Regenbogen

„Pride Month“: Regenbogen als Brücken der Bewegung

1945 1960 1980 2000 2020

Im „Pride Month“ Juni sind RegenbogenBanner allgegenwärtig. Im Zentrum steht die Forderung nach Toleranz und Respekt. Über ein Symbol und dessen Anziehungskraft.

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Im „Pride Month“ Juni sind RegenbogenBanner allgegenwärtig. Im Zentrum steht die Forderung nach Toleranz und Respekt. Über ein Symbol und dessen Anziehungskraft.

Einem Regenbogen kann man sich auf ganz unterschiedliche Art nähern. Etwa mittels einer Geschichte. Zum Beispiel jener, die Kinder gerne hören. Der zufolge kamen eines Tages alle Farben der Welt zusammen. Eine Diskussion entbrannte. Es ging um die Frage, welche der Farben die bedeutsamste sei. „Grün“ argumentierte, sie stehe für die Natur, sei die Farbe des Lebens. „Blau“ fiel ihr ins Wort, meinte, sie symbolisiere den Himmel, das Wasser und somit das Fundament des Planeten.

„Gelb“ schüttelte den Kopf: Es sei die Sonne, um die sich alles drehe, und die werde nun einmal von ihr verkörpert. „Und ich?“, fragte „Orange“ missgestimmt. „Bin ich nicht das Sinnbild der Gesundheit und des Widerstandes?“ Die anderen blieben ihr eine Antwort schuldig. Denn „Rot“ verschaffte sich lauthals Gehör. Sie sei die Farbe des Blutes, und ohne Blut gäbe es keinerlei menschliche Existenz. „Violett“ hatte bis zuletzt geschwiegen. Doch jetzt erklärte sie leise, aber deutlich, dass sie es sei, die von Königen und Staatsoberhäuptern ausgewählt worden sei, weil sie die Weisheit repräsentiere. „Die Mächtigen beachten mich und gehorchen mir.“

Bauernkriege und Ureinwohner

In diesem Augenblick blitzte und donnerte es. Die Farben fürchteten sich und umarmten einander. Dann kam der Regen. Und dieser sprach zu den Farben, die als Bogen zusammenstanden: „Ihr seid alle verschieden und eigenartig. Fasst euch an den Händen und überzieht den Himmel mit eurer Pracht. Es ist vor allem die Akzeptanz eurer Unterschiede, die letztlich zählt.“

Ein Regenbogen ist mehr als ein Wetterphänomen. Er steht Pate für etwas, das für den Menschen bedeutsam und essenziell ist. Die Lesarten, um welche Werte es hier tatsächlich geht, mögen auf den ersten Blick divers sein. Die Kernbotschaften gehen dennoch in eine ähnliche Richtung. Bereits in der biblischen Erzählung der Arche Noah schickt Gott einen Regenbogen als Hoffnungsträger. Und zur Zeit der deutschen Bauernkriege im 16. Jahrhundert wählte der Theologe und Revolutionär Thomas Müntzer den Regenbogen als Zeichen des Aufstandes gegen die jahrhundertelange Unterdrückung durch die Obrigkeit. Verbunden hatte er damit ein alttestamentliches Bibelwort aus der Genesis: „Dis ist das zeychen des ewigen bund gotes“. Es war die Aufforderung zur Einheit, auf die sich Müntzer damals vor allem bezog.

Einem Regenbogen kann man sich auf ganz unterschiedliche Art nähern. Etwa mittels einer Geschichte. Zum Beispiel jener, die Kinder gerne hören. Der zufolge kamen eines Tages alle Farben der Welt zusammen. Eine Diskussion entbrannte. Es ging um die Frage, welche der Farben die bedeutsamste sei. „Grün“ argumentierte, sie stehe für die Natur, sei die Farbe des Lebens. „Blau“ fiel ihr ins Wort, meinte, sie symbolisiere den Himmel, das Wasser und somit das Fundament des Planeten.

„Gelb“ schüttelte den Kopf: Es sei die Sonne, um die sich alles drehe, und die werde nun einmal von ihr verkörpert. „Und ich?“, fragte „Orange“ missgestimmt. „Bin ich nicht das Sinnbild der Gesundheit und des Widerstandes?“ Die anderen blieben ihr eine Antwort schuldig. Denn „Rot“ verschaffte sich lauthals Gehör. Sie sei die Farbe des Blutes, und ohne Blut gäbe es keinerlei menschliche Existenz. „Violett“ hatte bis zuletzt geschwiegen. Doch jetzt erklärte sie leise, aber deutlich, dass sie es sei, die von Königen und Staatsoberhäuptern ausgewählt worden sei, weil sie die Weisheit repräsentiere. „Die Mächtigen beachten mich und gehorchen mir.“

Bauernkriege und Ureinwohner

In diesem Augenblick blitzte und donnerte es. Die Farben fürchteten sich und umarmten einander. Dann kam der Regen. Und dieser sprach zu den Farben, die als Bogen zusammenstanden: „Ihr seid alle verschieden und eigenartig. Fasst euch an den Händen und überzieht den Himmel mit eurer Pracht. Es ist vor allem die Akzeptanz eurer Unterschiede, die letztlich zählt.“

Ein Regenbogen ist mehr als ein Wetterphänomen. Er steht Pate für etwas, das für den Menschen bedeutsam und essenziell ist. Die Lesarten, um welche Werte es hier tatsächlich geht, mögen auf den ersten Blick divers sein. Die Kernbotschaften gehen dennoch in eine ähnliche Richtung. Bereits in der biblischen Erzählung der Arche Noah schickt Gott einen Regenbogen als Hoffnungsträger. Und zur Zeit der deutschen Bauernkriege im 16. Jahrhundert wählte der Theologe und Revolutionär Thomas Müntzer den Regenbogen als Zeichen des Aufstandes gegen die jahrhundertelange Unterdrückung durch die Obrigkeit. Verbunden hatte er damit ein alttestamentliches Bibelwort aus der Genesis: „Dis ist das zeychen des ewigen bund gotes“. Es war die Aufforderung zur Einheit, auf die sich Müntzer damals vor allem bezog.

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250 Jahre später mobilisierten Teile der indigenen Bevölkerung im heutigen Peru mittels einer Regenbogenfahne ihre Mitstreiter zu Massenprotesten. Bis heute spiegeln die Farben des Wiphalas (eines Emblems, das einige der Ureinwohner der Anden repräsentiert) jene des Regenbogens wider. Ein ikonisches Zeichen, das aufzeigen soll, wie ergiebig Vielfalt und wie langweilig Einfalt sei. In der Mythologie wird der Regenbogen zuweilen als Bindebogen beschrieben – das Farbspektrum als Brücke, die Himmel und Erde verbindet.

Etwa in Person der Götterbotin Iris in Ovids „Metamorphosen“, die von ihrem Regenbogen herabsteigt und die Botschaften der Hera überbringt. Nahezu in allen Kulturen (mit Ausnahme der chinesischen) werden Regenbögen als gutes Omen interpretiert. Regenbögen besitzen die Macht, sowohl Alt und Jung als auch alle Gesellschaftsgruppen zu faszinieren. „Weil sie unerwartet erscheinen, nur kurz bleiben und für ein wunderbares visuelles Drama sorgen“, erklärt etwa der britische Philosoph Gavin PeterPrinney diese Anziehungskraft.

Somewhere over the rainbow,
skies are blue
And the dreams that you dare to dream,
Really do come true.
(„Over the Rainbow“ von Judy Garland)

Diese Passagen gelten als die berühmtesten Sätze des Musicalfilms „Der Zauberer von Oz“ (1939). Die Vorstellung, der Regenbogen symbolisiere eine bessere Welt, verkörpere Träume, die Wirklichkeit werden können, faszinierte Massen. Visionen, die sich zunächst freilich nicht erfüllen sollten. Der Regenbogen als Lichtstreif am Horizont wurde dann aber in den 60er Jahren im Zuge der Hippie-Bewegung reaktiviert. Ausgehend von Italien wurde die Regenbogenfahne mit dem Aufdruck PACE seit dem Jahr 1961 zum ausgewiesenen Symbol der Friedensbewegung.

Doch noch andere Gruppierungen sehen den Regenbogen als ideales Merkmal, um gesellschaftspolitische Akzente zu setzen und Missstände aufzuzeigen: 1978 beauftragte Harvey Milk, der erste offen schwule Politiker der USA, den Künstler Gilbert Baker, ein neues Zeichen für die Schwulen- und Lesben-Community zu designen. Bis dahin verwendete die Szene ein pinkes Dreieck – das Symbol, mit dem die Nazis homosexuelle Männer im Dritten Reich gekennzeichnet hatten. Baker dagegen sollte nun ein positives, fröhliches Symbol schaffen.

In der Mythologie verbindet das Farbspektrum Himmel und Erde. Etwa in Person der Götterbotin Iris in Ovids ‚Metamorphosen‘.

Ursprünglich bestand die „Gay-Regenbogenfahne“ aus acht Streifen, aber das grelle Pink, das Baker als Symbol für die Sexualität oberhalb des eigentlich ersten roten Streifens platzieren wollte, ließ sich damals industriell nicht herstellen (was sich mittlerweile erledigt hat). Auch wird der Fahne häufig ein schwarzer Streifen, der für die Aids-Problematik steht, hinzugefügt.

Zudem ist die Reihenfolge der Farben nicht ident mit dem PACE-Signet. Um den Feminismus in den Vordergrund zu stellen, wurde Rot oben platziert. Die Baker-Flagge steht längst für die gesamte LGBTQIA*-Bewegung (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer, Inter-, Asexual und sämtliche weitere Geschlechtsidentitäten). Weiter wurde der Monat Juni zum internationalen „Pride-Month“ (in Erinnerung an „Stonewall 1969“, wo sich Lesben, Schwule und Transgender-Personen massiv gegen Polizeiwillkür zur Wehr setzten) ausgerufen.

Daher wehen in allen Staaten, die ihren Bewohnern, gleich welche Lebensentwürfe sie wählen, ein freies Leben ermöglichen, dieser Tage bunte Banner an Flaggenmasten von öffentlichen Gebäuden oder kleben an den Türen von Öffis und Geschäften. Und sie werden auf Demonstrationen geschwenkt – gemeinsam mit der Peace-Fahne. Denn hier wie dort geht es um ein friedliches Zusammenleben, Toleranz, Akzeptanz und gegen Diskriminierung – um essenzielle Werte.

Erde verwüstet, Tiere gestorben

Ein Regenbogen ziert übrigens auch das Logo der Umweltorganisation „Greenpeace“. Die NGO beruft sich auf eine überlieferte Prophezeiung einer US-Ureinwohnerin. Diese sagte voraus, dass, wenn die Erde verwüstet und die Tiere gestorben seien, ein neuer Stamm auf die Welt komme, der aus Menschen vieler Farben, Klassen und Glaubensrichtungen bestehe. Dieser nenne sich dann „Warriors of the Rainbow“ und mache durch seine Taten die Erde wieder grün.

Pride

„Progress-Flagge“ als Statement

Die originale Regenbogenflagge wurde mittlerweile von dem Grafikdesigner Daniel Quasar zur „Progress-Flagge“ adaptiert. Diese Variation enthält auf der linken Seite einen Keil in den Farben der Trans-PrideFlagge sowie die Farben der marginalisierten Communitys. Der Keil symbolisiert, dass es noch viele Herausforderungen zu meistern gilt. Die Farbvielfalt soll verstärkt das Augenmerk auf Trans-Menschen und Schwarze bzw. grundsätzlich auf „People of Color“ legen.

Standbild Navigator - © Foto: Die Furche

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