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Sanktionen statt Anreize

Das Sprachniveau von Migranten-Kindern soll in Zukunft mit Tests eruiert werden, die völlig veralteten Vorstellungen entsprechen.

Ein überproportional hoher Anteil ausländischer Kinder in den Sonderschulen und ein Abbau der Sprachförderung für diese Kinder sowohl in Deutsch als Zweitsprache als auch in ihren Herkunftssprachen - ecri stellt dem österreichischen Bildungswesen ein Armutszeugnis aus, was die Integration nichtdeutschsprachiger Kinder betrifft. Die Rezepte, die Regierung und Zukunftskommission bereithalten, sind die alten und falschen, die diesen Zustand verschlimmern, nicht verbessern werden: zuerst kommt der Vorschlag, die Deutschkenntnisse der Kinder ein Jahr vor Beginn der gesetzlichen Schulpflicht zu testen, "im Falle gravierender Mängel in der Unterrichtssprache wird ... ein spezielles Angebot an sprachlicher, vorschulischer Frühförderung angeboten", so steht es im Bericht der Zukunftskommission. Das Ganze ist offenbar recht einfach zu bewerkstelligen, können doch "erfahrene Grund-/Sprachheil- oder SonderschullehrerInnen (mithilfe dafür geeigneter standardisierter Prüfverfahren)" so etwas "durch ein lockeres, mündliches Screening'" in maximal 20 Minuten rasch herausfinden. Die Verfasser dieser Vorschläge haben die Forschung und die Praxis der letzten 20 Jahre gründlich verschlafen.

Unzureichende Förderung

Sprachheil- oder Sonderpädagogen: das klingt, als seien mangelhafte Deutschkenntnisse eine Krankheit oder eben ein Fall für die Sonderschule. Dabei handelt es sich um Kinder, die vielleicht nicht Deutsch sprechen, dafür aber zumindest eine, oft noch viel mehr Sprachen beherrschen. Sonderschule und Sprachheilpädagogik haben hier wahrhaftig nichts zu suchen. Tests in der Sprache, die man nicht kann, weil man zu Hause eine ganz andere spricht, muss Kindern und ihren Eltern Angst machen und stellen keine gute Ausgangsbasis für die Sprachförderung dar.

Sprachförderung ist keine Angelegenheit für Sonderschullehrkräfte, sondern in der Tat eine genuine Aufgabe für Kindergärten und Schulen, am besten in bilingualen Lerngruppen, die qualifiziert ausgebildete Lehrkräfte und geeignetes Material voraussetzt. Das Angebot für den muttersprachlichen Unterricht aber ist an den Schulen völlig unzureichend, und der Schlüssel für den besonderen Förderunterricht Deutsch wurde in den letzten Jahren in den meisten Bundesländern mehr als halbiert.

Statt die nichtdeutschsprachigen Kinder mit fragwürdigen Methoden auszusortieren und Mütter mit Sanktionen in Deutschkurse zu zwingen, sollten Kindergarten und Schule eine Festigung der Muttersprache und ausreichende Förderprogramme für Deutsch anbieten, sollten die Erwachsenen mit echten Anreizen, zum Beispiel was den Zugang zum Arbeitsmarkt und zur Staatsangehörigkeit betrifft, zum Deutschlernen motiviert werden. Die von Regierung und Zukunftskommission formulierten Vorschläge laufen auf eine Segregation deutschsprachiger und nichtdeutschsprachiger Kinder - zumindest während der Sprachförderung - hinaus, dabei zeigen alle Schulversuche und Studien die Überlegenheit integrierter Förderkonzepte. Das gemeinsame Spielen und Lernen deutschsprachiger und nichtdeutschsprachiger Kinder und zweisprachige Erziehung bewirken in der Regel die nachhaltigste Sprachförderung.

Zur Zeit verfügen wir weder über entsprechend ausgebildete Kindergärtnerinnen oder Lehrkräfte noch über ein differenziertes Spektrum an Förderangeboten, erst recht nicht über geeignete Sprachstandsdiagnosen für mehrsprachige Kinder. Der laute Ruf nach Tests, das ausschließliche Angebot von Deutsch ohne Rücksicht auf die Muttersprachen bedeutet unter diesen Umständen, dass nichtdeutschsprachige Kinder aussortiert und in ihrer Muttersprache stumm gemacht werden - Endstation Sonderschule? Die Ergebnisse der nächsten pisa-Studie dürften auf diese Weise eher schlechter als besser ausfallen.

Der Autor ist Professor für den Fachbereich Deutsch als Fremdsprache am Institut für Germanistik in Wien.

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