Ökonomien des Lebens: Was bin ich wert?

Sollen Krankenkassen einem 85-Jährigen noch eine Hüftprothese bezahlen? Wer erhält ein lebensverlängerndes Organ? Entscheidet der Zufall oder die Lebenserwartung? Oder die Tatsache, im reichen Norden zu leben? Das Leben ist auch Teil eines Finanzkalküls geworden.

Was kostet das Leben? Diese Frage, die als Lebensformel spielerischen Leichtsinn artikuliert, besitzt einen tiefen Ernst. Mit Ökonomien des Lebens sind wir immer wieder konfrontiert: in der Nahrungsmittelökonomie wie der Gentechnologie, in der Begrenzung von Migrationsströmen wie in den Algorithmen der Suchmaschinen des World Wide Web, mit denen die Bedürfnisstrukturen der Verbraucher/innen erfasst und zugleich produziert werden. Leben wird berechenbar und auf einen Wert hin taxiert.

Jeder, der eine Lebensversicherung abschließt, legt sich auf die Auszahlungssumme seiner Polizze fest. Niemand entkommt der Logik gesellschaftlicher Finanzkalküle, wenn es um medizinethisch heikle Fragen geht. Lässt es sich angesichts knapper Ressourcen verantworten, dass die Krankenkassen über 85-Jährigen noch ein neues Hüftgelenk finanzieren? Wer erhält unter welchen Bedingungen ein lebensverlängerndes Organ? Wie bemessen sich Entschädigungen nach Unfällen mit tödlichem Ausgang?

Gleichungen versus Biografien

Ohne solche Berechnungen brechen die Finanzkalkulationen der Absicherungssysteme zusammen. Und trotzdem beschleicht die meisten ein Unbehagen angesichts der konkreten Zahlen wie der Gleichungen, mit denen Biografien numerisch aufgelistet werden. Man hat das Gefühl, vor einer grundlegend falsch aufgestellten Rechnung zu stehen, von deren gesellschaftlicher Notwendigkeit man sich überzeugen lässt, ohne dass man sich von ihr erfasst wissen will.

Jörn Klare, der das Buch mit dem Titel "Was bin ich wert? Eine Preisermittlung“ (Suhrkamp 2010) veröffentlich hat, spricht von einem "ethischen Reflex“. Er legt die Ambivalenz des Lebens frei, das seinen Wert angesichts des Todes erhält. Im Schadensfall müssen die Rechnungen aufgehen. Sie werden vom sozialen Raum her eröffnet: Das Leben eines Menschen in Ländern des Südens wird deutlich anders taxiert als das eines US-Amerikaners oder Europäers. Spätestens angesichts der Investitionen in ökologische Zukunftschancen bricht das Kartenhaus dieser Rechnung zusammen. Die Folgen des Klimawandels oder möglicher Pandemien erreichen alle. Oder offenbaren die Ökonomien des Lebens hier ihre letzten Konsequenzen? Absicherungen für die wenigen, die sich bessere und beste Medizin leisten können?

Keine Frage: Ohne finanzierbare Ökonomien des Lebens kommt keine Gesellschaft aus. Die Frage ist: Auf welcher Grundlage entwickelt sie ihre Gleichungen? Demokratische Versprechen auf eine grundlegende Gleichheit laufen leer, solange sie nicht in konkreten Politiken verankert werden. Dafür bedarf es einer Ökonomie des Lebens, die imstande ist, jedes Kalkül unter einem anderen Gesichtspunkt gegenzulesen: unter dem Aspekt der Unverrechenbarkeit des Lebens; des Ausnahmefalls, den jeder Mensch verkörpert; seines irreduziblen Werts, der nicht als Mehrwert in der Arbeitswelt auftritt.

Konzept der Würde des Menschen

Würde - mit diesem nicht verrechenbaren Konzept werden die Begründungslasten unserer Menschenrechtserklärungen ausbalanciert. Würde führt eine Unbekannte in die Ökonomien des Lebens ein: seine Unableitbarkeit und die Bedeutung, die wir ihm zusprechen. Der Philosoph Franz-Josef Wetz hat Recht: "Die Würde des Menschen ist antastbar“ - weil der Mensch unendlich verletzbar ist. Keine politische Ordnung hat es bislang verstanden, die Unantastbarkeit der Menschenwürde auf Dauer zu garantieren. In Menschenrechtsverletzungen verwickeln sich auch die Staaten der offenen westlichen Gesellschaften, weil sie der Logik ihrer ökonomischen Interessen nicht entkommen und andere Sicherheiten gewährleisten müssen: stabile Grenzen nach innen wie außen.

Diese Ökonomien taxieren Leben nach Sicherheit und Wohlstand, aber auch nach Macht und Selbstbehauptung. Ihr Wert ermittelt sich angesichts der Kosten, die sie verursachen. Im Anschluss an den Soziologen Zygmunt Bauman spricht Papst Franziskus vom Abfall der Gesellschaft. Der menschliche Müll legt eine Ökonomie des Todes frei. Unsichtbare Grenzen teilen die Welt in Flüchtlinge, die anonym bleiben, und in Prozesse, die genauso anonym diese Grenzen ziehen. Der Rechtlosigkeit steht ein Rechtssystem gegenüber, das in national organisierten Demokratien seine Voraussetzungen ohne das Stimmrecht derer legitimiert, die den Preis der Gerechtigkeit zahlen.

Die Kunsthistorikerin Katharina Sykora hat in einem so faszinierenden wie verstörenden Projekt "Die Tode der Fotografie“ analysiert (Fink 2009): Inszenierungen des Todes, kulturelle Praktiken seiner Bearbeitung, Bildinstrumente, um sichtbar zu machen, was der Tod bedeutet. In der Visualisierung des Todes zeigt sich wie im Gegenlicht, was das Leben veranstaltet. Am deutlichsten wird dies bei Hinrichtungsbildern aus dem frühen 20. Jahrhundert, die das vollzogene Urteil dokumentieren und die Gerechtigkeit im Bild herstellen, zugleich aber die Trophäe des abgetrennten Kopfes präsentieren. Im Ausgleich von Recht und Unrecht verwandeln sich Gleichheitserwartungen in eine tödliche Wiederholung. Die Fotografie legt sie am Schafott frei, wenn sie die kalte Brutalität als Sieg feiert. Aber der Schrecken, den sie arrangiert, präpariert tödliche Gewalt. Kunst radikalisiert diesen Vorgang, wo die tödlichen Folgen politisch legitimierten Rechts in den Blick kommen: in Lampedusa und den Orten der Ausschließung, an denen die Ökonomien des Lebens tatsächlich an Grenzen stoßen - oder ihr wahres Gesicht zeigen. Wie viele Menschen kann Europa aufnehmen?

Tora und Neues Testament

Wie Kunst liefern religiöse Traditionen keine fertigen Antworten auf diese Fragen, die ihr Recht behalten. Aber sie machen sichtbar, nach welchen Ökonomien wir das eigene Leben und das der anderen taxieren. Sie gehen den Dramen des Todes nach und stellen sie auf eine andere Bühne: Was bedeutet das Leben jedes und jeder einzelnen, wenn es sich auf einen Grund bezieht, der alles schöpferisch bestimmt? Die jüdisch-christliche Tradition bestimmt Gott als schöpferische Lebensmacht und führt eine eigene Ökonomie des Lebens ein. Sie hat keine Grenzen, sie sortiert nicht aus, sie kennt keinen menschlichen Abfall. Im Gegenteil: Was tödlich in unserem Leben ist, lässt sich im Zeichen Gottes auf neue Lebensoptionen umstellen.

Das geht mit neuen Klassifizierungen einher. Die Tora führt Regulative ein, die Rechte aller sichern und sich in Vorschriften verfeinern, mit denen z. B. über den Ehevertrag (Ketubba) eine Rechtssicherheit für Frauen geschaffen wird. Finanziell geregelt wird in der Ketubba eine Ökonomie des Lebens sichtbar, wie sie für die Antike ungewöhnlich erscheint. Die Heilungswunder und Zeichen Jesu setzen in Situationen ein, die vom Tod bestimmt sind. Die menschliche Zuwendung, die sich in Aufmerksamkeit und Berührung zeigt, markiert den Lebenswert dessen, der bedeutungslos scheint und in den Ökonomien des Lebens nur noch als Ausgeschlossener vorkommt. Die schöpfungstheologische Überzeugung, die das Handeln Jesu anleitet, wird institutionell wirksam in Caritas und Diakonie, setzt aber vor allem eine neue Kultur des Sehens voraus: in den Klassifizierungen des Lebens zu erkennen, was auf Tod geeicht ist. Selbstverständlichkeiten werden durchbrochen wie diejenige, mit der wir unseren Berechnungen des Lebens folgen.

Der Autor lehrt Fundamentaltheologe an der Universität Salzburg

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