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Powidl ist die EU für die Welt

Der Erfolg bei der Suche nach Saddam hat den Misserfolg bei der Beschlussfassung einer EU-Verfassung in den medialen Schatten gestellt. Das hat die vom Gipfel in Brüssel heimkehrenden Politiker gefreut, dass kein Platz und keine Zeit war, ihr Scheitern noch ausführlicher an den Pranger zu stellen. Das zeigt aber auch, was es der Welt ist, wenn Europa nicht ist: Powidl.

Die Welt macht auch Schlagzeilen ohne Europa, ja, der Welt ist es ganz Recht, wenn sie den einzelnen europäischen Ländern ihre Schlagzeilen diktieren kann. Um nicht länger unter der Überschrift anderer zu laufen, wurde die EU gegründet; um europäische Überschriften gestalten zu können, braucht es Integration, braucht es gemeinsame Grundrechte, braucht es eine gemeinsame Verfassung.

Vom guten Geist des Konvents war in den sechzehn Monaten der Arbeit am Verfassungsvertrag viel die Rede - und von der Hoffnung, die Regierungen würden sich nicht trauen, einen von der Mehrheit des Konvents getragenen Verfassungsvorschlag zu verändern oder gar zu verwerfen. Jetzt haben sie es sich doch getraut - und wie es weitergehen soll, ist ungewiss. So sehr, dass Irland, das zu Neujahr die verfahrene Situation von Italien übernimmt, gar nicht weiß, ob es sich über die Aufgabe wagen und damit eine schwere Belastung für die EU-Präsidentschaft riskieren soll.

Alles ungewiss - dann sei eine Prognose erlaubt: Irland wird die Arbeit machen, schon um es den Italienern zu zeigen. Die Regierungschefs haben bereits an die Insel appelliert, sie werden noch mehr drängen. Spanien wird nach den Wahlen im Frühjahr den Streit um vieles lockerer angehen; und wenn bei Polens Premier einmal das unfallbedingte Gipskorsett weg ist, zeigt der sich auch beweglicher. Zu optimistisch? Nein, nur überzeugt, dass die eitlen EU-Regierungschefs alles sein wollen - nur nicht Powidl.

wolfgang.machreich@furche.at

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