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Was ist Aufklärung?

Kinder - © Pixabay
Gesellschaft

„Schamgrenzen der Kinder respektieren“

1945 1960 1980 2000 2020

Die Philosophin Katharina Lacina über den Unterschied zwischen sexualpädagogischer Aufklärung und Anleitung, die Vorzüge der Scham und normative Schlagseiten.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Philosophin Katharina Lacina über den Unterschied zwischen sexualpädagogischer Aufklärung und Anleitung, die Vorzüge der Scham und normative Schlagseiten.

Sechzehn Seiten umfasst jenes Dokument, welches das „Institut für Ehe und Familie“ der österreichischen Bischofskonferenz im Jänner dieses Jahres zusammengestellt hat. Es birgt Zitate, die – aus Sicht des Instituts – „problematisch“ sind, entnommen aus Unterlagen einiger Anbieter sexualpädagogischer Workshops. Manche Eltern werden die Kritikpunkte teilen (und ÖVP-Bildungssprecher Rudolf Taschner wurde immerhin zum türkis-blauen Entschließungsantrag motiviert); andere werden die Texte hingegen völlig unproblematisch finden. Wobei die Fronten in der Debatte nicht immer in altbekannten Bahnen verlaufen. Eine, die etwa seit Jahrzehnten gegen das Konzept der „sexuellen Bildung“ (nach Helmut Kentler und Uwe Sielert) anschreibt, ist die Kölner Erziehungswissenschafterin und Biologiedidaktikerin Karla Etschenberg. Kinder und Jugendliche bräuchten zwar Aufklärung und pädagogische Begleitung, insbesondere im Umgang mit Pornografie, aber sie bräuchten „keine ermunternden Anleitungen zu eigenem sexuellen Handeln“, betont sie. Dass solche Einwände meist als „konservativ“ oder gar „fundamentalistisch“ schubladisiert werden, bringt die Pionierin „aufgeklärter Sexualaufklärung“ in Deutschland zur Weißglut – nachzulesen in ihrem neuen Buch „Sexualerziehung: kritisch hinterfragt“. Auch Katharina Lacina hat eine differenzierte Haltung zur Sexualpädagogik. Warum, erklärt die Wiener Philosophin, die gerade an einem Schulbuch zur Ethik schreibt und den Hochschullehrgang Ethik an der Uni Wien koordiniert, im FURCHEGespräch.

DIE FURCHE: Frau Lacina, Sie haben nicht nur einen philosophischen, sondern auch einen persönlichen Zugang zum Thema Sexualpädagogik. Darf man fragen, welchen?
Katharina Lacina: Mir ist aufgefallen, mit welcher Faszination meine Tochter mit vier, fünf Jahren angefangen hat, sehr genaue, technische Fragen zu stellen. Da war ein großes Staunen über das Wunder des Lebens. Wie kann es sein, dass Babys auf die Welt kommen und dass sie in einer Frau wachsen können? Dem galt ihr Interesse – und nicht der Frage der eigenen Lust.

DIE FURCHE: Vermutlich ist das eine Altersfrage. Aber Sie üben generell Kritik ...
Lacina: Zuallererst fehlt mir in der ganzen Debatte die Gelassenheit. Zweitens fehlt mir der Hinweis auf die Tatsache, dass jeder Mensch seinen eigenen Takt hat, seine eigene Geschwindigkeit. Und drittens stört mich das Verwischen der Grenze zwischen dem Deskriptiven, also Beschreibenden und dem Präskriptiven, also Vorschreibenden und Anleitenden. Hier stimme ich Karla Etschenberg zu. Ich kann etwa Formen des Zusammenlebens beschreiben, ohne bewertend zu werden. Aber wenn es zu einer Anleitung für bestimmte Praktiken wird, dann wird es schwierig.

DIE FURCHE: Sehen Sie in der Definition von Kindern als „sexuelle Wesen von Anfang an“ und „lustvollem Spielen“ ein Problem?
Lacina: In der Definition nicht, aber spannend sind die methodischen Konsequenzen. Ich habe schon den Eindruck, dass die Sexualpädagogik geneigt ist, Schamgrenzen zu verletzen, indem sie Sexualerziehung zu einer Anleitung umdefiniert und Scham als Hemmung bezeichnet, die Kinder unfrei macht. Aus philosophischer Perspektive ist Scham aber ein Affekt, und sie hat eine Schutzfunktion. Léon Wurmser (US-amerikanischer Psychoanalytiker) betont diesen Aspekt, es geht um das Innere, das wir aus guten Gründen nicht nach außen zeigen wollen. Aber es bleibt ein heikles Unterfangen, weil es ja auch um einen Bildungsauftrag geht.

Sechzehn Seiten umfasst jenes Dokument, welches das „Institut für Ehe und Familie“ der österreichischen Bischofskonferenz im Jänner dieses Jahres zusammengestellt hat. Es birgt Zitate, die – aus Sicht des Instituts – „problematisch“ sind, entnommen aus Unterlagen einiger Anbieter sexualpädagogischer Workshops. Manche Eltern werden die Kritikpunkte teilen (und ÖVP-Bildungssprecher Rudolf Taschner wurde immerhin zum türkis-blauen Entschließungsantrag motiviert); andere werden die Texte hingegen völlig unproblematisch finden. Wobei die Fronten in der Debatte nicht immer in altbekannten Bahnen verlaufen. Eine, die etwa seit Jahrzehnten gegen das Konzept der „sexuellen Bildung“ (nach Helmut Kentler und Uwe Sielert) anschreibt, ist die Kölner Erziehungswissenschafterin und Biologiedidaktikerin Karla Etschenberg. Kinder und Jugendliche bräuchten zwar Aufklärung und pädagogische Begleitung, insbesondere im Umgang mit Pornografie, aber sie bräuchten „keine ermunternden Anleitungen zu eigenem sexuellen Handeln“, betont sie. Dass solche Einwände meist als „konservativ“ oder gar „fundamentalistisch“ schubladisiert werden, bringt die Pionierin „aufgeklärter Sexualaufklärung“ in Deutschland zur Weißglut – nachzulesen in ihrem neuen Buch „Sexualerziehung: kritisch hinterfragt“. Auch Katharina Lacina hat eine differenzierte Haltung zur Sexualpädagogik. Warum, erklärt die Wiener Philosophin, die gerade an einem Schulbuch zur Ethik schreibt und den Hochschullehrgang Ethik an der Uni Wien koordiniert, im FURCHEGespräch.

DIE FURCHE: Frau Lacina, Sie haben nicht nur einen philosophischen, sondern auch einen persönlichen Zugang zum Thema Sexualpädagogik. Darf man fragen, welchen?
Katharina Lacina: Mir ist aufgefallen, mit welcher Faszination meine Tochter mit vier, fünf Jahren angefangen hat, sehr genaue, technische Fragen zu stellen. Da war ein großes Staunen über das Wunder des Lebens. Wie kann es sein, dass Babys auf die Welt kommen und dass sie in einer Frau wachsen können? Dem galt ihr Interesse – und nicht der Frage der eigenen Lust.

DIE FURCHE: Vermutlich ist das eine Altersfrage. Aber Sie üben generell Kritik ...
Lacina: Zuallererst fehlt mir in der ganzen Debatte die Gelassenheit. Zweitens fehlt mir der Hinweis auf die Tatsache, dass jeder Mensch seinen eigenen Takt hat, seine eigene Geschwindigkeit. Und drittens stört mich das Verwischen der Grenze zwischen dem Deskriptiven, also Beschreibenden und dem Präskriptiven, also Vorschreibenden und Anleitenden. Hier stimme ich Karla Etschenberg zu. Ich kann etwa Formen des Zusammenlebens beschreiben, ohne bewertend zu werden. Aber wenn es zu einer Anleitung für bestimmte Praktiken wird, dann wird es schwierig.

DIE FURCHE: Sehen Sie in der Definition von Kindern als „sexuelle Wesen von Anfang an“ und „lustvollem Spielen“ ein Problem?
Lacina: In der Definition nicht, aber spannend sind die methodischen Konsequenzen. Ich habe schon den Eindruck, dass die Sexualpädagogik geneigt ist, Schamgrenzen zu verletzen, indem sie Sexualerziehung zu einer Anleitung umdefiniert und Scham als Hemmung bezeichnet, die Kinder unfrei macht. Aus philosophischer Perspektive ist Scham aber ein Affekt, und sie hat eine Schutzfunktion. Léon Wurmser (US-amerikanischer Psychoanalytiker) betont diesen Aspekt, es geht um das Innere, das wir aus guten Gründen nicht nach außen zeigen wollen. Aber es bleibt ein heikles Unterfangen, weil es ja auch um einen Bildungsauftrag geht.

Lacina - Die Philosophin Katharina Lacina spricht sich für eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte der Sexualpädagogik aus. - © Foto: Privat
© Foto: Privat

Die Philosophin Katharina Lacina spricht sich für eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte der Sexualpädagogik aus.

DIE FURCHE: Ist es aus Ihrer Sicht gut, auf Kärtchen Fragen zu sammeln und möglichst „neutral“ zu beantworten?
Lacina: Es könnte problematisch werden. Wenn Massenvergewaltigung (Gangbang) ein Thema wird, ist die Frage, ob das als wertfreie Alternative zu Kuschelsex dargestellt wird. Man müsste sich fragen: Wer wünscht sich das tatsächlich? Wie üblich ist das tatsächlich?

DIE FURCHE: Was halten Sie von der Formulierung: „Für viele Jugendliche ist Masturbation wichtig, für andere eben nicht. Du kannst es einfach einmal ausprobieren“, wie es die Österreichische Gesellschaft für Familienplanung erklärt?
Lacina: Generell ist es okay, sprachlich hätte ich lieber formuliert „für manche ist es wichtig, für andere nicht“. Sonst schleicht sich wieder eine normative Bewertung ein und die Jugendlichen bekommen das Gefühl: „Oh Gott, wenn ich nicht masturbiere, bin ich nicht okay.“ Man muss den Kindern ihren Takt und ihren Raum geben. Aufklärung wäre dann tatsächlich eine Erziehung zur Mündigkeit.

DIE FURCHE: Und was ist Ihre Meinung zu externen Workshops an Schulen?
Lacina: Man muss hier unterscheiden zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Mein Wunsch wäre, dass man das alles völlig neu aufstellt und auf Basis von Kooperationen zwischen Pädagogischen Hochschulen und Universitäten einen zweijährigen Ausbildungslehrgang anbietet, mit dem sich Lehrende qualifizieren können. Aber die pragmatischste Lösung wäre die Akkreditierung. Man müsste aber darauf achten, wer die Voraussetzungen dafür definiert, und dass es auch eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte der Sexualpädagogik und eine Sensibilität für normative Schlagseiten gibt.

Mehr zum Thema lesen Sie im Artikel: Die „Neutralität“ von Sexualität.