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Reisen gegen Fremdenhass: "Eine Menschenpflicht!"

1945 1960 1980 2000 2020

Würde die Bevölkerung mehr reisen, gäbe es weniger Fremdenhass, sagt Philosoph Christian Schüle. Ein Gespräch über moralische Blickwinkel, unlösbare Widersprüche und die Einsicht durch Weltsicht.

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Würde die Bevölkerung mehr reisen, gäbe es weniger Fremdenhass, sagt Philosoph Christian Schüle. Ein Gespräch über moralische Blickwinkel, unlösbare Widersprüche und die Einsicht durch Weltsicht.

Als der Hamburger Philosoph Christian Schüle in Äthiopien mitbekam, dass der Tod eines Mädchens mit einer Kuh vergolten wurde, reagierte er empört. Doch dann verstand er – ein Stückchen mehr von der Welt. Sein Buch „Vom Glück, unterwegs zu sein“ ist ein Plädoyer dafür, hinauszugehen und sich in die Fremde zu wagen. Auch oder gerade in Zeiten von Klimawandel, Krieg und Coronakrise.

DIE FURCHE: „Komme ich von einer Reise zurück, bin ich versöhnt mit mir und der Welt, obwohl es zwischen uns gar keinen Streit gegeben hat“, schreiben Sie im Prolog. Was meinen Sie damit?
Christian Schüle:
Vorweg: Ich spreche hier grundsätzlich von mir, allerdings mit der Annahme, dass es vielen Mitmenschen ähnlich geht. Nach einer Reiserückkehr hatte ich oft das Gefühl, verstanden zu haben, was das Leben eigentlich von mir will. Auf einer Reise wird der Mensch in mehrerlei Hinsicht geschult: Im Umgang mit Zeit, im Umgang mit dem Unbekannten, mit dem Scheitern.

DIE FURCHE: Vor der Versöhnung gibt es in der Regel eine gewisse Unstimmigkeit. Wie würden sie diese in ihrem Fall beschreiben?
Schüle:
Auf Reisen kann Haltung revidiert werden. Man macht die Erfahrung, dass Wissen vorläufig, es nicht unwiderruflich ist. Stereotype verfallen, wenn man sie der Wirklichkeit aussetzt.

DIE FURCHE: Würden Sie das an einem konkreten Beispiel erklären?
Schüle:
Ich war im Omo-Delta in Äthiopien bei einem Stamm, begegnete zufällig einem Ältestenrat. Sechs oder sieben sehr alte Männer saßen in einem Kreis, verhandelten ein Problem. Der Übersetzer erklärte mir, es ginge um eine ihrer Töchter, die durch die Schuld eines anderen Stammes zu Tode gekommen war. Beredet wurde, wie man dies sühnen könne. Am Ende entschied man, der Tod des Mädchens müsse durch die Herausgabe einer Kuh seitens der Schuldigen abgegolten werden. Ich war außer mir. Hier wurde ein Frauenleben aufgerechnet gegen ein Rind – bis ich verstanden hatte, welchen Wert ein Rind in diesen Regionen hat. Das Überleben von Familien ist dadurch gesichert. Was ist damit sagen will: Man merkt plötzlich, wie relativ die eigenen moralischen Grundsätze eigentlich sind, wenn man sie der Wirklichkeit aussetzt. Ich bin noch immer empört darüber, ein Frauenleben und ein Tier auf eine Stufe zu stellen – aber ich bin viel vorsichtiger dabei, anderen weiszumachen, dass die europäisch-moralische Perspektive die allein selig machende ist.

DIE FURCHE: Sie unterscheiden zwischen urlauben und reisen. Wo liegen die Unterschiede?
Schüle:
Ich werte urlauben nicht ab. Das mache ich auch, um mich zu erholen. Aber: Urlaub ist immer schon angekommen sein. Reisen hingegen heißt, unterwegs sein, im Prozess sein, sich dem Zufall aussetzen, ein Fremder sein. Ich lerne, was Fremdheit eigentlich bedeutet, um, wenn ich zurückkomme, ethisch sensibilisiert zu sein. Man muss die Fremdheit selbst spüren lernen, bevor man sich über die Fremdheit anderer ein Urteil bilden kann.

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