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Die lebende Fabrik

Produzenten und Geschwister. "View taken from the heights of Suresnes“ (1856) - © Getty Images / Christophel Fine Art / Universal Images Group
Gesellschaft

Produzenten und Geschwister

1945 1960 1980 2000 2020

Guten Gewissens Milch trinken, Joghurt löffeln oder Eier essen – geht das überhaupt? Gedanken über die ethischen Aspekte des Konsums tierlicher Lebensmittel.

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Guten Gewissens Milch trinken, Joghurt löffeln oder Eier essen – geht das überhaupt? Gedanken über die ethischen Aspekte des Konsums tierlicher Lebensmittel.

Nahezu alle Menschen in Österreich – ausgenommen Veganerinnen und Veganer – konsumieren Lebensmittel, die von Tieren stammen. Milchprodukte, Eier und Honig auch dann, wenn sie vegetarisch leben, ansonsten zusätzlich Fleisch, Fisch und Meeresfrüchte. Dabei vermitteln uns die Medien jeden Tag schreckliche Bilder aus der Intensivtierhaltung: Tiere, die aufs Engste zusammengepfercht sind; denen die Hörner genommen, die Schwänze kupiert, die Schnäbel gekürzt werden, damit sie sich in den beengten Verhältnissen nicht gegenseitig verletzen; die zum großen Teil ein Leben lang auf Spaltenböden stehen; und deren Lebensdauer nach dem optimalen Preis-Leistungs-Verhältnis bestimmt wird.

Nahezu alle Menschen in Österreich – ausgenommen Veganerinnen und Veganer – konsumieren Lebensmittel, die von Tieren stammen. Milchprodukte, Eier und Honig auch dann, wenn sie vegetarisch leben, ansonsten zusätzlich Fleisch, Fisch und Meeresfrüchte. Dabei vermitteln uns die Medien jeden Tag schreckliche Bilder aus der Intensivtierhaltung: Tiere, die aufs Engste zusammengepfercht sind; denen die Hörner genommen, die Schwänze kupiert, die Schnäbel gekürzt werden, damit sie sich in den beengten Verhältnissen nicht gegenseitig verletzen; die zum großen Teil ein Leben lang auf Spaltenböden stehen; und deren Lebensdauer nach dem optimalen Preis-Leistungs-Verhältnis bestimmt wird.

Zugegeben: In den bäuerlichen Familienbetrieben unseres Landes schaut es oft besser aus. Aber auch sie kommen aus dem enormen wirtschaftlichen Druck nicht heraus, der durch die globalen Lebensmittelmärkte und den Preiskampf der großen Einzelhandelsketten entsteht. Zudem kommt ein erheblicher Teil der in Österreich konsumierten tierlichen Lebensmittel aus der Intensivtierhaltung im Ausland. Spätestens da geht uns alle die Frage etwas an: Können wir eigentlich noch guten Gewissens Lebensmittel von Tieren essen und trinken? Die Frage verschärft sich weiter, wenn wir uns an den Vorstellungen der Bibel orientieren. Sie sieht die Tiere als Gefährten und Verwandte des Menschen. In der zweiten Schöpfungserzählung (Gen 2) wird gesagt, dass Gott sie erschaffen habe, damit sie dem Menschen Gesellschaft und Hilfe leisten. Zwar sind sie dem Menschen nicht ebenbürtig, das sind nur Mann und Frau, aber den von Gott vorgesehenen Zweck erfüllen sie allemal. Daher soll der Mensch die Ressourcen dieser Erde geschwisterlich mit ihnen teilen (Gen 1).

Sabbatgebot für Tiere

Schon die Bibel weiß, dass fromme Appelle leicht ungehört verhallen. Daher finden sich in ihren ersten fünf Büchern eine Reihe von Gesetzen, die das Tier vor übermäßiger Ausbeutung schützen. Gekrönt werden diese im Sabbatgebot: Auch die Tiere sollen am Sabbat ruhen dürfen, so wie Asylwerber, Sklaven, Frauen und Kinder – so wie alle, die in der sozialen Hierarchie eher unten stehen. Ihnen allen soll ein Mindestmaß an Gerechtigkeit widerfahren und ein anständiges Leben ermöglicht werden. Ein Leben, das sich zu leben lohnt.

Was die Bibel aber nicht vorschreibt, ist, auf die Nutzung von Tieren völlig zu verzichten. Diese hält sie ebenso wenig für verwerflich wie die Nutzung von Menschen. Wir nutzen einander tagtäglich – und können es gar nicht anders. Daher geht der biblische Impuls dahin, das andere Geschöpf, ob menschlich oder tierlich, nicht nur (!) unter Nutzenaspekten zu betrachten, nicht ausschließlich (!) als Produktionsfaktor oder im Kosten-Nutzen-Verhältnis zu sehen. Ohne wirtschaftliche Betrachtung geht es nicht – auch Arbeitgeber und Arbeitnehmer betrachten ihre Beziehung unter Nutzenaspekten und in Form von Geldbeträgen. Aber, so die Idee der Bibel und der kirchlichen Soziallehre, wir sollen einander nicht nur unter Nutzenaspekten betrachten, sondern zugleich als einmalige Lebewesen sehen, mit eigenständigen Bedürfnissen. Genau das ist gemeint, wenn Papst Franziskus in seiner Enzyklika Laudato si allen Geschöpfen einen unveräußerlichen Eigenwert zuschreibt (Nr. 69).

Wir dürfen Tiere also nutzen (und sie uns Menschen auch!), aber wir müssen dabei auf Gerechtigkeit achten. So wie wir in modernen demokratischen Staaten soziale Mindeststandards haben, die allen Menschen zukommen müssen, so sollten wir auch Mindeststandards der Tierhaltung einführen und verpflichtend durchsetzen. Aus diesem Grund hat die EU eine Reihe von Richtlinien für die Haltung und den Transport der verschiedenen Nutztierarten. In all diesen Richtlinien ist es das erklärte Ziel, einen fairen Ausgleich zwischen den wirtschaftlichen Interessen der Menschen und den Bedürfnissen der Tiere zu schaffen. Wenn man allerdings genauer hinschaut, kann man nicht von fairen Bedingungen reden. So wird einem ausgewachsenen Schwein von 110 Kilogramm nur ein Quadratmeter Platz zugesprochen, einer Legehenne 1100 und einem Masthähnchen 450 Quadratzentimeter. Faktisch werden die Tiere fast vollständig der effizientesten Produktion angepasst, nicht aber die Produktion den Bedürfnissen der Tiere – jedenfalls solange man nur das tut, was gesetzlich angeordnet ist. Von Tiergerechtigkeit kann also keine Rede sein.

Wer nur noch ein Viertel des Fleisches isst, kann für Fleisch wie für Milch und Milchprodukte das Doppelte bezahlen.

Soll man am besten gleich auf tierliche Lebensmittel verzichten? Wer das für richtig hält, soll es tun. Alle anderen sollten ihm dafür Respekt zollen anstatt ihn zu belächeln. Im frühchristlichen Mönchtum wurde die vegetarische Ernährung ebenso hoch geschätzt wie die freiwillige Ehelosigkeit oder die selbst gewählte Armut. Manche Ordensgemeinschaften sind dieser Tradition bis heute treu geblieben. Und das ist gut so. Denn so werden all jene, die tierliche Lebensmittel essen, daran erinnert, dass sie für die gute Haltung dieser Tiere mitverantwortlich sind.

Diese Mitverantwortung muss sich auf vielerlei Weise ausdrücken: Erstens müssen wir unseren Fleischkonsum auf ungefähr ein Viertel des österreichischen Durchschnittsverbrauchs reduzieren – von 65 auf 15 bis 20 Kilogramm pro Person und Jahr. Das ist nicht nur um des Tierschutzes, sondern auch um des Klimaschutzes willen nötig, zu dem die Tierhaltung über zehn Prozent beiträgt, und um des Hungers fast einer Milliarde Menschen willen, die nur ernährt werden können, wenn wir die Erträge unserer Äcker ihnen geben und nicht den Nutztieren. Nutztiere gehören auf die Weide, auf der keine Lebensmittel für den Menschen erzeugt werden können. Weideflächen sind ohnehin 70 Prozent aller weltweit landwirtschaftlich nutzbaren Flächen. Wenn auf ihnen extensive Tierhaltung passiert, mit wenigen Tieren auf weiten Flächen, dann ist das ein gutes Leben für die Tiere und ein ökologischer Gewinn für alle Lebewesen der Erde. Denn extensiv genutzte Viehweiden bringen eine unglaublich große Vielfalt an Kleintieren und Pflanzen hervor. Sie sind echte „hotspots“ der Biodiversität. Da summt und brummt es, und wo Kleininsekten sind, finden auch Vögel und Kriechtiere Nahrung.
Tierliche Produkte aus extensiver Weidehaltung, v. a. Fleisch und Milch, sind wesentlich teurer als jene aus Intensivtierhaltung. Aber wer nur noch ein Viertel des Fleisches isst wie bisher, kann für Fleisch ebenso wie für Milch und Milchprodukte das Doppelte oder Dreifache bezahlen und spart noch immer Geld ein. Zugleich kann der Bauer seinen Tieren ein besseres Leben ermöglichen und selbst einen fairen Lohn für seine Arbeit bekommen. Dass die Kennzeichnung solcher Produkte überprüften Standards entspricht, könnten Gütesiegel unabhängiger Prüfstellen des Staates oder von NGOs sicherstellen.

Tierschutz – aber billig, bitte!

Analog gilt das Gesagte auch für Eier (vgl. Seite 4). Hier haben wir schon jetzt eine relativ transparente Kennzeichnung, die die Haltungsbedingungen erkennen lässt. Leider ist aber nur eine Minderheit der Menschen bereit, die deutlich teureren Eier aus der besseren Hühnerhaltung zu kaufen. Für Tierschutz sind alle – aber bezahlen wollen nur wenige. Das muss sich gerade aus christlicher Perspektive ändern.

In der christlichen Tradition gab es darüber hinaus immer Zeiten der Fleischabstinenz. Die Freitage als Fleischfrei-Tage, die Fastenzeit als Jahreszeit nach dem „Karneval“, wörtlich übersetzt dem „Fleisch, lebe wohl!“ Noch vor wenigen Generationen aßen die Christen zwischen Aschermittwoch und Ostern vierzig Tage lang kein Fleisch. Es wäre einen Versuch wert, diese alte Tradition aufs Neue zu probieren. Denn, wie Papst Franziskus in Laudato si (Nr. 89) schreibt: Menschen und Tiere sind gemeinsam eine große, universale Familie.