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Rechtschreib-Theater

Seit Jahrhunderten strotzt die deutsche Rechtschreibung von Widersprüchen. Die Reform war ein Fehlschlag. Doch der Rückweg ist verbaut.

Es gibt Sprachen mit einer historischen Rechtschreibung: Im Englischen differieren Aussprache und Schrift seit Jahrhunderten. Ungarisch hingegen hat - Eigennamen und Fremdwörter ausgenommen - eine weitgehend phonetische Schreibweise: einem Laut entspricht immer ein bestimmter Buchstabe oder eine Buchstabenkombination. Das Deutsche hat seit Jahrhunderten einen chaotischen Zwischenzustand: Man möchte schreiben, wie man spricht, doch kann derselbe Laut als f oder v geschrieben werden, andrerseits wird i gelegentlich als ie geschrieben - dort nämlich, wo im Mittelhochdeutschen (wie heute noch in den Dialekten) ein Zwielaut ie auch tatsächlich gesprochen wurde.

Seit 1903 ist das Chaos, das Grammatiker seit dem 18. Jahrhundert in schweißtreibenden Bemühungen hervorgebracht haben, amtlich und offiziell: Damals trat die erste einheitliche Regelung der deutschen Rechtschreibung für Behörden im Deutschen Reich, in der Schweiz und in Österreich in Kraft. Generationen wurden danach gedrillt - Rechtschreibung gilt bis heute als Visitenkarte für Bildung und Intelligenz. In den 1970er Jahren wurden radikale Reformen gefordert, vor allem die international übliche Kleinschreibung. Manche hegten damals die Illusion, wenn die Rechtschreib-Hürden beseitigt wären, wäre ein wesentlicher Sprung zu gleichen Bildungschancen geschafft. Und die Konservativen schrien auf - sie waren schließlich gegen sozialistische Gleichmacherei, und das musste schon bei den Wörtern beginnen: Hauptwort muss Hauptwort bleiben!

Die Reformer kamen auf ihrem Marsch durch die Institutionen auch in die Fachkommission zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung. Doch das war schon in den 1990er Jahren, sie waren müde und die Konservativen konnten kräftig Wasser in die langsamen kommissionellen Reformmühlen gießen. Übrig blieb eine Reform nach dem Grundsatz: Der Wahnsinn muss ein anderer werden! 1996 einigten sich Deutschland, Österreich, die Schweiz und Liechtenstein sowie die Länder mit deutschen Minderheiten in der "Wiener Erklärung" auf eine Neuregelung. Dass sie nie populär wurde und von Anfang an Widerstand hervorrief, liegt auch daran, dass die Kommission sich herzlich wenig um die Einbeziehung von Schriftstellern und Journalisten oder gar um die öffentliche Meinung kümmerte. Nach einer Übergangsfrist sollte die neue Rechtschreibung ab August 2005 verbindlich sein.

Vergangene Woche kündigten der Spiegel und die Axel-Springer AG an, zur alten Rechtschreibung zurückzukehren; die Süddeutsche wird folgen. (Die FAZ hat diesen Schritt schon vor Jahren vollzogen.) Seither rauscht eine Diskussion von erbittertem Bierernst durch den deutschen Polit- und Medienwald - die Debatten über den Irakkrieg waren nichts dagegen. Bundeskanzler Schröder höchstpersönlich hat sich die Reform verteidigt, doch die Regelung ist Ländersache und etliche CDU-Ministerpräsidenten wollen zur alten Rechtschreibung zurück.

Und in Österreich? Da haben wir seit 2000 eine schneidige Reform-Regierung. Die ist natürlich auch von der Rechtschreibreform nicht abzubringen. Und die Opposition nimmt den ihr von der Regierung zugedachten Platz der Reformverweigerer willig ein. Josef Cap, seit Jahren einer der brillantesten Analytiker der SPÖ, ließ verlauten, er habe die Notwendigkeit, Bewährtes, Eingespieltes aufzugeben, nie erkannt. Ganz originell der Grüne Karl Öllinger: Er fordert gar einen österreichischen Sonderweg. Nur die FPÖ kippt wieder einmal halb aus der Regierung. Staatssekretär Karl Schweitzer will zur alten Rechtschreibung zurück. Ist sicher wichtig für den Sport.

Wie soll es weitergehen? Die Rechtschreibreform ist in wesentlichen Punkten verfehlt. Ihre Kritiker müssen es wissen, sie haben sie ja selbst verwässert. Dagegen auftreten hätte man früher müssen. Jetzt wäre ein Zurück ein Schlag ins Gesicht vor allem der Schüler und Lehrer. Und es würde ein zweites Mal sinnlos viel Geld verschlingen. Es bleibt die Hoffnung auf kontinuierliche Weiterentwicklungen (was gelegentlich auch eine Rücknahme bedeuten kann), wie sie jede Neuauflage des Duden dokumentiert. Das Kräftemessen auf der Sommertheaterbühne verlängert aber nur das Chaos, das es vorgeblich bekämpfen will.

cornelius.hell@furche.at

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