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Relativ objektive Pharma-Wahrheiten

Pharmafirmen liefern keine objektiven Informationen über ihre Produkte, sondern stellen sie in ein helles Licht, um große Packungszahlen zu verkaufen. Ist das ein Verbrechen? Nein - und trotzdem ist es ein Problem.

Barbara Möller, Corporate Affairs Managerin beim Pharmakonzern Amgen, erklärt den Dialog mit der Ärzte-Kundschaft so: "Unsere Philosophie ist es, wissensbasiert zu arbeiten", und meint nur ein paar Minuten später: "Es geht um eine relativ objektive Weitergabe von Studienergebnissen, so wie sie in der wissenschaftlichen Literatur zu finden sind." Doch was heißt relativ objektiv? Die Antwort: "Eigentlich kann keine Firma objektiv sein." Das stimmt wohl. Marketing funktioniert nun mal so, dass man die Vorteile seines Produkts (und nicht jene der Konkurrenz) hervorstreicht und über etwaige Nachteile (und sei es nur ein höherer Preis) schweigend hinwegsieht. Doch während ein vorschnell gekaufter Computer mit einer etwas zu lauten Lüftung kaum für Unmut sorgt, erregt der Gedanke, dass die medizinische Versorgung nicht optimal sein könnte, die Gemüter. Das verwundert nicht, ist doch die Gesundheit ein besonders hohes Gut. Und tatsächlich sollten die exzessiven PR-Aktivitäten der Pharmafirmen nachdenklich stimmen.

Ein Heer von Pharmareferenten

Eine aktuelle Studie hat ergeben, dass Pharmafirmen mittlerweile doppelt so viel Geld für die Werbung ihrer Produkte ausgeben wie für Forschung und Entwicklung (Quelle: PLoS Medicine, Jan 2008). Ein Heer von Pharmavertretern - allein in Deutschland sollen es 20.000 sein - klärt heute die Ärzte über ihre neuen Produkte auf (siehe auch die Kritik von Hans Weiss). Und obwohl viele Ärzte wohl gerne glauben, dass sie sich nicht beeinflussen lassen, rechnen sich diese nicht gerade billigen Fachkräfte offensichtlich. Gerald Gartlehner, Professor für Evidenzbasierte Medizin (kurz: EBM) an der Donau Uni Krems, dazu: "Es gibt Studien von der Industrie, wonach ein Gespräch von drei bis fünf Minuten mit einem Arzt dessen Verschreibungsrate im Schnitt um zehn bis fünfzehn Prozent erhöht."

Medizinjournalismus meets PR

Doch wo sich informieren, wenn nicht bei den Pharmareferenten? Die medizinischen Fachmedien, die Themen allgemein verständlich für Ärzte aufbereiten, operieren oft in einem Graubereich zwischen Journalismus und PR (Anm.: Diese Fachmedien sind nicht das Gleiche wie die wissenschaftlichen Fachmagazine). Eine freie Medizinjournalistin, die namentlich nicht genannt werden möchte, meint: "Faktum ist: Es gibt diese Medien, weil es die Inserate der Pharmaindustrie gibt." Das heißt nicht, dass die Texte gekauft sein müssen, sondern, so die Journalistin: "Es gibt ein Kontinuum. Manche arbeiten seriöser, andere weniger." Beispielhaft erzählt sie, wie eine Geschichte entstehen kann: "Man wird zu einer Tagung geschickt, und zwar zu einem ganz bestimmten Vortrag. Da sitzt der Doktor oder Professor und erzählt zum Beispiel über Viagra. Die Powerpoint-Folien tragen alle das Firmenlogo von Pfizer. Die Nebenwirkungen werden eher bagatellisiert. Es ist eine sehr schwer begreifbare Situation." Ihre Aufgabe wird es später sein, darüber einen Artikel zu schreiben. Kritisch äußert sich denn auch Gartlehner über diese "Fachmedien": "Da werden oft nur Meinungen kundgetan. Das ist nicht evidenzbasiert und oft spielt sicherlich auch die Industrie rein. Vielleicht nicht bei allen, aber bei vielen." Wer also an objektiven Informationen interessiert ist, dem hilft - so scheint es - nur das Studium der Original-Literatur. Doch bei der Fülle an neuen Publikationen kostet das mitunter viel Zeit, die eigentlich niemand hat, und schon gar nicht ein Allgemeinmediziner. Franz Piribauer beklagt: "Selbst für einen Facharzt ist es heute schwierig, durch das Lesen von Fachartikeln à jour zu bleiben." Piribauer ist Initiator von MEZIS Österreich, einem Zusammenschluss von Ärzten, der wieder mehr Unabhängigkeit von der Pharmaindustrie gewinnen will. Keine leichte Sache, wie er aus eigener Erfahrung weiß. Piribauer erzählt: "Bei einem Kurs im Diabetesbereich musste ich Dinge ankreuzen, die ich nicht unterschreiben kann, weil sie aus meiner Sicht nicht evidenzbasiert sind - und nur dann bekam ich den Fortbildungspunkt. Da wird nur mehr die Gehorsamkeit geprüft." Natürlich war dieser Kurs von der Industrie gesponsert.

Mehr Gelder vom Staat

Dass die Allgegenwart der Pharmaindustrie medizinische Fakten verzerrt, ist offensichtlich. Der Industrie für die Malaise die alleinige Schuld zu geben, ist aber allzu kurzsichtig. Gartlehner weiß: "Die öffentliche Hand hat in Österreich und auch in Europa allgemein versagt - das muss man sagen. Von der NIH (Anm. dem National Institute of Health in den USA) wird sehr viel mehr Geld zur Verfügung gestellt, etwa um Studien unabhängig von der Industrie durchzuführen." Ähnlich urteilt Piribauer: "Dem jetzigen Trend können eigentlich nur Staaten etwas entgegensetzen." Eine völlige Freiheit von der Pharmaindustrie erlangen zu wollen, ist freilich illusorisch, und vielleicht auch gar nicht nötig: Die Verfügbarkeit von objektiveren Informationen allein würde schon sehr viel zum Guten wenden. Die Medizinjournalistin etwa meint: "Für uns Medizinjournalisten ist es sehr schwierig, die Studien selbst aufzubereiten. Man braucht einen Experten mit einer kritischen Distanz, oder noch besser: eine Institution, die sich der Evidenzbasierten Medizin verpflichtet sieht - eine solche Anlaufstelle gibt es in Österreich aber weder für Ärzte noch für Patienten." Piribauer würde das wohl auch befürworten, moniert aber: "Leider haben die Pharmafirmen und die Ärztekammer das Problem bisher nicht einmal erkannt."

Unabhängige Infos

Sowohl die Journalistin als auch Piribauer irren damit zum Teil. Denn Gartlehner betreibt seit wenigen Monaten ein EBM-Informationszentrum für Ärzte in Niederösterreich. Das vom Land finanzierte Konzept erklärt er so: "Ärzte können Anfragen stellen und wir fassen die Evidenz zu einer bestimmten klinischen Frage dann zusammen. Dadurch nehmen wir den Ärzten im Schnitt zwischen zwanzig bis vierzig Stunden Recherchetätigkeit ab." Und die bei Amgen tätige Möller stimmt dem Gesagten zu: "Die öffentliche Hand sollte für eine unabhängigere Heilmittelbewertung Gelder zur Verfügung stellen. In Deutschland etwa gibt es dafür das IQWiQ, in England NICE. Es wäre Aufgabe des Gesundheitsministeriums, mehr Transparenz zu schaffen - für Ärzte genauso wie für Patienten."

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