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Projektionsfläche für alles Böse

Die radikalen Forderungen der 68er sind nur vor dem Hintergrund und als Reaktion auf eine Zeit finsterer Verteufelung alles Sexuellen zu verstehen.

Vor der Bezichtigung, an der sexuellen Verblödungsmaschinerie unseres aktuellen Systems Schuld zu sein, muss man die 68er entgegen verkürzter Schuldzuweisungen in Schutz nehmen.

Zum 50-jährigen Jubiläum von 1968 finden sich nicht nur würdigende Rückblicke, auch das 68er-Bashing, das sich in massiven Schuldzuweisungen gefällt, nimmt zu. Einer der medial präsentesten Wortführer hierzulande, der Wiener Psychiater Raphael Bonelli, stellt die 68er-Aktivisten und ihre Ideen als geradezu bösartige Bewegung dar, die v. a. auf dem Gebiet der Sexualität und der Familie für alles heute vorfindbare Übel verantwortlich sei.

Solche Behauptungen würden angesichts der auffindbaren Kontakte Bonellis zu erzkonservativen katholischen Kreisen wie dem "Opus Dei", den umstrittenen "Legionären Christi" oder einer Reihe fragwürdiger Veranstalterforen, in denen es u. a. um die Heilbarkeit der Homosexualität ging, nicht weiter verwundern. Aber Bonelli ist - nachdem er nach heftigen Auseinandersetzungen an der Grazer Medizinuni gekündigt hatte -"Dozent an der Sigmund-Freud-Universität für Sozialpsychiatrie", wie er schreibt. Dies ist insofern bemerkenswert, als der alte Freud wohl wenig Freud' hätte mit einem Dozenten, der die Sexualität in der Art und Weise Bonellis betrachtet.

Kritik ohne historischen Kontext

Vor allem die seine Thesen kennzeichnenden geschichtslose Betrachtung der Verursachung sexueller Probleme heute muss aus sexualwissenschaftlicher Sicht entschieden entgegengetreten werden. Demnach sind die 68er maßgeblich sowohl an den Auswüchsen der "freien Sexualität" (laut Bonelli ein "Allheilmittel","immer super"), an der Beziehungslosigkeit, an der "Liebe ohne Bindung", an der sexuellen Belästigung wie auch am verbreiteten pathogenen Narzissmus und sogar an der Pädophilie-Problematik beteiligt. Ja selbst die kriminellen Experimente eines Otto Mühl in der Friedrichshof-Kommune, die mit einer krankhaften Persönlichkeit und ihrer fundamentalistischen Gefolgschaft zu tun haben, werden dieser Bewegung angelastet. In simplifizierender Wiedergabe von Aussagen Wilhelm Reichs, Theodor W. Adornos, Herbert Marcuses u. a., die das Abendland quasi dem Sittenverfall ausgeliefert hätten, entwirft Bonelli ein krass verzerrtes Bild - demgemäß es an der Verursachung des gegenwärtigen Beziehungs-und Familien-Unglücks keinerlei Zweifel gäbe.

Haben sich die 68er durchgesetzt?

Jede seriöse Analyse muss dagegen bemüht sein, Probleme der Sexualität und des Liebeslebens vor dem Hintergrund historischer und gesellschaftlicher Einflüsse - nicht nur auf Basis 50 Jahre alter Kampfparolen - zu analysieren. Bonelli hingegen leitet von diesen (alten) Thesen unmittelbar die (neuen) Probleme von Paaren und Familien ab. Wie die meisten 68er-Basher huldigt er dabei einer haltlosen Überschätzung der Erfolge dieser Bewegung und geht von der irrigen Annahme aus, diese hätte jemals die Macht gehabt, sich langfristig gesellschaftlich durchzusetzen. Das ist mitnichten der Fall, wenngleich manche soziale Bewegung (wie die Friedens-oder Frauenbewegung) dort ihren Anfang nahm.

Die entscheidende Frage wird folglich im Gestus moralischer Schuldzuschreibung vergessen, nämlich wer oder was letztlich entscheidet, welche Inhalte einer "kulturrevolutionären" Bewegung gleich welcher Art sich in der Politik letztlich durchzusetzen vermögen. Diese gesellschaftlich-politische Dimension fehlt dem Blick des Psychiaters vollends: bei ihm ist es folglich die Minderheit politisierter 68er, die die Entwicklung des heute existierenden neoliberalen Kapitalismus und seiner Vermarktung von allem (auch von Sex) dominiert und geprägt hätten. Und das ist wohl wirklich absurd.

Freilich sind manche der radikalen Forderungen aus heutiger Sicht als überzogen zu bezeichnen, ohne dass man ihre Bedeutung bruchlos ins Heute übertragen könnte. Sie sind vielmehr nur vor dem Hintergrund und als Reaktion auf eine Zeit finsterster (auch kirchlicher) Verteufelung alles Sexuellen vor 1968 zu verstehen, wo alles Sinnliche, besonders das der Frauen, tief angstund schuldbesetzt war. Man muss diese Forderungen deshalb als zum Teil enthusiastisch übers Ziel schießende Gegenbewegung verstehen, deren Inhalte als solche aber gesamtgesellschaftlich niemals dominant wurden, vielmehr durch die "freie" Marktwirtschaft - was also anderen Kräften anzulasten ist -zur Ausbeutung des Sexuellen für wirtschaftliche Zwecke umfunktionalisiert wurden.

Sexuelles Unglück, Beziehungslosigkeit, egozentrischer Narzissmus, räuberische Konkurrenz, prekäre Lebenslagen, Kinderfeindlichkeit usw., wie sie Bonelli im Heute beklagt (und ich auch), kommen ganz woanders her. Schauen wir uns doch um, was Menschen heute plagt: sie haben keine Zeit mehr füreinander, hetzen den ganzen Tag durchs Berufsleben und die davon infizierte Konsum-Freizeit; in der Arbeit sind alle einander Konkurrenten um die weniger werdenden Plätze wie nie zuvor; viele Kinder bekommen deshalb zu wenig Zeit und ruhige Zuwendung, andere werden kritiklos der medialen und konsumkapitalistischen Grenzenlosigkeit überlassen, wo sie das, was Bonelli beklagt, von klein auf "reingedrückt" bekommen: stets hipp und sexy sein, Äußerlichkeiten vor innerer Haltung, Hauptsache, alle haben ihren Spaß dabei usw. Das heißt, die kapitalistische Spaß-und Profit-Gesellschaft hat es nachhaltig verstanden, die aufmüpfigen Parolen der 68er zu ihren Gunsten zu funktionalisieren: Vermarktbarkeit von allem und jedem und: "Sex everywhere!" Daran sind aber nicht die langhaarigen Rebellen von vor 50 Jahren schuld.

Schuld an Pädophilie-Problematik?

Die unverfrorenste 68er-Beschuldigung Bonellis ist die der Pädophilie (damit, dass jemand aus "Pathologisierung" des Schamgefühls pädophil würde, wie er im Standard schrieb, dürfte er in der Fachwelt alleine dastehen). Den 68ern ging es um die Befreiung des Kindes von repressiver Autorität. Dazu gehörte auch die kindliche Sexualität. Auch hier gab es fragwürdige Vorstellungen als Gegenpol zu einer schwarzen Prügel-und Sünden-Pädagogik bis weit in die 1960er-Jahre hinein, woraus einige problematische Autoren ein Recht auf Sexualität mit Kindern ableiten zu können glaubten. Die Programmatik der 1968er zur Kindersexualität hatte aber mit dem Recht von Kindern auf angstfreie Lust zu tun, nichts jedoch mit der Ermächtigung für Erwachsene, sich an Kindern zu vergnügen.

Resümee: Aufgrund einzelner Missstände eine ganze Bewegung zu diskreditieren, ist ebenso unzulässig, wie das Christentum für dessen zahlreiche fundamentalistische Gräuel verantwortlich zu machen. Wofür man einzelne Vertreter der 68er-Generation wohl kritisieren kann, ist ihr oft ungeklärtes Verhältnis zu letztlich autoritären Ideologien und zu gewalttätigen Symbolfiguren (Mao Tse-tung, Ho Chi Minh, auch Che Guevara u. a.), von denen eine offene Distanzierung (die der Elterngeneration von ihren Idolen zu Recht abverlangt wurde) bisher spärlich ausgefallen ist. Würde man diese Fehler selbstkritisch reflektieren, könnten auch andere überzogene Vorstellungen von damals zurechtgerückt werden. Vor der Bezichtigung, an der sexuellen Verblödungsmaschinerie unseres aktuellen Systems Schuld zu sein, muss man sie aber entgegen verkürzter Schuldzuweisungen in Schutz nehmen.

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