst im Wortschatz fest verankert sind. Umgezogen wird dafür in Frankfurt. Am 23. September, drei Tage nach dem 125. Todestag von Heinrich Hoffmann, eröffnet das vom Stadtrand ins Zentrum verlegte Struwwelpeter-Museum neu. Besucher jeden Alters sind eingeladen, in den interaktiven „Struwwelkosmos“ einzutauchen. Struwwelpeter & Co. sollen in der Altstadt als typisches Frankfurter Phänomen präsentiert werden, heißt es in der „Struwwelpeter zieht um“-Info. Gleichzeitig will man Hoffmanns „wilde Kerle“ als ewig rebellische Charaktere in der Gegenwart verorten und die Frage stellen: Was hat der Struwwelpeter mit uns heute zu tun? Schwarze Pädagogik? Schwarzer Humor!

Sehr viel, lautet die Antwort von Museumsleiterin Beate Zekorn-von Bebenburg: „Der Struwwelpeter wäre nicht 175 Jahre alt geworden, wenn seine Geschichten nicht besonders für Kinder geeignet wären und von den Kindern besonders geliebt würden“, sagt sie im Gespräch mit der FURCHE. Mit Kritik am Struwwelpeter und seinem Autor ist sie ständig konfrontiert. Immer wieder kommen Besucher zu ihr und sagen: „Das Museum ist schön, aber das Buch ist furchtbar.“ Für Zekorn-von Bebenburg steckt hinter solchen Bewertungen oft die Auseinandersetzung mit der eigenen Kindheit und Erziehung: „Der Struwwelpeter wurde eingesetzt, um einzuschüchtern. Für viele Erwachsene ist er deswegen das Symbol einer Erziehung, die nicht gut gelaufen ist.“ Doch die Museumsleiterin hält dagegen: „Heinrich Hoffmann ist ein Mann mit schwarzem Humor, aber kein schwarzer Pädagoge.“

Der 1809 in Frankfurt geborene Heinrich Hoffmann war jedenfalls kein professioneller Kinderbuchautor. Er war Arzt. Aber um weinende kleine Patienten zu beruhigen, zeichnete Hoffmann einen kleinen Buben in sein Notizbuch und erzählte, „wie der Schlingel sich nicht die Haare, nicht die Nägel schneiden läßt“. In seiner Beschreibung der Entstehungs- geschichte des Struwwelpeters beschreibt Hoffmann das Ergebnis seiner Kritzelei: „Das frappiert den kleinen Desperaten derart, daß er schweigt, hinschaut, und mittlerweile weiß ich, wie es mit dem Pulse steht, wie seine Temperatur sich verhält, ob der Leib oder die Atmung schmerzhaft ist – und der Zweck ist erreicht.“

Die Erlaubnis zum Druck seines Struwwelpeter-Büchleins verband Heinrich Hoffmann mit einer Auflage: „Kinder- bücher, sagte ich, müssen solid aussehen, aber nicht sein, sie sind nicht allein zum Betrachten und Lesen, sondern auch zum Zerreißen bestimmt.“ Damit hat der Frankfurter Nervenarzt im doppelten Wortsinn das Schicksal seines unzählige Male neu aufgelegten, in Dutzende Sprachen übersetzten Weltbestsellers vorausgesehen. Denn nicht nur Kinderhände arbeiten sich seit bald 175 Jahren am Struwwelpeter ab, auch die Pädagogen-, Psychologen- und Kinderbuchexperten-Zunft „zerlegt“ mit Eifer die zehn darin beschriebenen Geschichten und ihre Charaktere.

Mit ein Grund, warum Hauptfiguren wie der „Zappel-Phillipp“, der „Suppen-Kaspar“ oder der „Hanns Guck-in-die-Luft“ längst im Wortschatz fest verankert sind. Umgezogen wird dafür in Frankfurt. Am 23. September, drei Tage nach dem 125. Todestag von Heinrich Hoffmann, eröffnet das vom Stadtrand ins Zentrum verlegte Struwwelpeter-Museum neu. Besucher jeden Alters sind eingeladen, in den interaktiven „Struwwelkosmos“ einzutauchen. Struwwelpeter & Co. sollen in der Altstadt als typisches Frankfurter Phänomen präsentiert werden, heißt es in der „Struwwelpeter zieht um“-Info. Gleichzeitig will man Hoffmanns „wilde Kerle“ als ewig rebellische Charaktere in der Gegenwart verorten und die Frage stellen: Was hat der Struwwelpeter mit uns heute zu tun? Schwarze Pädagogik? Schwarzer Humor!

Sehr viel, lautet die Antwort von Museumsleiterin Beate Zekorn-von Bebenburg: „Der Struwwelpeter wäre nicht 175 Jahre alt geworden, wenn seine Geschichten nicht besonders für Kinder geeignet wären und von den Kindern besonders geliebt würden“, sagt sie im Gespräch mit der FURCHE. Mit Kritik am Struwwelpeter und seinem Autor ist sie ständig konfrontiert. Immer wieder kommen Besucher zu ihr und sagen: „Das Museum ist schön, aber das Buch ist furchtbar.“ Für Zekorn-von Bebenburg steckt hinter solchen Bewertungen oft die Auseinandersetzung mit der eigenen Kindheit und Erziehung: „Der Struwwelpeter wurde eingesetzt, um einzuschüchtern. Für viele Erwachsene ist er deswegen das Symbol einer Erziehung, die nicht gut gelaufen ist.“ Doch die Museumsleiterin hält dagegen: „Heinrich Hoffmann ist ein Mann mit schwarzem Humor, aber kein schwarzer Pädagoge.“

Der 1809 in Frankfurt geborene Heinrich Hoffmann war jedenfalls kein professioneller Kinderbuchautor. Er war Arzt. Aber um weinende kleine Patienten zu beruhigen, zeichnete Hoffmann einen kleinen Buben in sein Notizbuch und erzählte, „wie der Schlingel sich nicht die Haare, nicht die Nägel schneiden läßt“. In seiner Beschreibung der Entstehungs- geschichte des Struwwelpeters beschreibt Hoffmann das Ergebnis seiner Kritzelei: „Das frappiert den kleinen Desperaten derart, daß er schweigt, hinschaut, und mittlerweile weiß ich, wie es mit dem Pulse steht, wie seine Temperatur sich verhält, ob der Leib oder die Atmung schmerzhaft ist – und der Zweck ist erreicht.“

Als Psychiater ist Hoffmann fortschrittlich. In dieses Buch hat er aber seine Verwundungen hineingeschrieben.

Gerald Jatzek

Aus den Gelegenheitsskizzen machte Hoffmann ein Bilderbuch als Geschenk für seinen Sohn. Das Büchlein gefiel dem Kind, der ganzen Familie, den Freunden, fand den Weg zu einem Verleger, der zur Veröffentlichung drängte. Hoffmann zögerte, fürchtete um seine Reputation als Arzt, bis er „in heiterer Weinlaune” doch zustimmte und der erste Struwwelpeter unter dem Pseudonym „Reimerich Kinderlieb“ und dem Titel „Lustige Geschichten und drollige Bilder“ im Herbst 1845 erschien. Der Rest ist die weltumspannende Erfolgs- geschichte eines Kinderbuchklassikers, der in einer Liga mit „Alice im Wunderland“, „Pu der Bär“ oder „Der kleine Prinz“ spielt. Hoffmann veröffentlichte weitere Kinderbücher, schrieb in der Revolutions- zeit von 1848

politische Satiren und engagierte sich für die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche. Seine eigentliche Berufung war aber der Arztberuf; er wurde Leiter der „Anstalt für Irre und Epileptische“ und setzte sich für eine menschliche Behandlung seiner Patienten in einer modellhaften psychiatrischen Klinik ein. Für Gerald Jatzek liegt in diesen beiden Seiten – der des Arztes und der des Struwwelpeter-Autors – die „Problematik“, die (nicht nur) er mit der Person Hoffmann hat: „In seiner Arbeit als Psychiatriereformer ist er eine fortschrittliche Figur“, sagt Jatzek, „in dieses Buch hat er aber seine eigenen Verwundungen hineingeschrieben.“ Jatzek beschäftigte sich als Redakteur der Wiener Zeitung sowie als Musiker und Kinderbuchautor intensiv mit Hoffmann und schließt sich der Meinung anderer Psychoanalytiker an, dass Hoffmann mit dem Struwwelpeter eigene Schuldgefühle über den frühen Tod seiner Mutter aufgearbeitet habe: „Es ist die Tragik des Autors und Psychiatriereformers Heinrich Hoffmann, dass er mit dem Versuch, sich selbst zu heilen, andere verwundete.“

Wobei Jatzek das Buch keinesfalls verbieten würde: „Bücher entstehen im Kopf der Leser, autoritär erzogene Kinder fürchten sich beim Struwwelpeter, entspannte Kinder lachen darüber.“ Er plädiert dafür, dass Eltern sich das Buch mit ihren Kindern gemeinsam anschauen und schlägt als Kontrastprogramm vor, auch zu F. K. Wächters „Anti-Struwwelpeter“ zu greifen. Dass die Kenntnis des Originals nach wie vor wichtig ist, begründet Heidi Lexe, die Leiterin der Studien- und Beratungsstelle für Kinder- und Jugendliteratur (STUBE) in Wien, damit, dass der Struwwelpeter „ein vielzitiertes Werk ist, das in den Kanon der Kinderliteratur gehört“. Der Struwwelpeter wurde stark pädagogisierend eingesetzt und von der schwarzen Pädagogik vereinnahmt, sagt sie. Lexe plädiert dafür, den Struwwelpeter mit Kindern „erst in einem Alter anzuschauen, in dem sie verstehen, dass das ein historisch bedeutsames Bilderbuch ist, das zur Literaturgeschichte gehört“.

Märchen sind oft grausam

Der Religionspädagoge Anton Bucher setzt seine Altersempfehlung für eine Struwwelpeter-Lektüre mit fünf, sechs Jahren deutlich früher an. Die ungebrochene „Faszination des Struwwelpeters“ erklärt er so: „Die meisten Kinder können sich mit den Unangepasstheiten und Ungeschicklichkeiten der StruwwelpeterFiguren identifizieren. Kinder tun sich schwer damit, ruhig zu sitzen und haben Sympathie mit dem Zappel-Philipp. Die Schwächen dieser Figuren sprechen Kinder an.“ Und was ist mit dem Daumenlutscher? „Märchen sind auch oft grausam, sie zu entschärfen, hat bei Kindern nicht gezogen“, meint Bucher. Den Struwwelpeter als schwarze Pädagogik zu bezeichnen, geht für ihn „völlig an der Kinderpsyche vorbei“.

Der Salzburger Theologieprofessor schickt stattdessen ein großes Lob nach Frankfurt: „Heinrich Hoffmann war nicht nur ein genialer Autor und Zeichner, sondern auch ein großer Kinderkenner.“ Womit der Rundruf zum 125. Todestag von Heinrich Hoffmann das Resümee der deutschen Schriftstellerin und Literaturkritikerin Elke Heidenreich bestätigt, dass der Struwwelpeter immer wieder untersucht, zerrupft, analysiert, angegriffen und rehabilitiert wird: „Grausam! verknöchert! grässlich! primitiv! rügen die einen. Fortschrittlich! kindgerecht! witzig! verteidigen die andern, und die Unentschlossenen murmeln: nun ja, man muss das wohl aus der Zeit heraus verstehen.“ Aber Hoffmann wollte ja nichts anderes, sonst hätte er sein Buch nicht zum Zerreißen gemacht.