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Schachmatt in der KAMPFZONE

Der Krieg lässt seinen Brandgeruch nicht nur über die Schlachtfelder wehen. Er wabert, wenn er mächtig genug ist, seitenweise durch die Redaktionen von Zeitungen und über die Kaffeehaustische, er schafft sich Raum im Internet und in den Prognosen der Wirtschaftsforscher. Er beeindruckt jede politische Konferenz, das Gespräch der Philosophen genauso wie jenes der Stammtische.

In Russland hat er nun auch die Klassenzimmer erreicht. Artig und aufmerksam sitzen die jungen Leute um Wladimir Putin. Sie nicken eifrig, die Buben mit glänzenden Augen, die Mädchen in stiller Bewunderung. Putin spricht ernsthaft, energisch, überzeugend -und an dem einen oder anderen kurzen Lächeln, das über sein Gesicht huscht, kann man sehen -es gefällt ihm, wie sehr er beeindruckt.

Beim Kongress der Jugendorganisation "Naschi" ("Die Unseren") spricht der Präsident zum 75. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs. Es ist aber keine bloß historische Rede. Es geht um Russlands Krieg in der Ukraine. Die ukrainische Armee, sagt Putin, verhielte sich heute wie damals die "deutschen Okkupanten, die unsere Städte belagerten - erinnert euch an Leningrad". Wer in Russland die Blockade von Leningrad erwähnt, braucht in der Regel nicht mehr viel zu erklären. Die 900 Tage dauernde Belagerung der Stadt ist ein Trauma der russischen Geschichte und gilt als das schwerste Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht. Über eine Million Menschen verhungerten oder starben an Krankheit und Entbehrung.

Humanitär im Krieg

Man müsse also gerade wegen Leningrad damals die "humanitären Aktionen" der prorussischen Milizen in der Ostukraine heute unterstützen, sagt Putin. Denn die Milizen würden die "Raketen und Artillerie der ukrainischen Aggressoren zurückdrängen um Zivilisten zu schützen". Putins Rede mag ein kleines Ereignis der geübten Propaganda des Präsidenten sein, aber die Wucht der Botschaft, die auch Kinder und Halbwüchsige nicht auslässt, zeigt die Erbitterung mit der der Konflikt um die Ukraine ausgetragen wird. Mehr als 2500 Menschenleben hat der Krieg im Osten des Landes schon gefordert. 330.000 Menschen wurden vertrieben. Und der russische Präsident wurde zum Kriegsherrn.

Aus seiner Sicht hat er gut daran getan. Putin hat die NATO, die EU und die USA mit seiner Unnachgiebigkeit in eine strategische Sackgasse gezwungen: Eine militärische Antwort des Westens, außer der Unterstützung der Ukraine mit Waffen, gibt es nicht. Die NATO schöpft mit ihren zusätzlichen Truppenkonzentrationen an der Grenze zu Russland, vom Baltikum bis Rumänien, ihren Handlungsrahmen bereits jetzt voll aus. Kein Tag vergeht, an dem NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rassmussen nicht Russlands Vorgehen mit immer schärferen Worten verurteilt und mit Konsequenzen droht. Doch je mehr die NA-TO droht, desto mehr muss sich Russland bestätigt fühlen. Und dieses Phänomen wird sich weiter verstärken mit den Beschlüssen des NATO-Gipfels Ende dieser Woche.

Denn die NATO steht im 65. Jahr ihres Bestehens vor einem schier unlösbaren Problem. Tatsächlich gibt es keinen einzigen namhaften Militärexperten, der das Militärbündnis gegenüber Russland im Vorteil sieht. Immer mehr zeigt sich, dass die NATO trotz ihrer Drohgebärden und Proteste gar nicht in der Lage ist, einen politischen Konflikt mit einer Atommacht wie Russland erfolgreich zu bestehen. Putin hingegen darf in einem konventionellen Krieg gegen eine schwache Armee erfolgreich sein. Warum sollte er das nicht nutzen, wenn der Preis dafür Wirtschaftssanktionen sind, die Russland offensichtlich nur wenig bekümmern müssen? Die EU hat es nicht einmal geschafft, die Waffenlieferungen zur Gänze einzustellen. Das macht Putin zum Gewinner in einer Rolle, in der er nur gewinnen kann. Denn so wie die NATO scheint auch die EU nur symbolisch andeuten zu können, wozu sie aus wirtschaftlichem Kalkül gar nicht in der Lage sein will: Putin mit für beide Seiten schmerzhaften Sanktionen in die Knie zu zwingen.

Krise als Politikmotor

In Zeiten der wirtschaftlichen Hochkonjunktur wäre das vermutlich weniger ein Problem gewesen. Aber in einer Phase der erneut hereinbrechenden Wirtschaftskrise geben die Arbeits-und Absatzmärkte zwingend mehr Außenpolitik vor als der Politik lieb sein kann. Tatsächlich ist die Lage prekär, denn nach der Banken-und der Staatsschuldenkrise ist es nun eine Wachstumskrise die sich breit macht. Selbst Deutschland musste seine Prognosen drastisch kürzen und die Sanktionen gegen Russland samt der Gegensanktionen Moskaus schwächen die Bilanzen weiter und damit die Position wirtschaftlicher Stärke, aus der heraus Wirtschaftssanktionen erst Sinn machen.

Und Moskau hat einen weiteren Trumpf, den es genüsslich ausspielt. Die Medienhoheit. Von ihrem Präsidenten überzeugte Russen können sinkende Wirtschaftsdaten, Sanktionen und Kapitalflucht aus Russland gar nicht wahrnehmen, da sie davon in ihren Medien nichts lesen und im Alltag noch nichts spüren -so sie nicht polnische oder österreichische Äpfel oder Schweinefleisch lieben.

Der europäische Konsens "Nie wieder Krieg" hingegen scheint zwischen sattem Reichtum, Krise und Empörung seine Geltung zu verlieren. Die Kriegshelden sind wieder salonfähig geworden, besonders dort, wo in ungeschönter Widersprüchlichkeit soziale Netzwerke und individuelle Selbstdarstellung einander befruchten. So wie im Syrienkrieg hat sich der Konflikt in der Ukraine unbemerkt internationalisiert - europäisiert. Zwei junge Spanier, Angel und Munoz, posieren da etwa stolz auf Youtube mit ihren automatischen Waffen in einem Wäldchen irgendwo bei Luhansk. Durchladen, zielen, Feuer -tuff, tuff, tuff -die Melodie einer neuen Kriegsgeneration. Zu Hause in Spanien ist Krise und keine Arbeit. In der Ukraine aber, so glauben die beiden, winkt der Ruhm gegen die "Nazis aus Kiew". Angel trägt Tatoos von Lenin und Stalin. Munos, ein ehemaliger Sozialarbeiter sagt, er hätte zu Hause "nicht mehr ruhig schlafen können, wissend, was hier vorgeht".

Europas neue Krieger

Sie sind bei weitem nicht die einzigen. Schweden, Deutsche, Italiener, Serben, Franzosen, Tschetschenen, Georgier, Balten, Tschechen, Norweger, Kanadier, Slowenen, Kroaten, US-Amerikaner -und ideologisch aufgeschlüsselt -Kommunisten, Neonazis, Söldner. Sie kämpfen auf beiden Seiten des Konflikts. In der ukrainischen Armee sind sie in einem eigenen Ausländer-Bataillon organisiert. Aufgefallen sind sie aber nicht durch höhere ethische Standards - Kraft ihrer Herkunft aus reichen Industrieländern -sondern durch ihre Menschenrechtsverletzungen, wie die Entführungen von Journalisten. Von der prorussischen Seite ganz zu schweigen. Bei den Freischärlern sind Einschüchterung, Folter und Kidnapping von Menschen an der Tagesordnung, wenn es nach dem jüngsten Bericht von Human Rights Watch geht. In dieser Gemengelage hat die besten Karten, wer nach außen hin "cool" bleibt und unverschämt ist. Das gilt auf den Schlachtfeldern ebenso wie in der Politik.

Auch deshalb wird die Lage der Ukraine selbst immer verzweifelter. Es ist ein Tummelplatz für einen gelebten europäischen und westlichen Verfall geworden. Auf individueller, auf diplomatischer und auf strategischer Ebene sind die verheerenden Konsequenzen der Kriege Europas dort ebenso unbekannt wie jene des Kalten Krieges.

Aber vielleicht wird in den Wäldern von Luhansk und auf den Straßen nach Mariupol sichtbar, dass es ein Fehler war, die so genannten "Lehren aus der Geschichte" so zu behandeln, als seien sie ein abzuhakender Punkt auf einer to-do-Liste menschlichen Fortschritts. Mit genügendem Abstand und genügender Agitation verweht sie ein kleiner Hauch des Brandgeruchs des Krieges.

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