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Gesellschaft

petra geht, die Überlastung bleibt

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"Die Pädagogin Petra hat gekündigt. Bis Ersatz für sie gefunden ist, kümmert sich eine Assistentin alleine um die Kinder. Es sind 24.

Erhält Anton die Zuwendung, die er braucht? Wird auf Karlas aggressives Verhaltens adäquat reagiert? Findet Leon genügend Ruhephasen? Vermutlich nicht."

Anton ist hingefallen. Weinend klammert er sich an das Bein von Petra. Auf den Arm kann ihn die Elementarpädagogin nicht nehmen: Sie trägt bereits Anna-Lena herum, die schluchzend "Mama" schreit. "Ich muss mal", ruft da der dreijährige Jakob. Mit zwei Kindern im Schlepptau holt Petra das Töpfchen und trägt es ins Spielzimmer. Dort kratzt Karla gerade Lena im Gesicht, weil die ihren Turm umgestoßen hat. Beide kreischen. Petra ermahnt die Mädchen und hetzt weiter zu Leons Vater, der bereits ungeduldig wartet. Er bittet darum, künftig nur noch bei schönem Wetter auf den Spielplatz zu gehen, da die häufigen Erkältungen seines Sohnes die Familie zermürben würden. Zehn Minuten zuvor hat sich Sophies Mutter beklagt, dass ihre Tochter zu wenig an die frische Luft käme. "Um raus zu gehen, muss nicht immer die Sonne scheinen", hatte die Dame gemeint.

Doch Petra hat ohnehin keine Zeit, sich zu ärgern: Ein Becher mit Wasser fällt um, sie holt einen Lappen. Das Telefon im Gruppenraum klingelt. Bereits zum dritten Mal. In einem Regal stapeln sich die Portfolio-Mappen der Kinder, sie müssen noch vor Monatsende aktualisiert werden. Gleich ist es neun Uhr. Dann kommen Petras Assistentin -und zehn weitere Kinder - in die private Einrichtung im siebten Wiener Bezirk.

Überforderung als Normalzustand

Petra hat eigentlich einen anderen Namen, aber sie will ihn nicht in der Zeitung lesen -genauso wenig wie die echten Namen der Kinder. Einen Einblick in den Alltag eines Kindergartens geben will sie schon. Ihr Arbeitsplatz ist repräsentativ für den Großteil vorschulischer Betreuungseinrichtungen in Österreich. Bis zu 25 Kinder mit maximal zwei Betreuerinnen (davon eine Pädagogin) sind in öffentlichen wie privaten Kindergärten die Norm -und gesetzlich akzeptiert (siehe oben).

Kann man unter diesen Bedingungen den Bedürfnissen der Kinder gerecht werden? Erhält Anton die Zuwendung, die er braucht? Wird auf Karlas aggressives Verhalten adäquat reagiert? Findet Leon genügend Ruhephasen, um sich von seinen Krankheiten zu erholen? Kann sich Sophie regelmäßig im Freien austoben? Vermutlich nicht. Laut der Entwicklungspsychologin Tina Eckstein-Madry (siehe rechts) ist es schier unmöglich, innerhalb der in Österreich herrschenden Rahmenbedingungen auf jedes Kind individuell einzugehen. Jeder Sonderfall würde das System ins Wanken bringen.

Doch diese Tatsache scheint in der aktuellen Debatte über Kinderbetreuung unterzugehen. Seitens der Regierung werden meist genau zwei Aspekte beleuchtet: der quantitative Ausbau der Betreuung und das Deutschlernen.

Deutlich wird das auch in den derzeitigen Neuverhandlungen der 15a-Vereinbarungen mit den Bundesländern. Diese sind eigentlich für Kindergärten zuständig, der Bund leistet aber seit Jahren Zuschüsse. Im Budgetplan für 2019 wurden sie de facto gestrichen, bis Ende des Sommers soll nun geklärt werden, ob trotzdem Geld fließt. Die Bedingungen dafür beschreibt der Sprecher des Familienministeriums, Herbert Rupp, gegenüber der FURCHE so: "Wir fordern mehr Kindergartenplätze und längere Öffnungszeiten. Im Fokus steht auch die sprachliche Frühförderung."

Die Gründe für diese Stoßrichtung liegen auf der Hand: Zum einen sollen Eltern (gemeint sind meist Frauen) nach der Geburt eines Kindes möglichst schnell in den Arbeitsmarkt zurückkehren, um die Gehaltskluft zwischen den Geschlechtern zu verringern, die Pensionsversorgung für Frauen zu verbessern und die verfügbaren Ressourcen auszuschöpfen; zum anderen soll die Integration vorangetrieben werden.

Als Parade-Beispiele punkto Vereinbarkeit von Beruf und Familie werden immer wieder die skandinavischen Länder genannt. Dank eines umfassenden, ganztägigen Kinderbetreuungsangebotes scheint dort eine Karriere mit Kindern kein Problem zu sein. Tatsächlich steigen in Schweden, Finnland oder Dänemark nahezu alle Mütter (Väter sowieso) nach dem ersten Geburtstag ihres Kindes wieder Vollzeit in den Beruf ein. Die Fremdbetreuungsquote von Zweijährigen liegt bei 98 Prozent (in Österreich 25,5 Prozent). Meist unerwähnt bleibt jedoch, dass "Vollzeit" in Staaten wie Schweden nicht 40, sondern 34 Arbeitsstunden pro Woche bedeutet. Und berufliche Besprechungen nach 16 Uhr sind verpönt. Darüber hinaus liegt der Betreuungsschlüssel für Kleinkinder bei 1:5, eine Elementarpädagogin ist also für fünf Kinder zuständig. In Österreich sind es zwölf oder mehr. Unterschiede gibt es auch in den Gruppengrößen: Krippengruppen für Ein-bis Dreijährige sind im Norden zehnköpfig, bei den Dreibis Sechsjährigen dürfen maximal 15 Kinder gemeinsam betreut werden. Die österreichische Vorgehensweise -25 Buben und Mädchen in einer Gruppe, betreut von einer Pädagogin plus Assistenz - wäre in Skandinavien undenkbar.

Fehlende Einheitlichkeit

Auch Aspekte wie "Bewegung im Freien" oder "Ruhepausen" stehen dort auf dem "Kindergarten-Lehrplan". Gerade weil die Kinder so viel Zeit in den Betreuungseinrichtungen verbringen, legt man Wert darauf, dass der Nachwuchs mehrere Stunden am Tag im Freien verbringt. In Österreich existiert auf Grund der föderalistischen Organisation für solche Rahmenbedingungen keine einheitliche Regelung. Eine Tatsache, die Andreas Baierl vom Institut für Familienforschung seit Jahren kritisiert. So hätte jedes Bundesland eigene Verordnungen, die sich teilweise widersprechen würden. Ein Kind in Wien braucht offenbar mehr Platz zum Spielen (drei Quadratmeter) als ein Spross in Vorarlberg (zwei Quadratmeter). Und in Tirol wurde von den Gemeindebediensteten durchschnittlich weniger Spielzeug für Kindergärten genehmigt als in Oberösterreich.

Tatsächlich wäre 2012 seine Empfehlung einer "gemeinsamen Qualitätslinie" aufgegriffen worden, erklärt Baierl. Umgesetzt wurde sie nicht. Die neue Regierung hätte dann die Zuständigkeit für Kindergärten ins Bildungsministerium verlagert, Ansprechpartner gäbe es hingegen bis heute keinen. Auf Nachfrage der FURCHE findet derzeit ein "fließender Übergang" statt: Künftig soll die "Koordination für Elementarpädagogik" dem Bildungsministerium obliegen, um die "Allgemeinen Angelegenheiten der Familienpolitik" kümmert sich das Familienministerium im Kanzleramt. Am Verhandlungstisch zu den 15a-Vereinbarungen sitzen Beamte aus beiden Ressorts.

Und das Kindeswohl?

Wer auch immer künftig für die Kindergärten zuständig ist: Von Interesse scheint vor allem die Quantität zu sein -und die Berücksichtigung der Anforderungen der Arbeitswelt. Dass diese nicht selten mit den Bedürfnissen der Kinder kollidieren, ist hingegen kaum im Fokus. Darauf weist auch eine Studie des "Instituts für Kinderrechte und Elternbildung" hin, für die österreichweit Elementarpädagoginnen und Assistentinnen nach dem "Wohl des Kindes" in ihrer Einrichtung befragt wurden: Fast alle gaben an, dass die Kinder zu viel Zeit bei ihnen verbrächten. Auch würden die Öffnungszeiten bis zum Anschlag ausgeschöpft und die Kinder sogar krank gebracht werden.

Petra jedenfalls hat ihre Konsequenzen gezogen und vor wenigen Wochen gekündigt. Ab Juli wird sie in einem Drogeriegeschäft arbeiten. "Dort verdiene ich mehr und habe weniger Verantwortung", sagt sie. Bis Ersatz für sie gefunden ist, kümmert sich die Assistentin allein um die Mädchen und Buben. Es sind 24.

"Die Pädagogin Petra hat gekündigt. Bis Ersatz für sie gefunden ist, kümmert sich eine Assistentin alleine um die Kinder. Es sind 24.

Erhält Anton die Zuwendung, die er braucht? Wird auf Karlas aggressives Verhaltens adäquat reagiert? Findet Leon genügend Ruhephasen? Vermutlich nicht."

Anton ist hingefallen. Weinend klammert er sich an das Bein von Petra. Auf den Arm kann ihn die Elementarpädagogin nicht nehmen: Sie trägt bereits Anna-Lena herum, die schluchzend "Mama" schreit. "Ich muss mal", ruft da der dreijährige Jakob. Mit zwei Kindern im Schlepptau holt Petra das Töpfchen und trägt es ins Spielzimmer. Dort kratzt Karla gerade Lena im Gesicht, weil die ihren Turm umgestoßen hat. Beide kreischen. Petra ermahnt die Mädchen und hetzt weiter zu Leons Vater, der bereits ungeduldig wartet. Er bittet darum, künftig nur noch bei schönem Wetter auf den Spielplatz zu gehen, da die häufigen Erkältungen seines Sohnes die Familie zermürben würden. Zehn Minuten zuvor hat sich Sophies Mutter beklagt, dass ihre Tochter zu wenig an die frische Luft käme. "Um raus zu gehen, muss nicht immer die Sonne scheinen", hatte die Dame gemeint.

Doch Petra hat ohnehin keine Zeit, sich zu ärgern: Ein Becher mit Wasser fällt um, sie holt einen Lappen. Das Telefon im Gruppenraum klingelt. Bereits zum dritten Mal. In einem Regal stapeln sich die Portfolio-Mappen der Kinder, sie müssen noch vor Monatsende aktualisiert werden. Gleich ist es neun Uhr. Dann kommen Petras Assistentin -und zehn weitere Kinder - in die private Einrichtung im siebten Wiener Bezirk.

Überforderung als Normalzustand

Petra hat eigentlich einen anderen Namen, aber sie will ihn nicht in der Zeitung lesen -genauso wenig wie die echten Namen der Kinder. Einen Einblick in den Alltag eines Kindergartens geben will sie schon. Ihr Arbeitsplatz ist repräsentativ für den Großteil vorschulischer Betreuungseinrichtungen in Österreich. Bis zu 25 Kinder mit maximal zwei Betreuerinnen (davon eine Pädagogin) sind in öffentlichen wie privaten Kindergärten die Norm -und gesetzlich akzeptiert (siehe oben).

Kann man unter diesen Bedingungen den Bedürfnissen der Kinder gerecht werden? Erhält Anton die Zuwendung, die er braucht? Wird auf Karlas aggressives Verhalten adäquat reagiert? Findet Leon genügend Ruhephasen, um sich von seinen Krankheiten zu erholen? Kann sich Sophie regelmäßig im Freien austoben? Vermutlich nicht. Laut der Entwicklungspsychologin Tina Eckstein-Madry (siehe rechts) ist es schier unmöglich, innerhalb der in Österreich herrschenden Rahmenbedingungen auf jedes Kind individuell einzugehen. Jeder Sonderfall würde das System ins Wanken bringen.

Doch diese Tatsache scheint in der aktuellen Debatte über Kinderbetreuung unterzugehen. Seitens der Regierung werden meist genau zwei Aspekte beleuchtet: der quantitative Ausbau der Betreuung und das Deutschlernen.

Deutlich wird das auch in den derzeitigen Neuverhandlungen der 15a-Vereinbarungen mit den Bundesländern. Diese sind eigentlich für Kindergärten zuständig, der Bund leistet aber seit Jahren Zuschüsse. Im Budgetplan für 2019 wurden sie de facto gestrichen, bis Ende des Sommers soll nun geklärt werden, ob trotzdem Geld fließt. Die Bedingungen dafür beschreibt der Sprecher des Familienministeriums, Herbert Rupp, gegenüber der FURCHE so: "Wir fordern mehr Kindergartenplätze und längere Öffnungszeiten. Im Fokus steht auch die sprachliche Frühförderung."

Die Gründe für diese Stoßrichtung liegen auf der Hand: Zum einen sollen Eltern (gemeint sind meist Frauen) nach der Geburt eines Kindes möglichst schnell in den Arbeitsmarkt zurückkehren, um die Gehaltskluft zwischen den Geschlechtern zu verringern, die Pensionsversorgung für Frauen zu verbessern und die verfügbaren Ressourcen auszuschöpfen; zum anderen soll die Integration vorangetrieben werden.

Als Parade-Beispiele punkto Vereinbarkeit von Beruf und Familie werden immer wieder die skandinavischen Länder genannt. Dank eines umfassenden, ganztägigen Kinderbetreuungsangebotes scheint dort eine Karriere mit Kindern kein Problem zu sein. Tatsächlich steigen in Schweden, Finnland oder Dänemark nahezu alle Mütter (Väter sowieso) nach dem ersten Geburtstag ihres Kindes wieder Vollzeit in den Beruf ein. Die Fremdbetreuungsquote von Zweijährigen liegt bei 98 Prozent (in Österreich 25,5 Prozent). Meist unerwähnt bleibt jedoch, dass "Vollzeit" in Staaten wie Schweden nicht 40, sondern 34 Arbeitsstunden pro Woche bedeutet. Und berufliche Besprechungen nach 16 Uhr sind verpönt. Darüber hinaus liegt der Betreuungsschlüssel für Kleinkinder bei 1:5, eine Elementarpädagogin ist also für fünf Kinder zuständig. In Österreich sind es zwölf oder mehr. Unterschiede gibt es auch in den Gruppengrößen: Krippengruppen für Ein-bis Dreijährige sind im Norden zehnköpfig, bei den Dreibis Sechsjährigen dürfen maximal 15 Kinder gemeinsam betreut werden. Die österreichische Vorgehensweise -25 Buben und Mädchen in einer Gruppe, betreut von einer Pädagogin plus Assistenz - wäre in Skandinavien undenkbar.

Fehlende Einheitlichkeit

Auch Aspekte wie "Bewegung im Freien" oder "Ruhepausen" stehen dort auf dem "Kindergarten-Lehrplan". Gerade weil die Kinder so viel Zeit in den Betreuungseinrichtungen verbringen, legt man Wert darauf, dass der Nachwuchs mehrere Stunden am Tag im Freien verbringt. In Österreich existiert auf Grund der föderalistischen Organisation für solche Rahmenbedingungen keine einheitliche Regelung. Eine Tatsache, die Andreas Baierl vom Institut für Familienforschung seit Jahren kritisiert. So hätte jedes Bundesland eigene Verordnungen, die sich teilweise widersprechen würden. Ein Kind in Wien braucht offenbar mehr Platz zum Spielen (drei Quadratmeter) als ein Spross in Vorarlberg (zwei Quadratmeter). Und in Tirol wurde von den Gemeindebediensteten durchschnittlich weniger Spielzeug für Kindergärten genehmigt als in Oberösterreich.

Tatsächlich wäre 2012 seine Empfehlung einer "gemeinsamen Qualitätslinie" aufgegriffen worden, erklärt Baierl. Umgesetzt wurde sie nicht. Die neue Regierung hätte dann die Zuständigkeit für Kindergärten ins Bildungsministerium verlagert, Ansprechpartner gäbe es hingegen bis heute keinen. Auf Nachfrage der FURCHE findet derzeit ein "fließender Übergang" statt: Künftig soll die "Koordination für Elementarpädagogik" dem Bildungsministerium obliegen, um die "Allgemeinen Angelegenheiten der Familienpolitik" kümmert sich das Familienministerium im Kanzleramt. Am Verhandlungstisch zu den 15a-Vereinbarungen sitzen Beamte aus beiden Ressorts.

Und das Kindeswohl?

Wer auch immer künftig für die Kindergärten zuständig ist: Von Interesse scheint vor allem die Quantität zu sein -und die Berücksichtigung der Anforderungen der Arbeitswelt. Dass diese nicht selten mit den Bedürfnissen der Kinder kollidieren, ist hingegen kaum im Fokus. Darauf weist auch eine Studie des "Instituts für Kinderrechte und Elternbildung" hin, für die österreichweit Elementarpädagoginnen und Assistentinnen nach dem "Wohl des Kindes" in ihrer Einrichtung befragt wurden: Fast alle gaben an, dass die Kinder zu viel Zeit bei ihnen verbrächten. Auch würden die Öffnungszeiten bis zum Anschlag ausgeschöpft und die Kinder sogar krank gebracht werden.

Petra jedenfalls hat ihre Konsequenzen gezogen und vor wenigen Wochen gekündigt. Ab Juli wird sie in einem Drogeriegeschäft arbeiten. "Dort verdiene ich mehr und habe weniger Verantwortung", sagt sie. Bis Ersatz für sie gefunden ist, kümmert sich die Assistentin allein um die Mädchen und Buben. Es sind 24.