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Renaissance der Hansestädte

800 Jahre Riga und die Last der Vergangenheit

Es war wie in alten Zeiten: Vertreter von 92 Städten hatten sich zu den 21. Internationalen Hanse-Tagen in Riga versammelt, der Hauptstadt Lettlands, die vor 800 Jahren gegründet wurde. Wer weiß schon, dass sich heute über 200 Städte und Städtchen in Europa zu ihrer einstigen Hanse-Zugehörigkeit bekennen? Die meisten rund um die Ostsee. Aber die Hanse reichte auch bis England und Flandern. Eine weitgespannte Kaufmanns-Gilde, zu der auch Russen, Italiener, sogar Araber stießen. Von Riga, wo die Düna in die Ostsee mündet, ging die Reise ins Russische nach Pskow und Nischnij Nowgorod.

Am Ufer der Düna (Daugava) liegt auch der große Platz, der wieder Zentrum der Altstadt werden soll. Das Rathaus, das im 18. Jahrhundert schon einmal abgerissen wurde, weil man ein größeres, schöneres brauchte, wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und soll noch in diesem Jubiläumsjahr rekonstruiert werden. In den hellen Sommernächten sieht man die Arbeiter noch spät über die Gerüste klettern. Gegenüber erstrahlt das "Schwarzhäupter-Haus", dessen Grundfesten aus dem 14. Jahrhundert stammen, wie neu. Mitsamt allen Verzierungen, Vergoldungen und altdeutschen Inschriften ("Wider Gesetz und Gewissen handeln Thut Gottes Segen in Fluch verwandeln"). Was ist dem Haus alles angetan worden, in dem einst die unternehmungslustigen ledigen Kaufleute wohnten, dem dunkelhäutigen Heiligen Mauritius, aber auch dem König Arthur huldigten! Den Sowjet-Machthabern waren die Kriegszerstörungen nicht genug. Sie sprengten alles, was an deutsche Kultur erinnern konnte - ähnlich wie in Danzig.

Handwerker-Kunst

Riga hat auch in Zeiten, da es Zentrum der Lettischen Sowjetrepublik war, manche Baudenkmäler restauriert. Das Schwarzhäupterhaus durfte nicht dabei sein, wurde aber gleich nach dem Abzug der Sowjetmacht in Angriff genommen. Der Kunsthistoriker Professor Ojars Sparitis, der diese außergewöhnliche Leistung geleitet hat, ist stolz auf seine Handwerker. Die alte Tradition ist nicht abgerissen. Es gab vom Innen und vom Außen des Bauwerks nur einige Schwarzweiß-Fotos. So musste man bei der Gestaltung der Böden und Wände, der Rekonstruktion der Deckengemälde nach Belegstücken aus der Entstehungszeit suchen und sich für die Wahl der Farben inspirieren lassen. Es sind einige glanzvolle Repräsentationssäle für verschiedenste Veranstaltungen entstanden. Von der Straße betritt man ein Café und Geschäfte. Im Keller wurden Mauerreste freigelegt, die zu besichtigen sind. Es sind zugleich Räume für Kunstausstellungen: Arbeiten moderner Künstler aus Glas, Stein oder Metall.

Bei dieser gewaltigen denkmalpflegerischen Anstrengung ging es nicht nur um Verschönerung des Stadtbildes. Die Menschen wollen wissen, wo sie leben. Sie wollen eine Vergangenheit haben, auch wenn jahrhundertelang hier das deutsche Bürgertum prägend war. Ob Letten oder die in großer Zahl zugewanderten Russen, alte oder neue Heimat: Sie waren durch keine kulturpolitische Drangsalierung zu hindern, ihre Wurzeln zu suchen und zu festigen.

Näheres erfährt man gleich nebenan im "Okkupationsmuseum", das sich wie ein breiter Balken vor die Aussicht auf den Fluss schiebt. Da ist Schritt für Schritt nachzuerleben, was in den baltischen Ländern seit dem Zusammenbruch des Zarenreichs geschehen ist. 1920 etablierten sie sich als selbständige Staaten, von der jungen Sowjetmacht feierlich anerkannt, in den Völkerbund aufgenommen.

Aber da liegt in einer Vitrine der unscheinbare Wisch: ein Stück Papier, auf dem in holpriger, nicht ganz fehlerfreier Maschinenschrift das Todesurteil für Hunderttausende steht: "Geheimes Zusatzprotokoll", unterzeichnet am 23. August 1939 von Ribbentrop und Molotow, als sie in Moskau zur Überraschung der Welt den "Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakt" geschlossen hatten. Darin wurden die Interessen-Sphären festgelegt: Baltikum mit Finnland sowie die östliche Hälfte Polens und Bessarabien "gehören" der Sowjetunion, die einer Aussiedlung der Deutschen keine Hindernisse in den Weg legen will. Hitler rief "Heim ins Reich" und sah vorwiegend das westpolnische Gebiet zur Ansiedlung der Deutschen vor, das zu besetzen er sich anschickte.

Stalin zögerte nicht lange, mit juristischer Spitzfindigkeit und offener Gewalt die Baltenländer zu besetzen und gleich einmal viele Tausende zu deportieren. Ohne Zusammenhang mit etwaigen politischen Vergehen. Es wurden auch Säuglinge und schwangere Frauen in die Viehwaggons gepfercht. Hitlers Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 schien für die Balten die Befreiung zu bringen. Aber für die deutschen Rasse-Spezialisten waren Esten, Letten und Litauer keine vollwertigen Menschen. Es gab zwar keine Massen-Verfolgungen, man bediente sich gern der intelligenten Völker zum Arbeits- und Kriegsdienst, aber die deutsche Zivilverwaltung ließ nicht viel Raum zur Selbstbestimmung und versuchte die Germanisierung. Die rote Propaganda erschien nun braun gefärbt. Für Juden gab es keine Gnade.

Mit dem deutschen Rückzug setzte 1944/45 eine große Fluchtbewegung ein. Wer nicht nach Deutschland oder Schweden ausweichen konnte, war erneut dem stalinistischen Terror ausgeliefert. Bis zu Stalins Tod 1953 ging er weiter, 1961 kamen die letzten Überlebenden aus dem Gulag zurück. In zwanzig Jahren starb ein Drittel der Letten. Russen rückten nach.

Das Museum zeigt neben vielen Dokumenten kleine Erinnerungsstücke aus den Lagern: Die aus Holz und Suppenknochen gebastelte Geige, das "Stumme Klavier", das von einem unbekannten Meister für einen lettischen Komponisten und Pianisten gebastelt wurde, damit er nach Jahren in den Kohlengruben von Workuta Fingerübungen machen konnte. Sinnigerweise steht zwischen Rathaus und dem Okkupationsmuseum der alte hanseatische Roland, hinter dem Museum das Denkmal der "Lettischen Schützen", die nach 1917 für eine lettische Räterepublik gekämpft haben. Frisch restauriert erhebt sich an zentraler Stelle der Stadt das hohe, überschlanke "Freiheitsdenkmal" von 1935, das zu entfernen die Sowjet-Besatzung sich vergeblich bemüht hat.

Die brutale Industrialisierung und die Kolchoswirtschaft haben in Lettland katastrophale Umweltschäden hinterlassen (die der Besucher nicht gleich entdeckt). Man kann zweifeln, ob es zwischen Balten und Russen je wieder Vertrauen geben wird. Der Drang des mächtigen Nachbarn nach den Ostseehäfen kann noch nicht erloschen sein. Wird Europa seine Verpflichtung zum Schutz der kleinen Staaten erkennen?

Unterdessen streben die Feiern des 800-jährigen Riga zum Höhepunkt. Im Kreuzgang des Doms steht wieder die Statue des Gründers, Fürstbischof Albert, der aus Bremen gekommen war. Die Bronzeplastik war im Ersten Weltkrieg von den Russen zwecks Einschmelzung entfernt worden, das Schiff, das sie entführte, gesunken. Jetzt hat man nach Fotos eine freie Rekonstruktion angefertigt - bezahlt aus Spenden der in Deutschland und anderswo lebenden Deutsch-Balten, die für ihre alte Heimat viel Liebe und Opferbereitschaft aufbringen. Dafür findet man allenthalben Belege. Die Nachkommen der Familie Buxhoeveden, der Bischof Albert entstammte, waren schon zu den Hansetagen angereist.

Weltbekannte Letten

Vielerorts in der Altstadt wird gebaut. Auch beim alten Schloss, das zum Sitz der Staatspräsidentin erkoren wurde, aber auch Museen beherbergt. Man bewundert die schönen alten Kirchen, ein Denkmal erinnert an Herders Jahre in Riga, eine Straße an den jungen Kapellmeister Richard Wagner. Alte Zusammengehörigkeit wird wieder bewusst. Man wünscht sich, dass die schwer zu merkenden lettischen Namen, die kaum bekannten Maler, von denen die Museen erzählen, die Schriftsteller, von denen erste Übersetzungen vorliegen, uns bald so vertraut werden, wie sie es als gute Europäer verdienen. Bei den Komponisten haben ja weltbekannte Letten wie Gidon Kremer oder Maris Jansons schon mit dem Brückenbau begonnen.

Es fällt auf, dass fast überall relativ junge Menschen tätig sind und frische Initiative entwickeln - als ob sie von den Lasten der Vergangenheit, an denen die resigniert wirkenden Alten offensichtlich schwer tragen, nichts mehr wissen wollten.

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