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Recht auf analoges Leben: Einfach mal abschalten!

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Digitale Endgeräte nerven. Dauernd piepst und klingelt es. Brauchen wir ein Recht auf ein analoges Leben?

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Digitale Endgeräte nerven. Dauernd piepst und klingelt es. Brauchen wir ein Recht auf ein analoges Leben?

Im vergangenen Dezember kam es in einem Rechenzentrum von Amazons Cloudsparte AWS in den USA zu einem Serverausfall, von dem Millionen Menschen auf der ganzen Welt betroffen waren: Der Saugroboter Roomba verweigerte den Dienst, Tinder-Nutzer konnten nicht mehr flirten und auch die sonst so gesprächige virtuelle Assistentin Alexa schwieg plötzlich. 13 Stunden dauerte die Störung.

Eigentlich könnte man sich über so eine analoge Pause ja freuen. Doch was machen die Nutzer? Hyperventilieren. Und werden panisch. Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter, der von der Störung nicht betroffen war, machte ein Kunde seinem Ärger Luft: „Es ist ja toll, dass meine Ring-Kameras mir Alarm-Meldungen schicken, dass jemand vor der Haustüre steht, aber wegen des Ausfalls kann ich nicht sehen, wer es ist.“ Den Rat, selbst nachzuschauen, gab die Social-Media-Redaktion von Ring dem Nutzer nicht. Eine andere Kundin klagte, dass sie wegen des Ausfalls fast von ihren Katzen aufgefressen worden wäre, weil der automatische Futterspender streikte. Auch der läuft in der Cloud. Immerhin gaben sich Nutzer noch den praktischen Hinweis, dass der Automat auch „manuell“ funktioniere. Die gute Nachricht: Die Katzen mussten nicht verhungern.

Technikstreik mit Folgen

Über die Unbeholfenheit der Leute könnte man herzlich lachen. Doch die Sache hat einen ernsten Hintergrund. Der Vorfall macht nämlich deutlich, wie abhängig die Gesellschaft von digitalen Diensten ist. Kaum fällt irgendwo ein Server aus, funktioniert der halbe Alltag nicht mehr. Da lässt sich das Auto nicht mehr entsperren, weil der digitale Schlüssel streikt (so geschehen bei Tesla), funktioniert die Kartenzahlung im Supermarkt nicht mehr, weil das Lesegerät keine Verbindung zum Server herstellen kann.

Die Abhängigkeit von digitalen Technologien kam nicht über Nacht – die Menschheit hat sich selbst hineinmanövriert. Weil es schlicht bequem ist, den Staubsaugroboter durch die Wohnung düsen oder Alexa die Beleuchtung steuern zu lassen. Die digitalen Diener stehen Gewehr bei Fuß, sind rund um die Uhr verfügbar und wollen keine Gehaltserhöhung.

Gleichwohl: Die Technik streikt häufiger als das Dienstleistungspersonal, das in bürgerlichen Wohnstuben arbeitet. Vielleicht proben die Roboter insgeheim den Aufstand, so genau weiß das ja niemand, aber die vermeintlichen Dienstherren, die eigentlich ihre Sklaven sind, bringt das an den Rand der Verzweiflung. Doch anstatt zu fragen, was mit einem Wegfall digitaler Verbindungen gewonnen wäre, plagen die Nutzer Verlustängste.

Die Cloud ist ja eine externe Festplatte unseres Gehirns, eine Identitätsprothese: All unsere Gedanken, Fotos, Kontakte, Chatprotokolle lagern dort, und wenn der Zugang verweigert wird, fühlt sich das an wie der Phantomschmerz eines siamesischen Datenzwillings.

Die Aufmerksamkeitsökonomie hat derart von unserer Psyche Besitz ergriffen, dass wir fast schon organisch verwachsen sind mit digitalen Gadgets. US-Forscher haben herausgefunden, dass Nutzer im Durchschnitt 2600 Mal am Tag ihr Smartphone berühren. So viel Zärtlichkeit dürfte wohl kein Partner erfahren. Ein Smartphone erfordert noch viel mehr Aufmerksamkeit als ein Kleinkind oder Tamagotchi, ständig muss man es mit Daten füttern. Und weil uns die Tech-Industrie so gut konditioniert hat, picken Smartphone-Nutzer, wann immer eine Nachricht aufploppt, manisch gegen die Scheibe, auf der Suche nach Info-Körnchen.

Digitaler Maximalismus

Fast scheint es, als bräuchte man die Ankündigungs-Kakofonie digitaler Dienste. Einerseits ist man kolossal von Nachrichten genervt. Andererseits wird man unruhig, wenn länger Funkstille herrscht. Der US-Autor Cal Newport schreibt in seinem Buch „Digitaler Minimalismus“: „Immer weniger Menschen gelingt es, die hochwertige Muße zu kultivieren, die Aristoteles als unerlässlich für das Glück des Menschen erkennt. Das erzeugt eine Leere, die kaum zu ertragen ist, aber mithilfe digitalen Geklingels ignoriert werden kann.“

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