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Reisebüro der Menschlichkeit

"Global Family“ ermöglicht unterprivilegierten Kindern und Familien einen Urlaub. Gerade sie sollen ein paar unbeschwerte Tage erleben dürfen. Ein Lokalaugenschein.

Im Gartenhotel Altmannsdorf im zwölften Wiener Bezirk ist schon das Frühstücksbuffet aufgebaut. Otmar Lercher und seine Lebensgefährtin Waltraud Reiter sitzen entspannt bei einem Kaffee. Das Wochenende in Wien ist ihr erster Urlaub zu zweit. Seit Lerchers Frau vor zwei Jahren an einem Gehirntumor starb, ist er rund um die Uhr für die drei Kinder im Alter von fünf, acht und zwölf Jahren zuständig. Seine mittlere Tochter Shirley benötigt permanente Betreuung, denn sie leidet an einer seltenen Gesichtsbehinderung. "Wir können eigentlich nie zur Ruhe kommen. Diese Auszeit zu zweit ist ganz ungewohnt“, erzählt der 54-Jährige.

Der Alltag des Frühpensionisten mit dem Schnauzer ist nicht einfach: Shirley wird mittels Magensonde ernährt, ihr Speichel muss ständig abgesaugt werden. Das Mädchen ist sehr krankheitsanfällig und benötigt teure Astronautennahrung. Eine Reise wäre wegen dieser hohen Zusatzausgaben niemals leistbar für die Familie. Dank der Initiative "Global Family“ konnten Lercher und seine drei Kinder in den letzten zwei Jahren schon in Saalbach, St. Johann, Admont und in Lech am Arlberg urlauben.

Urlaubsreif wegen Dauerbelastung

Der Salzburger PR-Berater Karl Auer hat 2007 "Global Family“ gegründet. Die Idee dahinter: Engagierte Privatpersonen, Hoteliers, Prominente und Touristiker setzen sich dafür ein, unterprivilegierten Menschen ein paar schöne Urlaubstage zu ermöglichen: Alleinerziehenden in prekären Lagen, Kindern, die Opfer von Krieg, Katastrophen, Gewalt und Missbrauch wurden oder mit einer Behinderung leben.

Selbst als Arbeiterkind in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, hat sich Auer aus eigener Kraft hochgearbeitet. "Als mein Sohn mit einem halben Jahr an der Kippe zum Tod auf der Intensivstation lag, habe ich realisiert, dass ich zu materiell unterwegs bin und anderen helfen will“, erklärt er. Nun möchte er mit seinem ehrenamtlichen Engagement der Gesellschaft etwas zurückgeben.

Als ehemaliger PR-Profi im Tourismus kann Auer auf viele nützliche Kontakte zurückgreifen. "Ich habe meine Hoteliers gefragt, ob sie bereit sind, bei freien Kapazitäten Urlaube an Familien zu verschenken, für die Urlaub ein Fremdwort ist.“ Die Hotels profitieren wiederum von ihrem sozialen Image. Über 200 Betriebe hat er schon mit ins Boot geholt. Privatpersonen, die spenden oder Mitglied bei "Global Familiy“ werden, erhalten einen 2-for-1-Gutschein für eines der "Charity Ressorts“.

Neben "Global Family“ bieten Organisationen wie SOS Kinderdorf geförderte Ferienaufenthalte für ökonomisch schwache Familien an. Der Verein "Wiener Jugenderholung“ organisiert gemeinsam mit dem Wiener Magistrat für Jugend und Familie geförderte Urlaube für Wiener Familien.

Von "Global Family“ war der Alleinerzieher Lercher so begeistert, dass er beschloss, selbst mitzuhelfen. Nach dem Tod seiner Frau war er gerade erst in Frühpension gegangen, um sich ganz der pflegebedürftigen Shirley zu widmen. "Ich habe angeboten, die Familien für Global Family in die Charity Ressorts zu chauffieren.“ Seither ist er fast jedes Wochenende quer durch Österreich unterwegs. Lercher fand nicht nur Sinn in seiner neuen Aufgabe, sondern auch eine neue Partnerin: Während der Fahrt mit der Salzburgerin Waltraud Reiter und ihren beiden Kindern hat es gefunkt. Die Alleinerzieherin litt damals an einem Burnout und konnte den Urlaub dringend gebrauchen. Neben ihrem Vollzeitjob als Floristin jobbte sie abends und am Wochenende als Kellnerin. Nun haben die beiden eine Patchwork-Familie mit fünf Kindern.

Schon beim ersten Mal in einem Charity Ressort haben sich die Lerchers wohl gefühlt. "Das Klima zwischen den Familien ist so herzlich, alle halten zusammen“, erzählt Lercher. Damit die Eltern einmal entlastet sind, werden für die Kinder Aktivitäten wie Märchenerzählungen, Wanderungen oder Grillen angeboten. Fachleute aus Gesundheits- und Sozialberufen betreuen die Familien im Urlaub ehrenamtlich. Inzwischen ist "Global Family“ für das Paar zu einer erweiterten Familie geworden. "Nie hat uns jemand arrogant oder affektiert behandelt“, betont Reiter. "Sowohl die Hotelleute als auch die prominenten Unterstützer waren immer total lässig und nett.“

Austausch mit anderen Familien

Auch die Burgenländerin Angelika Kager konnte ihren vier Kindern dank "Global Family“ letztes Jahr erstmals einen Urlaub bieten. "Während der Scheidungszeit war ich öfter bei der Frauenberatung, dort hat man mich auf ‚Global Family‘ aufmerksam gemacht“, erzählt die blonde Frau mit dem pinken Shirt bei einem Kaffee. Ihr Ex-Mann hat der Familie gedroht und randaliert, die Kinder sind noch immer in psychologischer Betreuung. Seit über zwei Jahren ist die gelernte IT-Fachfrau auf Arbeitssuche. Die fünfköpfige Familie lebt von der Mindestsicherung und muss mit 1400 Euro auskommen. Sie wohnt in einem sanierungsbedürftigen Holzhaus auf 75 Quadratmeter, die vier Kinder im Alter zwischen acht und 15 Jahren müssen sich ein Schlafzimmer teilen.

Das Vier-Sterne-Hotel in Bad Kleinkirchheim war ein ungewohntes Ambiente für die Familie. Wirklich genießen konnte die Alleinerzieherin die ersten Urlaubstage nicht. "Ich habe mich nicht so wohl gefühlt in dem feinen Haus. Bevor ich das Zimmer verlassen habe, habe ich aufgeräumt. Ich bin es eben nicht gewohnt, dass mir alles gemacht wird.“ Ihre Kinder aber haben die Ferienwoche in bester Erinnerung. "Wir sind mit der Seilbahn gefahren, waren im Millstättersee baden und haben im Hotelpool gespielt. Es war cool“, erzählt der zwölfjährige Jeremy. Im selben Hotel lernte Kager zwei weitere alleinerziehende Mütter kennen, die mit "Global Family“ angereist waren. Zwischen ihnen hat sich ein freundschaftlicher Kontakt entwickelt.

Besonders wichtig ist "Global Family“-Initiator Auer die soziale Integration der Familien: Im Zuge einer sogenannten Ferienpatenschaft verbringen eine sozial engagierte Patenfamilie und eine ökonomisch benachteiligte Familie gemeinsam einen Urlaub und können so voneinander lernen. "Die Kinder der Patenfamilie lernen, dass ihr Lebensstandard nicht selbstverständlich ist und dass Menschen nicht oberflächlich nach ihrem Besitz zu beurteilen sind“, erklärt Auer. "Und die Kinder der ärmeren Familie erfahren Integration und Akzeptanz.“

Sich einmal einen Ausflug leisten

Außerdem bemüht sich Auer um Prominente, die die Familien im Urlaub begleiten. "Indem sich eigentlich unerreichbare Persönlichkeiten um die Familien kümmern, wollen wir ihr Selbstbewusstsein stärken.“ Auer konnte bereits Toni Polster, Barbara Wussow, Reinhard Nowak, oder Dieter Chmelar für seine Idee gewinnen. "Wenn die Kinder sagen können, ‚Toni Polster ist ein Freund von mir und hat mir einen Fußball geschenkt‘, leben sie total auf und bekommen auch mehr Anerkennung von ihren Mitschülern“, weiß Auer.

Kürzlich war Kagers Sohn Leonard auf Schulsportwoche am Klopeiner See, Kostenpunkt 400 Euro. Die Summe hat sie seit dem Winter angespart. "Solche Schulfahrten versuche ich den Kindern schon zu ermöglichen, aber das muss ich rechtzeitig planen“, sagt die Mutter. Für diese Sommerferien plant sie mit ihren vier Kindern einen Tagesausflug in den Familypark Neusiedlersee. "Ich werde schauen, dass ich ihnen das ermöglichen kann. Aber ein Ausflug mit vier Kindern kostet immer gleich sehr viel. Ich nehme zwar die Jause von daheim mit, aber dann sehen die Kinder wieder etwas, das sie haben wollen.“ Sollte Kager einmal mehr Geld zur Verfügung haben, weiß sie, wo die Reise hingehen soll: "Irgendwann mache ich mit meinem neuen Lebensgefährten einen Wochenendtrip nach Berlin - nur wir zwei.“

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