"Phase der Unsicherheit dauert natürlich zu lange"

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Worin liegen 2017 die größten Herausforderungen in der Integrationsarbeit? Der Wiener Flüchtlingskoordinator Peter Hacker im FURCHE-Interview.

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Worin liegen 2017 die größten Herausforderungen in der Integrationsarbeit? Der Wiener Flüchtlingskoordinator Peter Hacker im FURCHE-Interview.

Wie sich die Anforderungen an die Politik und an die Zivilgesellschaft verändert haben, erklärte der Wiener Flüchtlingskoordinator Peter Hacker gegenüber der FURCHE.

Die Furche: Im Jahr 2015 gab es rund 88.000 Asylanträge, heuer sind es bislang nur 4300. Das sollte die Integrationsarbeit einfacher und qualitativer machen?

Peter Hacker: Klar. Uns war bewusst, dass die hohe Ankunftsrate im Ausnahmejahr 2015 längerfristige Auswirkungen haben wird. Seit sich die Lage normalisiert hat, konnten wir die Integrationsarbeit entsprechend ausbauen.

Die Furche: Das Angebot an Integrationsmaßnahmen könnte aber sehr wohl noch verstärkt werden.

hacker: Wir arbeiten noch daran, passende Angebote für die große Gruppe von Neuankömmlingen aus dem Jahr 2015 zu schaffen. Ab dem Sommer stehen in Wien für Asylwerber 10.000 zusätzliche Deutschkursplätze zur Verfügung und es wird weitere Projekte zur Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt geben. Dass der Bund mit dem Integrationspaket in eine ähnliche Richtung geht, ist eine Bestätigung des Wiener Programms zur Integration ab Tag eins.

Die Furche: Welche sind dabei die größten Herausforderungen?

Hacker: Die langen Asylverfahren erschweren die Integrationsarbeit, weil die Betroffenen oft jahrelang nicht wissen, ob sie eine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung bekommen. Dass diese Phase der Unsicherheit zu lange dauert, spürt man natürlich. Die langen Verfahren verunmöglichen eine Teilnahme am echten Leben, an Arbeit und Bildung.

Die Furche: In welchen Bereichen funktioniert die Anerkennung von Bildungsabschlüssen schon?

Hacker: Bei einigen technischen Studienrichtungen klappt es bereits sehr gut. Da gibt es weniger Berührungsängste als in anderen Berufen, wie etwa bei den Ärzten. In der Krankenpflege aber werden die Diplome aus aller Welt sehr wohl anerkannt. Man kann ja in manchen Bereichen nachschulen. DIe Furche: Österreichweit sind sechs Prozent der AMS-Klienten Asyl-und subsidiär Schutzberechtigte, in Wien sind es elf Prozent. Das erklärt wohl teils die negative Einstellung der Bevölkerung.

Hacker: Ich glaube, dass die Meinungen in der Bevölkerung nicht so negativ sind.

Die Furche: Ich meine die aktuelle OGM-Umfrage, laut der zwei Drittel der Österreicher zur Aufnahme weiterer Flüchtlinge "Nein" sagen.

Hacker: Ich bin auch dafür, dass der Krieg in Syrien beendet wird und keine weiteren Menschen ihre Heimat verlassen müssen. Aber darauf haben wir keinen Einfluss. Unsere Umfragen zeigen etwas anderes: Viele, die rund um Flüchtlingsquartiere wohnen, haben großes Verständnis für Flüchtlinge. Was sich die Menschen erwarten, ist nicht ein starker Mann, wie es durch die Gazetten geistert, sondern dass die Handlungsbeauftragten kein Bild der Hilflosigkeit abgeben.

Die Furche: Von 2000 neuen Flüchtlingen ist die Rede, die die EU aus Griechenland und Italien nach Österreich umverteilen will. Was würde diese Zahl organisatorisch und atmosphärisch bedeuten?

Hacker: Faktisch betrachtet hieße das für jede Gemeinde in Österreich einen zusätzlichen Flüchtling. Das halte ich für keine zusätzliche Strapaze, die irgendwem schlaflose Nächte bescheren sollte.

Die Furche: Der Löwenanteil wird wohl in Wien untergebracht.

Hacker: Laut der Verteilungslogik, die per Gesetz definiert ist, muss jedes Bundesland seinen Anteil übernehmen. Für Wien wären es also rund 400 Flüchtlinge.

Die Furche: Aber würde letztlich nicht doch wieder die Hauptstadt den Großteil aufnehmen?

Hacker: Die Bundesländer werden mit der Fremdenrechtsnovelle nun stärker in die Verantwortung genommen. Aber ich sehe keinen Konflikt zwischen Wien und den Bundesländern, sondern eine generelle Stadt-Land-Frage. Dass es die Menschen vermehrt in die Städte zieht, gilt nicht nur für Flüchtlinge. Nur die Stadtpolitik dafür verantwortlich zu machen, wäre viel zu kurz gegriffen.

Die Furche: Die Asylnovelle bedeutet auch eine Verschärfung der Rückkehrbedingungen, was die Wohnsitzauflage oder die Beugehaft betrifft. Sind Sie mit dem Endergebnis einverstanden?

Hacker: Ich bin insgesamt zufrieden, weil ein unnötiges Abdriften in die Illegalität verhindert werden konnte: Dass Flüchtlinge aus der Grundversorgung fallen und obdachlos werden, können wir gerade in der Stadt nicht brauchen. Dass sich der Staat den Kopf zerbricht, wie Menschen ohne Aufenthaltstitel oder mit negativem Asylbescheid außer Landes gebracht werden können, ist zulässig.

Die Furche: Wobei das im Dienstleistungsbereich wohl schwieriger ist als bei reinen Computerjobs.

Hacker: Natürlich. Wir bieten daher Deutschkurse an, die auf spezifische Berufsanforderungen zugeschnitten sind, etwa mit Fachsprache für Gastronomie oder Pflege. Wir wollen noch stärker in Richtung Spezifizierung und Individualisierung der Maßnahmen gehen. Mithilfe der Wiener Bildungsdrehscheibe schauen wir uns an: Was braucht jemand an Aus- und Weiterbildung, um so rasch wie möglich auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen zu können? DIe Furche: Wie hat sich das Flüchtlingsengagement also verändert?

Hacker: Es gibt mit where2help. wien eine Plattform, über die sich mehr als 1300 Freiwillige und über 55 Organisationen an der Integrationsarbeit beteiligen. Dennoch hat sich in der öffentlichen Debatte eine seltsame Stimmung breit gemacht, die nicht abbildet, was sich bei den Freiwilligen "draußen" tut.

Peter Hacker

"Wir bieten jetzt Deutschkurse an, die auf die spezifischen Berufsherausforderungen zugeschnitten sind, etwa in der Gastronomie oder in der Pflege", berichtet Flüchtlingskoordinator Hacker über das inzwischen ausgebaute Angebot.

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