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Patienten haben ein Recht auf Schmerzfreiheit

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Neue Therapieformen gegen Schmerzen waren Thema des neunten Schmerz-Weltkongresses in Wien. Kritik kam dabei von österreichischer Seite: in Sachen Schmerztherapie wird hierzulande recht wenig getan.

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Neue Therapieformen gegen Schmerzen waren Thema des neunten Schmerz-Weltkongresses in Wien. Kritik kam dabei von österreichischer Seite: in Sachen Schmerztherapie wird hierzulande recht wenig getan.

Im Kampf gegen den Schmerz beginnen Mediziner erst langsam, ihren Gegner zu verstehen. Neue Erkenntnisse ermöglichen heute die Entwicklung wirkungsvollerer Schmerzmittel und Therapien.

Kreativität auf diesem Gebiet tut not, denn acht Prozent aller Österreicher leiden unter chronischen Schmerzen. Meist sitzt die Pein im Kreuz, in den Knochen oder pocht hinter den Schläfen. Bei einem Großteil der Patienten können die Ärzte oft keinerlei Ursachen für die Dauerqualen finden. Dennoch sind die Mediziner bei der Behandlung dieser gepeinigten Menschen bei weitem nicht mehr so hilflos wie noch vor wenigen Jahren.

Bahnbrechende Erkenntnisse der Molekularbiologen und Mediziner haben in letzter Zeit zu einem neuen Bild des Schmerzes geführt. Daraus resultieren nicht nur neue Behandlungsmethoden, sondern auch eine Vielzahl von neuen schmerzlindernden Medikamenten.

Die neuen "Waffen" gegen den Schmerz waren Gegenstand des neunten Schmerz-Weltkongresses Ende August in Wien. Über 6.000 Fachleute und Experten aus aller Welt präsentierten ihre Resultate und berichteten über Forschungsergebnisse. Darunter auch der als internationaler Schmerzpapst geltende Patrick Wall, ein britischer Physiologe, der sich auf dem Gebiet der Schmerzforschung eine ähnliche Reputation verschafft hat wie einst Konrad Lorenz in der Verhaltensforschung.

Eine der neuen Methoden, die in Wien diskutiert wurde, ist die sogenannte Neurostimulation, mit der der Wiener Arzt Wilfried Ilias seinen Patienten zu helfen versucht. Beim Kampf gegen den chronischen Schmerz legt Ilias seinen Patienten eine lange Elektrode ans Rückenmark. Stromstöße stören das Bombardement der Schmerzimpulse, bringen diese durcheinander, um sie letztendlich ganz zu stoppen. Die Sonde wirkt dabei wie ein "Störsender" der die Schmerzimpulse überlagert. Patienten mit Rückenschmerzen können auf diese Art per Knopfdruck den erlösenden Stromstoß einschalten. Der Patient spürt dann statt des bohrenden Schmerzes nur ein sanftes Kribbeln unter der Haut.

Kontrollierter Reflex Behandlungsmethoden wie die eben beschriebene wurden erst möglich, seit Mediziner die Entstehung chronischer Schmerzen weitgehend entschlüsselt haben. Die wichtigste Erkenntnis: "Jeder Schmerz, egal wo man ihn spürt, entsteht immer im Kopf." Der Brite Patrick Wall erkannte als einer der ersten, daß der Schmerz keineswegs nur ein unkontrollierter Reflex des Hirns auf Signale des Körpers ist. Diese Annahme hatte in der Medizin jahrzehntelang Geltung. Walls Theorie besagt, daß das Hirn Signale in den Körper ausschickt, die laufend die Schmerzempfindlichkeit verändern. Diese Erkenntnis macht klar, warum etwa verletzte Soldaten erst ihre Schmerzen wahrnehmen, wenn sie aus der Gefahrenzone in Sicherheit gebracht worden sind. Vorher weigert sich offenbar das Zentralnervensystem, die Qualen der Verletzung ins Bewußtsein weiterzuleiten.

Aufbauend auf Walls Theorie lassen sich inzwischen auch andere Phänomene erklären. So schaltet das Hirn etwa nach einer Schnittverletzung sofort die umliegenden Schmerzsensoren auf volle Intensität, um das Zentrum der Wunde vor Berührungen zu schützen. Denn nur so kann ein ungestörter Heilungsprozeß stattfinden. Anders gesagt: Nicht die Berührung tut weh, sondern das Gehirn interpretiert die Gefahr für die Heilung als Schmerz.

Universitätsprofessor Hans Georg Kress, Vorstand der Abteilung für Allgemeine Anästhesie und Intensivmedizin, sowie Leiter der Schmerzambulanz im Wiener AKH berichtet zum Thema Schmerz: "Die Verarbeitung von Reizen zu einer Empfindung mit der dazupassenden emotionalen Einfärbung ist ein komplexes Geschehen, an dem nicht nur das Gehirn, sondern alle Teile des Zentralnervensystems beteiligt sind. Lang andauernde Schmerzen können dieses ausgeklügelte Zusammenspiel von Hormonen, Proteinen und Stromstößen allerdings durcheinanderbringen. Durch die Dauerbeanspruchung verändert sich die Kommunikation zwischen den Nervenzellen, das Nervensystem wird überempfindlich und wirkt wie ein Verstärker, der bereits aus harmlosen Reizen starke Schmerzempfindungen werden läßt."

Die Schmerzambulanz am Wiener AKH ist die größte im gesamten deutschsprachigen Raum. 23.000 Behandlungen werden hier pro Jahr durchgeführt. Trotzdem fühlen sich viele chronische Schmerzpatienten in Österreich nur unzureichend betreut. Angesichts der extrem großen Zahl der Betroffenen (allein Tumorschmerzen quälen mehr als 30.000 Österreicher, Kreuzschmerzen betreffen an die 40 Prozent der Bevölkerung) kümmert sich die Gesundheitspolitik bei uns recht wenig um das Thema Schmerz.

Gift aus Schnecken Hans Georg Kress ortet Österreich in Sachen Schmerztherapie nur mehr im Mittelfeld vergleichbarer Länder. An der Spitze der effizienten Schmerzbehandlung finden sich die USA und Skandinavien. "Ich kämpfe seit sechs Jahren um zehn Spezial-Betten für Schmerztherapie am AKH", stellt Kress bedauernd fest. "Bisher waren meine Bemühungen leider vergeblich".

Dabei hat, laut Krankenanstaltengesetz, "jeder Patient das Recht auf Schmerzfreiheit nach Operationen". Die Operateure müßten lediglich den 24stündigen Schmerzdienst bei Kress anfordern. Postoperativ müßte heute also niemand mehr Schmerzen haben. Kress erinnert sich an eine Aussage Niki Laudas nach der geglückten Nieren-Transplantation: "Die Operation war bestens, nur die Schmerzen im Anschluß waren arg." Schmerzen nach einer Operation seien laut Kress nicht nur unnötig sondern auch unmenschlich.

Es wird laufend nach neuen schmerzstillenden Substanzen gesucht, die bei gleicher Menge länger wirken. Dabei stammt die jüngste Errungenschaft aus dem Meer. Wissenschaftler haben dort Schnecken entdeckt, die ihre Opfer mit einem hochwirksamen Nervengift lähmen. Schmerzmediziner Ilias: "Das Schneckentoxin könnte zukünftig das Schmerzmittel schlechthin werden."

Viel versprechen sich auch Pharmaunternehmen von einer völlig neuen Medikamentengruppe: Sogenannte COX-2-Inhibitoren sollen Rheumapatienten - eine große Gruppe unter den Schmerzpatienten - wirkungsvoller helfen. Ihr größter Vorteil: Die bei herkömmlichen Medikamenten auftretenden Schädigungen des Magens könnten im Idealfall gänzlich ausbleiben. Exakte Studien dazu sind jedoch erst im Anlaufen.

Falsches Heldentum Jahrzehntelang wurden in Österreich weit weniger schmerzstillende Medikamente verschrieben als etwa in Skandinavien. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens haben unsere Ärzte Angst davor, daß Menschen auf Opiate süchtig werden. Zweitens herrscht bei uns nach wie vor die Auffassung, daß ein gewisses Maß an Leiden ertragen werden muß. Ein falsches Heldentum, denn wie sehr etwas weh tut, hängt von vielen Faktoren ab.

Bei der individuellen Schmerzempfindung spielen Erfahrungen und die spezifische Lebenssituation eine sehr große Rolle. Menschen, die sich einsam und verlassen fühlen, leiden oft schon bei einer harmlosen Injektion, während Sportler in der "Hitze des Gefechts" manchmal gar nicht merken, daß sie sich verletzt haben.

Auch Patientenanwalt Professor Viktor Pickl nimmt Schmerzpatienten in Schutz. "Viele Ärzte nehmen chronische Schmerzen einfach nicht ernst. Es ist untragbar, daß der Wunsch nach einer Schmerztherapie von Ärzten als Wehleidigkeit interpretiert wird."

Universitätsprofessor Marshall Devor, Präsident des wissenschaftlichen Komitees des Schmerz-Weltkongresses, sieht im Schmerzempfinden ebenfalls ein höchst individuelles Phänomen: "Was den Schmerz ausmacht, ist auch seine ungeheure Variabilität. Man denke zum Beispiel an die Phantomschmerzen nach Amputationen. Manche Menschen haben sie, manche nicht. Deshalb darf man keinem Patienten Vorwürfe machen, wenn er mehr über Schmerzen klagt als jemand anderer der in derselben Situation ist."

Auf die Frage, ob Schmerz wirklich je zu besiegen sein wird, meint Kress: "Ich weiß daß viele Menschen auf die Pille hoffen, die imstande ist, jeden Schmerz wirksam zu bekämpfen. Ich glaube aber, daß es eine solche nie geben wird, denn Schmerz entsteht auf zu viele verschiedene Arten und wird auf zu viele verschiedene Arten erlebt. Wir sind aber heute in der Lage, durch moderne bildgebende Verfahren individuell feststellen zu können, wie das Hirn jeweils auf Schmerzsignale reagiert. Eine hohe Akzeptanz der Individualität des Schmerzes und internationale Treffen zum Austausch von Erfahrungen werden den Fortschritt auf dem Gebiet der Schmerzforschung weiter vorantreiben."

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