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"Rasch Freiheit für Unschuldige!"

1945 1960 1980 2000 2020

5.000 Verschwundene, 25.000 Tote und Tausende wegen falscher Verdächtigung Versteckte: Peru leidet an den Folgen von Terror und Terrorbekämpfung.

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5.000 Verschwundene, 25.000 Tote und Tausende wegen falscher Verdächtigung Versteckte: Peru leidet an den Folgen von Terror und Terrorbekämpfung.

dieFurche: Wieviele Unschuldige sitzen nach den Jahren des Terrors und der rigiden Terrorbekämpfung in Perus Gefängnissen ein?

Pilar Coll: Wir glauben, daß es viele sind. Knapp 70 Prozent der 26.000 Häftlinge (bei 24 Millionen Einwohnern, Anm., R. S.) haben noch nicht einmal ein Verfahren bekommen. Seit dem "Selbst-Putsch" Alberto Fujimoris 1992 hat man die Gesetzgebung sehr verschärft. Sie ist absolut willkürlich, wenig präzise und führt zu höheren Strafen, als sie dem jeweiligen Delikt entsprechen.

dieFurche: Gibt es Personengruppen, die besonders gefährdet waren, zu Unrecht inhaftiert zu werden?

Coll: Die Gruppierungen der Linken und die am wenigsten geschützten Menschen, etwa Arme oder Bewohner abgelegener Dörfer. Auch Leute aus bestimmten Regionen wie Ayacucho (Kleinstadt, von der Abimael Guzmans gefürchtete Terrororganisation "Leuchtender Pfad" ihren Ausgang nahm, Anm., R. S.) werden mehr verdächtigt.

dieFurche: Teilen Sie die Einschätzung, daß der immer wieder aufflackernde Terrorismus in der himmelschreienden Armut wurzelt?

Coll: Die Armut erklärt nicht das Phänomen "Leuchtender Pfad", aber ohne Armut wäre es nicht da. Wenn wir auf das Ende der Armut warten müssen, haben wir Terrorismus für Jahre. Die Wurzeln liegen vielmehr im Rassismus, im Ausschluß ganzer Bevölkerungskreise und großer Teile des Landes von der Entwicklung.

dieFurche: Was halten Sie von der Ad-hoc-Kommission (bestehend aus Justizminister, Ombudsmann und dem belgischen Priester Hubert Lanssiers), die dem Präsidenten vorschlägt bestimmte Unschuldige freizusprechen und dies auch zumeist erreicht?

Coll: Ich bin mit diesen Leuten befreundet ...

dieFurche: ...auch mit dem Minister?

Coll(lacht): Nein, glücklicherweise nicht. Ich glaube, diese Initiative war sehr wichtig, aber ich würde mir eine offenere Haltung wünschen, weniger Selbstzensur. Sie haben fürchterliche Angst, daß wer reinrutscht, der etwas mit dem Terror zu tun hatte. Ich ziehe es vor, mich im Zweifelsfall zugunsten der Menschen zu irren. Außerdem sollte das rascher gehen. Fujimori hat Akten zur Unterschrift bei sich, und die Angst der Leute ist ihm egal. Wenn nicht, läßt er sich's nicht anmerken.

dieFurche: Könnten Sie aus der Erfahrung Ihrer Besuche die Haftbedingungen der ständig steigenden Zahl von Häftlingen beschreiben?

Coll: Die Gefängnisse sind schrecklich überbevölkert. Das größte des Landes, in Lurigancho, ist für 1800 Gefangene ausgelegt. Derzeit leben dort 6300.

dieFurche: Wie läuft der Alltag dort ab?

Coll: Vor allem gibt es keine Werkstätten! Arbeit muß sich jeder irgendwie selbst suchen und hat dann größte Schwierigkeiten, seine Produkte zu verkaufen. Dementsprechend schlecht motiviert sind die Leute. Die meisten spielen den ganzen Tag Casino. Und leider sind auch viele Drogen im Spiel.

dieFurche: Und das Essen?

Coll: Ein warmes Gericht pro Tag, kaum einmal tierisches Eiweiß, drei Stück Brot pro Tag. Bis vor kurzem konnten sie von ihrer Familie nur einmal monatlich Essenspakete empfangen. Das ist jetzt auf einmal wöchentlich verbessert worden. Aber noch immer ist alles darauf angelegt, die Familien zu verärgern. Zum Beispiel dürfen sie die Pakete nicht am Besuchstag mitbringen, sondern müssen ein zweites Mal kommen - und das bei Familien, die sehr wenig Geld für die Fahrt haben ...

dieFurche: Was ist das Schlimmste für die Häftlinge, außer daß sie womöglich unschuldig einsitzen?

Coll: Bei den Terror-Verdächtigen: daß sie keinen Zugang zu Massenmedien haben. Wenn sie dann rauskommen, sind sie total desorientiert. Leute, die fünf Jahre im Gefängnis waren, haben keine Ahnung, was inzwischen geschehen ist. Die Absicht dahinter war, daß die Inhaftierten nicht die Erfolge der Terroristen mitbekommen. Nur ist das heute, da sie fast nur mehr Niederlagen haben, absurd, besonders für jene Sträflinge, die nie etwas mit dem Terror zu tun gehabt oder sich losgesagt haben.

dieFurche: Wie hat sich der Konflikt auf die Gesellschaft ausgewirkt, gibt es eine Abkehr vom Klima der Straflosigkeit?

Coll: Die geht leider weiter. Die großen Menschenrechtsverletzer in Peru sind ja amnestiert worden - die Militärs.

dieFurche: Gibt's kein Zeichen der Hoffnung bei den Behörden punkto Menschenrechte?

Coll: Einiges hat sich substantiell verbessert - das erkenne ich mit großer Freude an. Trotzdem tauchen neue Verletzungen auf. In den achtziger Jahren und Anfang der Neunziger verschwanden irrsinnig viele Menschen, und es gab außergerichtliche Hinrichtungen. Auch der "Leuchtende Pfad" und "Tupac Amaru" (die Terrorgruppe MRTA, die die japanische Botschaft besetzt hielt, Anm. R. S.) begingen schwerste Menschenrechtsdelikte. Nicht so viele wie die Ordnungskräfte, aber auch viele Grausamkeiten. Mit der Verhaftung Abimael Guzmans hören diese Verletzungen durch die Behörden zwar auf, aber die Folter bleibt. Mit den strengen Antiterrorgesetzen beginnen andere Verstöße: Inhaftierung Unschuldiger, unverhältnismäßig hohe Gefängnisstrafen und total inhumane Haftbedingungen.

dieFurche: Und die anonymen Morddrohungen, mit denen etwa Aktivisten gegen Zwangssterilisation zum Aufgeben gebracht werden sollen?

Coll: Bei diesen Aktionen ist die Straflosigkeit total. Haben Sie nicht gelesen, daß dieser Tage auch der Direktor der Zeitung "La Republica" und das Personal von Menschenrechtsorganisationen bedroht werden? Das ist ein neues Phänomen: Als ich an der Spitze der Dachorganisation der Menschenrechts-NGOs (nichtstaatliche Organisationen, Anm., R. S.) stand - während der schlimmsten Jahre der Gewalt -, habe ich keine einzige Drohung erhalten.

dieFurche: Warum betrachten Sie Ihre jetzige Arbeit, Besuche bei Häftlingen, als Pastoral?

Coll: Ein Oberst, der ein Gefängnis leitet, kannte mein Vorleben in der Menschenrechts-Plattform und sagte einmal: Pilar, Sie kommen doch, um von Gott zu sprechen, oder? Ich mußte ihm sagen, daß es viele Arten gibt, von Gott zu sprechen. Auch wenn ich die Rechte einer Person erkläre, spreche ich von Gott. Er hat ein bißchen Zeit gebraucht, um das zu begreifen - es sind ja immer Militärs in den Gefängnissen -, aber schließlich hat er mich verstanden. Es ist nicht nötig, mit der Bibel in der Hand zu kommen, damit es eine christliche Präsenz gibt. Auch eine bestimmte Form des Handelns kann Verkündigung sein.

dieFurche: Und die Terroristinnen wissen um Ihre Motivation?

Coll: Die kennen selbstverständlich meine Identität. Und sie akzeptieren das vollkommen. Mehr noch: Eines der Probleme im Gefängnis ist die manchmal heftige Religiosität! Ich weiß da oft nicht, wie ich damit umgehen soll. Die Frauen wollten Rosenkränze, um sie sich um den Hals zu hängen. Zum Beten okay, aber zum Umhängen, wo sich dann die Senderistas (Terroristinnen des "Leuchtenden Pfads", Anm., R. S.) darüber lustig machen? Ich habe das mit einer Psychologin hier am Institut besprochen. Und sie hat gesagt: Hättest du sie doch gelassen! Du hast einen Fehler gemacht. Sie brauchen etwas, das sie schützt. Und beim Rosenkranz haben sie dieses Gefühl.

dieFurche: Gibt's das auch bei Senderistas?

Coll: Nein. Die deklarieren sich als Atheistinnen. Aber bei denen vom MRTA schon.

Das Gespräch führte Roland Schönbauer in Lima.

Zur Person: Sie hat ein Herz für Häftlinge Die Spanierin Pilar Coll Torrente lebt seit 30 Jahren in Peru. Sie war zunächst Religionslehrerin und dann Direktorin einer Schule für Sozialarbeit. Von 1988 bis 1992, in der Zeit der ärgsten Gewalt von seiten der Terrororganisation "Leuchtender Pfad" und der Ordnungskräfte stand die heute knapp 70jährige Juristin an der Spitze der "Coordinadora Nacional de Derechos Humanos", der nichtstaatlichen Menschenrechts-Dachorganisation.

Seither wirkt sie, ein Mitglied eines Laieninstituts ("Instituto de Misioneras Seculares"), in der Bildungsarbeit am Institut Bartolome de las Casas. Sie besucht Frauengefängnisse und engagiert sich in einem Solidaritätskomitee, das befreite Unschuldige mit Startkrediten bei deren Integration in die Gesellschaft unterstützt.

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