#

Mehr als Lifestyle

FOKUS
frauenrad - © Foto: iStock/rparobe (Bildbearbeitung: Rainer Messerklinger)

Radelnd in die Unabhängigkeit

19451960198020002020

Radfahren ist eine Kulturtechnik, die jede(r) kann. Stimmt nicht. Für Frauen, die diese Art der Fortbewegung auch als Erwachsene erlernen wollen, hat der ÖAMTC ein Kursangebot parat.

19451960198020002020

Radfahren ist eine Kulturtechnik, die jede(r) kann. Stimmt nicht. Für Frauen, die diese Art der Fortbewegung auch als Erwachsene erlernen wollen, hat der ÖAMTC ein Kursangebot parat.

Es gibt sie nach wie vor: jene Länder und Regionen der Welt, in denen Radfahren keine Selbstverständlichkeit ist, erst recht nicht für Frauen. Verbote, schlechte Infrastruktur, fehlende finanzielle Möglichkeiten oder schlechte Erfahrungen beim Erlernen führen dazu, dass vielen Frauen das Radfahren ein Leben lang verwehrt bleibt.

Vor allem im globalen Westen war das Fahrrad zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Schlüssel für Frauen in die Unabhängigkeit. Die ersten Radfahrerinnen brachen vor mehr als hundert Jahren Tabus – und aus ihren vorgeschriebenen Rollen aus. Das Radfahren ermöglichte ihnen einen rascheren Zugang zu Information und Bildung. „Ich glaube, das Fahrrad hat mehr für die Emanzipation der Frauen getan als irgendetwas anderes auf der Welt“, wird die US-amerikanischen Frauenrechtlerin Susan B. Anthony vielfach zitiert.

Was dieser historische Befreiungsschlag einst bedeutete, wird im Kleinen seit 2014 auch in Wien-Erdberg nachvollziehbar. Der ÖAMTC, der sich als „Mobilitätsclub“ versteht, bietet dort in Kooperation mit der Mobilitätsagentur (vgl. Interview mit dem Wiener Radverkehrsbeauftragten Martin Blum) Fahrradkurse für Frauen ab 16 Jahren an – unabhängig von ihrem Herkunftsland und ihrem Alter. In den Kursen wird den Radfahranfängerinnen der sichere Umgang mit dem Fahrrad beigebracht.

Mit Stützrädern und Starthilfe, wie man das vielfach vom Erlernen des Radfahrens bei Kindern kennt, haben die Kurse wenig zu tun, sagt Ellen Dehnert, Leiterin des ÖAMTC-Mobilitätsprogrammes. Für die Kurse wird auf das Konzept „Moveo ergo sum“ („Ich bewege mich, also bin ich“) des deutschen Sportwissenschafters und Philosophen Christian Burmeister gesetzt. Dabei gehe es nicht um das ständige Wiederholen gewisser Elemente, sondern darum, neugierig zu erforschen und freudig zu erleben. Umgelegt auf das Radfahren, stehen zunächst Fahrten auf dem Dreirad, dann Gleichgewichtsübungen auf Rollern und im dritten Schritt der Umstieg auf das Fahrrad auf dem Programm. „Am Ende unserer Kurse können hundert Prozent unserer Teilnehmerinnen selbstständig Radausfahrten unternehmen“, erklärt Ellen Dehnert.

Für ein selbstbewusstes Lebensgefühl

Eine dieser Teilnehmerinnen ist Alma Zukovic. „Ich hätte als Kind die Gelegenheit gehabt, Rad fahren zu lernen, aber ich war zu ungeduldig“, erzählt die in Sarajevo aufgewachsene 56-Jährige. Während der Bruder das Radfahren erlernt, fällt es Alma schwer, sie entscheidet sich für die leichtere Alternative. „Ich bin mit meinen Freundinnen Rollschuh gefahren. Das ging einfacher“, blickt sie zurück. Mit 25 Jahren kommt sie nach Österreich und erkennt, was ihr durch die fehlende Radfahrkenntnis abgeht. „Früher dachte ich, dass ich die Einzige bin, die das nicht kann“, sagt sie. Ihr Sohn und ihre Schwiegertochter stoßen schließlich im Internet auf die Radfahrkurse. An zweimal vier Kurstagen und drei weiteren für die Perfektion erlernt Alma mit 56 Jahren im Juli des heurigen Jahres gemeinsam mit zwölf weiteren Frauen aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern das Radfahren.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau