Protestkultur - © Foto: APA/AFP/Mohd Rasfan
Gesellschaft

Protestkultur reloaded

1945 1960 1980 2000 2020

„Fridays for Future“, die „Gelbwesten“ oder die Demos in Hongkong: Der Protest lebt. Doch er hat sich in den vergangenen Jahren von Grund auf erneuert.

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„Fridays for Future“, die „Gelbwesten“ oder die Demos in Hongkong: Der Protest lebt. Doch er hat sich in den vergangenen Jahren von Grund auf erneuert.

Eine Finanzmetropole im Ausnahmezustand: Hunderte junge Menschen mit Masken besetzen den Hongkonger Flughafen und versuchen, den Weg zum Terminal zu blockieren. Reisende blicken betreten an den Demonstranten vorbei. Die Flughafenmitarbeiter bemühen sich, Ruhe zu bewahren. Doch die gewalttätige Eskalation ist vorprogrammiert, der Flugverkehr nach wenigen Stunden lahmgelegt. Seit mehr als fünf Monaten gehen Millionen mehrheitlich junge Menschen in Hongkong auf die Straße. Polizeigewalt und Eskalationen stehen an der Tagesordnung. Die Aktivisten wehren sich gegen den wachsenden Einfluss der kommunistischen Pekinger Führung auf das autonom regierte Territorium. Für ihre bedrohte Freiheit besetzen sie Einkaufszentren, blockieren Straßen, organisieren „FlashMobs“. Und sie sind Teil einer neuen Generation, deren Proteste vor allem durch den Einsatz von sozialen Medien längst ganz neue Formen angenommen haben. Welches Ausmaß diese Proteste erreichen können, zeigt vor allem die Klimaschutzbewegung „Fridays for Future“. Längst hat sich die Bewegung zu einem globalen Phänomen entwickelt. Aber ist es so einfach, Aufmerksamkeit für seine Anliegen zu erhalten?

Abkehr von Protestmustern

„Was man sicherlich sagen kann, ist, dass eine Dezentralisierung stattgefunden hat, zum Beispiel durch den Einsatz sozialer Medien“, sagt Aron Buzogany, Politikwissenschaftler an der Freien Universität Berlin, „es erfordert weniger Aufwand, Proteste zu organisieren.“ Gleichzeitig sei es ungemein schwerer, die Öffentlichkeit zu erreichen, weil diese auch „zerfallen“ sei, so der Politikwissenschaftler. „Das ist eine ziemlich paradoxe Situation insgesamt.“ Es gebe nicht die eine Tageszeitung oder die einen Abendnachrichten, die man erreichen muss. Das Medienkonsumverhalten habe sich sehr stark verändert, und daher geht es oft auch um eine „Eventisierung“ des Protests. Der Drang sei hoch, etwas Außerordentliches produzieren zu müssen, um es über die Reizschwelle der Medien zu schaffen. Greta Thunberg, die wohl berühmteste Repräsentantin der Klimaschutzbewegung „Fridays for Future“, hat diese Eventisierung mit ihrer Atlantik überquerung per Segelyacht wohl auf ein nächstes Level gehoben. Und auch sonst seien „Fridays for Future“ gewissermaßen eine Abkehr vom typischen Protestmuster.

Eine Finanzmetropole im Ausnahmezustand: Hunderte junge Menschen mit Masken besetzen den Hongkonger Flughafen und versuchen, den Weg zum Terminal zu blockieren. Reisende blicken betreten an den Demonstranten vorbei. Die Flughafenmitarbeiter bemühen sich, Ruhe zu bewahren. Doch die gewalttätige Eskalation ist vorprogrammiert, der Flugverkehr nach wenigen Stunden lahmgelegt. Seit mehr als fünf Monaten gehen Millionen mehrheitlich junge Menschen in Hongkong auf die Straße. Polizeigewalt und Eskalationen stehen an der Tagesordnung. Die Aktivisten wehren sich gegen den wachsenden Einfluss der kommunistischen Pekinger Führung auf das autonom regierte Territorium. Für ihre bedrohte Freiheit besetzen sie Einkaufszentren, blockieren Straßen, organisieren „FlashMobs“. Und sie sind Teil einer neuen Generation, deren Proteste vor allem durch den Einsatz von sozialen Medien längst ganz neue Formen angenommen haben. Welches Ausmaß diese Proteste erreichen können, zeigt vor allem die Klimaschutzbewegung „Fridays for Future“. Längst hat sich die Bewegung zu einem globalen Phänomen entwickelt. Aber ist es so einfach, Aufmerksamkeit für seine Anliegen zu erhalten?

Abkehr von Protestmustern

„Was man sicherlich sagen kann, ist, dass eine Dezentralisierung stattgefunden hat, zum Beispiel durch den Einsatz sozialer Medien“, sagt Aron Buzogany, Politikwissenschaftler an der Freien Universität Berlin, „es erfordert weniger Aufwand, Proteste zu organisieren.“ Gleichzeitig sei es ungemein schwerer, die Öffentlichkeit zu erreichen, weil diese auch „zerfallen“ sei, so der Politikwissenschaftler. „Das ist eine ziemlich paradoxe Situation insgesamt.“ Es gebe nicht die eine Tageszeitung oder die einen Abendnachrichten, die man erreichen muss. Das Medienkonsumverhalten habe sich sehr stark verändert, und daher geht es oft auch um eine „Eventisierung“ des Protests. Der Drang sei hoch, etwas Außerordentliches produzieren zu müssen, um es über die Reizschwelle der Medien zu schaffen. Greta Thunberg, die wohl berühmteste Repräsentantin der Klimaschutzbewegung „Fridays for Future“, hat diese Eventisierung mit ihrer Atlantik überquerung per Segelyacht wohl auf ein nächstes Level gehoben. Und auch sonst seien „Fridays for Future“ gewissermaßen eine Abkehr vom typischen Protestmuster.

Das Medienkonsumverhalten hat sich sehr stark verändert, und daher geht es oft auch um eine ‚Eventisierung‘ des Protests, um es über die mediale Reizschwelle zu schaffen.

„Sonst waren Demonstranten typischerweise Männer, besser gebildet und sicherlich nicht so jung wie heute“, sagt Buzogany. An den Klimaschutzdemos von „Fridays for Future“ seien hingegen sehr viel mehr junge Frauen beteiligt. Dies könnte nicht zuletzt auch damit etwas zu tun haben, dass mit Greta Thunberg eine junge Frau als sichtbarste Vertreterin in der Öffentlichkeit steht. Dass junge Menschen zunehmend aktiver sind, mitgestalten wollen und Forderungen an die Politik stellen, zeigt auch die 18. Shell Jugendstudie, die dieses Jahr herausgegeben wurde. Mehr als 2500 junge, in Deutschland lebende Menschen zwischen 12 und 25 Jahren wurden für die Studie befragt. Mit eindeutigem Ergebnis: „Eine Jugend meldet sich zu Wort“ lautet der Untertitel der Studie. „Die gegenwärtige junge Generation formuliert wieder nachdrücklicher eigene Ansprüche hinsichtlich der Gestaltung der Zukunft unserer Gesellschaft und fordert, dass bereits heute die dafür erforderlichen Weichenstellungen vorgenommen werden“, heißt es dort. Neu sei vor allem die starke Orientierung an der Zukunftsgestaltung, erklären die Studienverfasser. Aber wie unterscheiden sich die aktuellen Proteste zum Beispiel von jenen der 68erBewegung? „Der Vergleich mit den 68ern ist natürlich möglich, doch sehen wir dabei Unterschiede nicht zuletzt in der thematischen Orientierung der Proteste. Umweltschutz spielte etwa keinerlei Rolle“, erklärt der Protestforscher Martin Dolezal vom Institut für Höhere Studien. Und große Bewegungen wie „Fridays for Future“ würden sich auch durch den gewaltfreien Protest auszeichnen.

„Tatsächlich gibt es heute – soweit wir das tatsächlich systematisch erfassen können – weniger Gewalt“, sagt Dolezal. Die Gewaltfreiheit von Protesten führe in der Regel auch zu einer größeren Legitimation. Dolezal gibt aber auch zu bedenken, dass staatliche Akteure, allen voran die Polizei, gelernt haben, mit Protest umzugehen, weshalb es – im Normalfall – zu weniger Repression komme als in früheren Zeiten. Neben liberalen und pro-demokratischen Protestbewegungen prägen vermehrt auch rechtskonservative oder fremdenfeindliche Bewegungen die politische Kultur. Die wohl bekannteste unter ihnen ist „Pegida“ (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes). 2014 in Dresden gegründet, hat sich Pegida jedoch nicht über die deutschen Grenzen hinaus entwickelt. Doch die Bewegung blieb nicht ungehört und hat eine Partei als ihr Sprachrohr etabliert, die nun in den Landesparlamenten sitzt – die AfD. „Generell gibt es bei Personen mit linken Einstellungen eine größere Bereitschaft, sich an Demonstrationen zu beteiligen. Bei Personen mit rechten Einstellungen ist dies vom Kontext abhängig“, erklärt Dolezal. Wenn sie die eigenen Interessen und Werte durch institutionalisierte Formen der Politik – also Parteien – vertreten sehen, komme es eher zu einer De-Mobilisierung, so der Protestforscher.

Antihierarchisch und vernetzt

Eine Bewegung, die politisch nur schwer einzuordnen ist, formierte sich vergangenes Jahr in Frankreich: die „Gelbwesten“. Seit vergangenem November protestieren sie gegen die Reformpolitik von Präsident Emmanuel Macron und gegen soziale Ungerechtigkeit. Erst vor wenigen Wochen gingen wieder Tausende Franzosen gegen die geplante Pensionsreform und soziale Ausgrenzung auf die Straße. Auch hier sind neue Formen des Protests erkennbar: Die Bewegung ist zersplittert und nicht zentral organisiert, die Themenpalette der Gelbwesten ist mittlerweile sehr breit, erklärt Dolezal. Soziale Bewegungen seien grundsätzlich weniger hierarchisch organisiert als Parteien und sie weisen einen Netzwerkcharakter auf. Politischer Widerstand erlebt also nicht trotz, sondern wegen sozialer Medien eine grundlegende Erneuerung. Und vielleicht liegt diese im eigentlichen Wesen des Protests, wie schon der ehemalige französische Widerstandskämpfer und UN-Diplomat Stéphane Hessel 2010 in seinem Buch „Empört euch!“ geschrieben hatte: „Neues schaffen heißt, Widerstand leisten. Widerstand leisten heißt, Neues schaffen.“