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Schärfere Sprache!?

Helmut F. Karner ist weltweit als Management-Berater tätig. Er bezeichnet das Sozialwort der Kirchen als "großartig", wünscht sich aber viel radikalere Worte der Kirchen zum gesellschaftlichen Veränderungsbedarf. alois riedlsperger sj, Direktor der Katholischen Sozialakademie Österreich (KSÖ) und Chefkoordinator des Sozialworts, stellt sich der Diskussion.

Die Furche: 14 Kirchen haben ihr gemeinsames Sozialwort vorgelegt. Was soll es in der Gesellschaft bewirken?

Alois Riedlsperger: In den christlichen Kirchen soll es eine erneuerte soziale Praxis auslösen; und auf dieser Basis dann einen intensivierten gesellschaftlichen Diskurs über soziale Verantwortung in der Gesellschaft, in der Welt.

Die Furche: Wird das Sozialwort diesem Anspruch gerecht?

Helmut F. Karner: Ja und nein. Ja, weil die Inhalte großartig in ihrer Differenziertheit und in ihrer Richtigkeit wegweisend sind. Wenn ich einem Menschen etwas in die Hand geben sollte, wo ich sagen kann: "Bitte, richte dein gesellschaftliches, soziales Leben danach aus", dann ist es dieses Dokument. Nein, weil ich meine, dass es zu wenig Ärgernis ist. Unsere Gesellschaft bräuchte den Jesus, der in den Tempel geht und recht grob auftritt. Wir befinden uns in gesellschaftlichen Entwicklungen, die hier sehr gut beschrieben sind. Aber es wird nicht klar gesagt: "Aus, hier ist das Ende." Wir haben in so vielen Bereichen die Grenzen wertebezogenen Handelns überschritten, sodass wir eigentlich viel rabiater, ärgerlicher, unbequemer in der Gesellschaft auftreten müssten. Die Kirchen müssten mit viel mehr Mut, Radikalität, Konfliktfreude, Selbstsicherheit auftreten. Viele radikale Aussagen, die drin stehen, sind fein abgeschliffen. Man merkt, dass es ein Text ist, der 14 verschiedenen Kirchen genügen musste.

Riedlsperger: Das konsensuale Prinzip, auf dem das Sozialwort aufgebaut ist, ist Ausdruck der Bemühung, eine behutsame Sprache zu wählen und eben nicht sehr angriffig zu sein. Vor allem auch deshalb, weil sich die Kirchen in diesem Prozess nicht wechselseitig unter Zugzwang bringen wollten, sodass sie Äußerungen des anderen möglicherweise mitvertreten müssen, die sie so nicht sagen würden.

Die Furche: Wenn aber ein Mann der Wirtschaft ein Sozialdokument so lobt: Ist da nicht etwas falsch gelaufen?

Riedlsperger: Es ist ja nicht so, dass hier die Wirtschaft ist und dort die Kirchen, und die einen sehen schwarz-weiß und die anderen differenziert, die einen hätten nur Sorgen und die anderen keine. Die Sorgen gehen quer durch alle gesellschaftlichen Bereiche. Insofern überrascht es mich auch nicht, weil ich immer wieder sehr nachdenklichen Menschen aus der Wirtschaft begegne. Allerdings gibt es die Tendenz in der Wirtschaft, sich durch die Benennung von Problemen angegriffen zu fühlen. Demgegenüber wurde im Schlusskapitel noch einmal deutlich gemacht, dass die benannten Probleme gemeinsame Aufgabenstellungen sind. Denn Entwicklungen im Bereich der Wirtschaft betreffen uns als Produzenten wie als Konsumenten, als Unternehmen wie als Meinungsbildner. Wir haben also alle unseren Anteil an der Problemstellung wie an der versäumten oder eben der kreativen Lösung, die wir finden.

Karner: Das Sozialwort ist unter anderem nicht nur menschengerecht, sondern auch sehr sachgerecht. Es ist, im Unterschied zu vielen Papstenzykliken oder dem Sozialhirtenbrief der österreichischen Bischöfe aus 1990, sachlich richtig. Gerade sachliche Argumente sind da wichtig: Entschuldung der Dritten Welt ist ja nicht nur ein wertebezogenes Thema, sondern da kann auch ein rational denkender Ökonom nachweisen, dass das richtig ist. Das Grundeinkommen ist nicht ein Spleen der Katholischen Sozialakademie oder der Grünen, sondern es ist wirtschaftlich gerechtfertigt, wenn man das Thema durchdenkt. Sachgerechtigkeit und die dazu notwendige Subtilität, die manche Kommentatoren schlecht geredet haben, sind die großartige Leistung des Sozialworts.

Die Furche: Auch Nationalratspräsident Andreas Khol, der dem Sozialwort konzediert, eine "gute christliche Analyse der Sozialpolitik" zu sein, ist darob irritert, dass es "eine eher platte Globalisierungskritik" geworden sei.

Karner: Das ist Schwachsinn! Ich habe sogar ein paar deutlichere Schläge gegen die Globalisierung vermisst. Statt die Welthandelsorganisation, den Internationalen Währungsfonds und die Weltbank im Gesamten des Betrugs zu zeihen oder ähnliches, finde ich da nur ganz feine, subtile Aussagen. Ich habe Bereiche, die Ursachen für Krisen sind, nicht im richtigen Ausmaß vorgefunden. Da ist etwa die alles überstrahlende und damit bedrohende Logik der Finanzwirtschaft, der alles unterliegt: die Bildung, die Medien, alles. Wenn wir das nicht stoppen, wird uns die Finanzwirtschaft in den nächsten Crash führen. Das ist dann wahrscheinlich ein Crash, der die soziale Gerechtigkeit wiederherstellt - allerdings unter größten Schmerzen.

Riedlsperger: Globalisierung, sagt das Sozialwort, bedarf der sozialen Einbindung. Denkt man das konsequent durch, ist das ein massives Unterfangen. Da sind natürlich zum einen Kerninstitutionen angesprochen wie die WTO oder der Internationale Währungsfonds. Aber das Sozialwort sagt auch, dass das keineswegs ausreicht.

Karner: Man darf auf keinen Fall schönreden, dass so eine Komplizenschaft mit der westlichen Welt, wie sie vor allem der Internationale Währungsfonds ausübt, enorm zur Ungerechtigkeit beiträgt. Das zweite, was mir komplett fehlt, ist der Aufschrei einer sensiblen Gesellschaftsbewegung, wie sie die Kirchen darstellen, gegen die frivole Überhandnahme und Anmaßung des Staates, der politischen Institutionen. Der Grazer Soziologe Manfred Prisching sagt: Je höher der Wohlfahrtsstaat, desto höher die Entsolidarisierung. Wir schieben immer noch den Staat in eine bestimmte Rolle hinein, weil wir es zur Bürger-, zur Netzwerkgesellschaft nicht geschafft haben.

Die Furche: Aber muss man den Staat nicht mehr in die Pflicht nehmen - etwa im Bereich der Flüchtlingsbetreuung oder im Bereich der Bildung?

Karner: Die Flüchtlingsbetreuung soll der Staat doch der Caritas oder der Diakonie überlassen! Was mir im Bildungskapitel fehlt, ist die scharfe Kritik an Qualität, Wertelosigkeit und mangelnder Ganzheitlichkeit unseres Bildungssystems. Das Monopol des Staates hat der gesamtheitlichen Bildung durch Verbeamtung, Vergewerkschaftung der Bildungsinstitutionen extrem geschadet. Eine sich selbst regulierende Netzwerkgesellschaft braucht ganz wenige gemeinsame Werte. Wahrscheinlich reicht in einer internationalen Wertegemeinschaft schon das Weltethos als gemeinsame Aufgabe. Und eigentlich müssten das die Kirchen, die das immer gefordert haben, übernehmen. Erstens überstrahlt eben die Finanzwirtschaft alles, was passiert. Zweitens ist in (West-)Europa das Verhältnis zwischen Staat und Zivilgesellschaft völlig falsch; das ist nicht so in der nordamerikanischen Gesellschaft mit ihrem Freiwilligen- und Nonprofit-Bereich und schon gar nicht in der südostasiatischen Gesellschaft, wo es andere Formen von Solidarität und Familie gibt. Bei uns maßt sich der Staat viel zu viel an!

Riedlsperger: In der Tradition der katholischen Soziallehre gibt es einen sehr positiven Zugang zum Staat, weil man über den Staat jenen, die im Zuge der Industrialisierung entwurzelt wurden, in der Gesellschaft Schritt für Schritt Heimat geschaffen hat. Von daher haben die Kirchen eine grundsätzlich positive Einstellung zum Staat; Kritik am Staat wird deswegen in behutsamer Form geübt. Dazu kommt, dass über das staatliche Gemeinwesen viele soziale Funktionen sichergestellt werden. Es werden zwar die Defizite gesehen, diese aber mit Vorsicht artikuliert, weil man nicht denen schaden möchte, die auf entsprechende Leistungen angewiesen sind.

Karner: Ich glaube, die positive Bewertung des Staates in der katholischen Soziallehre hat zu Recht bestanden. In der Zwischenzeit hat sich aber in der Gesellschaft so viel exponenziell beschleunigt, dass die Unfähigkeit des Staates, der Staatengemeinschaft übermächtig ist. Ich versuche das als Skizze aufzuzeichnen (s. Bild links): Wir haben hier einen Ring, und innerhalb des Ringes ist die Zone der sozialen Gerechtigkeit. Aber es gibt immer mehr Leute, die da herausfallen - das heißt Armut, Ungerechtigkeit. Das anzusprechen, ist im Sozialwort sehr gut gelungen. Aber es gibt doch genauso viele Beispiele von Gruppen, die vom Ring, von der Zone der sozialen Gerechtigkeit umschlossen sind: Das sind die ungerechtfertigt Reichen, die ÖBBler, diejenigen, die im jetzigen Pensionssystem sind... Man muss in diese "bestehenden" Rechte eingreifen! Gerechtigkeit heißt aus meiner Sicht, den Unterdrückten Rechte zurückzugeben, die ihnen zustehen, aber es heißt auch, den "Ungerechten" Rechte zu nehmen. Davon steht im Sozialwort nichts.

Die Furche: Wie soll es mit dem Sozialwort weitergehen?

Riedlsperger: Zunächst wünsche ich mir, dass dort, wo man die Fragestellung grundlegender sieht, die Diskussion weitergeht. Jeder ist willkommen, der grundlegende Fragen aus dem Sozialwort aufnimmt und sagt, wie es weitergehen müsste. Als zweites wünsche ich mir, dass durch das Aufgreifen der Handlungsempfehlungen des Sozialwortes eine verbindlichere Diskussion entsteht, in die auch die Praxis involviert ist. Drittens hoffe ich, dass es gelingt, in einem Jahr eine Zwischenbilanz zu ziehen und festzustellen, ob wir mit dem Projekt, das mit dem Vorlegen dieses Textes ja nicht abgeschlossen ist, konsequent genug unterwegs sind.

Karner: Ich wünsche mir erstens, dass vieles an Meinungsbildung, Herzensbildung, an Orientierung, die geboten wird, angenommen wird. Zweitens, dass die Christen die aufgezählten Selbstverpflichtungen der Kirchen ernst nehmen. Ich wünsche mir allerdings auch, dass die Forderungen an die Gesellschaft mit viel schärferen Waffen, höherer Konfrontation, Zivilcourage, kreativem Ungehorsam vertreten werden. Wahrscheinlich muss man mit zweierlei Maß messen. Auf der einen Seite ist sprachliche Mäßigung sehr wichtig. Aber auf der anderen Seite: Wenn wir Christen die Verantwortung zur Veränderung wahrnehmen wollen, sind viel schärfere Geschütze der Sprache nötig!

Das Gespräch moderierte Otto Friedrich.

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