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Scharfer Blick für Differenz

Bildung ist mehr als Berufsqualifikation - Für Hubert-Christian Ehalt, Planer und Koordinator der Wiener Vorlesungen, ist Bildung auch ein emanzipatorisches Projekt der Demokratie. Eine wesentliche Aufgabe von Bildung bestehe darin, den Blick für die Unterschiede zu schulen, denn erst ein differenzierender Blick dämpfe die Affekte und Emotionen.

Er ist der Gründer, der Spiritus Rector der Wiener Vorlesungen: Hubert-Christian Ehalt. Im Interview erläutert der Historiker und Anthropologe seinen Begriff von Bildung und Bildungsarbeit, von Demokratie und von Aufklärung.

Die Furche: Eine einfache und schwierige Frage zugleich: Was ist Bildung?

Hubert-Christian Ehalt: Aktuell spielt die Berufsqualifikation die herausragende Rolle. Damit kommt das Orientierungswissen zu kurz. Menschen sollten jedoch die Zusammenhänge ihres beruflichen und privaten Lebens interpretieren, die Welt als Interessenszusammenhang verstehen können. Sie sollen lernen, soziale Verantwortung zu übernehmen. Diese Dimensionen kommen zu kurz. Die Fähigkeiten zur Kritik, zur ethischen Bewertung sind wichtig, aber fraglos schwierig zu messen. In den Tests, die auch die Persönlichkeit erfassen sollen, kommen sie kaum vor. In den aktuellen Bildungsdiskussion geht es primär um Fitness für den Arbeitsmarkt. Das ist wichtig. Aber unsere Welt ist nur überlebensfähig, wenn es ein funktionierendes Gemeinwesen gibt, Menschen, die füreinander Verantwortung übernehmen.

Die Furche: Der Leitstern über diesem Bildungsbegriff ist die Demokratie?

Ehalt: Bildung ist ein Kettenbrief der Verantwortung. Der Brief wird von Menschen, die ein Stück weiter sind, an Jüngere weitergegeben. Bildung bedeutet, nachzudenken, wie Gesellschaft funktioniert und funktionieren sollte. Da geht es auch um die Fragen, wie gerecht eine Gesellschaft ist, was ihren "Kitt“ bildet. Es geht um Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität, nicht nur um individuelle Gestaltungsfreiheit. Bildung ist ein unabgeschlossenes Demokratieprojekt.

Die Furche: Das ist in der gegenwärtigen Bildungsdebatte noch nicht angeklungen.

Ehalt: Die aktuellen Bildungsdiskurse gelten der Förderung der Besten. Es geht aber nicht nur "um die Besten“ und deren Ausbildung. Bildung sollte nicht als Selektionsprozess, bei dem "die Besten“ gefördert und "die Schlechten“ ausgeschieden, verstanden werden, sondern als Integrations- und Partizipationsprojekt.

Die Furche: Das hat in mehrfacher Hinsicht mit Chancen zu tun.

Ehalt: Die Hauptfrage ist jene nach der Bildung und Ausbildung der Mehrheit der jungen Menschen. Jugendliche mit Migrationshintergrund haben es besonders schwer, eine adäquate Bildung und einen qualifizierten Arbeitsplatz zu bekommen. Die Eltern, insbesondere alleinerziehende Mütter, können sie nur unzureichend unterstützen. Hier entsteht ein neues Ungleichheitsproblem.

Die Furche: Dem liegt ein sehr politischer Bildungsbegriff zugrunde.

Ehalt: Alles, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur haben eine starke politische Dimension. Menschen sollten wissen, wie deren Zusammenspiel funktioniert und eine eigenständige kritische Perspektive entwickeln. Dann sehen, was falsch läuft, wo die Verhältnisse ungerecht sind. Menschen haben die Neigung und die Fähigkeit, Ungerechtigkeit beseitigen zu wollen. Das ist sympathisch.

Die Furche: Bildung als Schutzimpfung gegen Verhetzung, gegen Faschismus?

Ehalt: Das ist sicher wesentlich. Die große Aufgabe von Bildung besteht darin, den Blick zu schärfen, einen differenzierten Blick zu entwickeln auf die Zusammenhänge und auf die konkreten Situationen. Je differenzierter dieser Blick ist, umso mehr werden Emotionen gedämpft, und eine ruhige und sachliche Auseinandersetzung wird möglich. Die differenzierte Darstellung von Problemen war und ist auch ein Hauptanliegen der Wiener Vorlesungen. Die Gesellschaft muss Bildungsinstitutionen schaffen, die diese Differenzierungsfähigkeit fördern.

Die Furche: Bei zunehmender Komplexität.

Ehalt: Die Welt ist in den letzten Dekaden in jeder Hinsicht komplexer geworden. Die Dynamisierung der europäischen Integration hat dazu ebenso beigetragen wie die Globalisierung der Wirtschaft. Politik und Wirtschaft sind unter dem Einfluss neoliberaler Entwicklungen besonders krisenanfällig. Die Wiener Vorlesungen sind eine Institution der Aufklärung, der Kritik und der Analyse, um den komplexen Situationen mit Erklärung und Verständnis zu begegnen. Seit 25 Jahren findet wöchentlich eine Veranstaltung, manchmal auch mehrere statt. Mit dieser Dichte und Kontinuität entstand eine "kritische Stadtuniversität“ - frei zugänglich und gratis. Die Bürgerinnen und Bürger wissen das zu schätzen und beteiligen sich mit in der Mehrzahl qualifizierten Beiträgen an den Diskussionen, die die Stadtkultur und das politische Klima prägen.

Die Furche: Einige, auch Sie, sehen die Aufklärung durch manche Zeitläufe gefährdet: Ökonomisierung, Verunsicherung ...

Ehalt: Es gibt in immer stärkerem Maß nur eine Interpretation für den richtigen und gerechten Lauf der Welt, nämlich die, dass der Markt Gerechtigkeit herstellt. Aber ein gelungenes Leben ist nicht nur in einer Gewinn- und Verlustrechnung messbar. Verantwortung, Gerechtigkeit und Solidarität übrigens auch nicht. Eine gute Gesellschaft muss gerecht sein. Die historische Aufklärung hat die tradierten Herrschaftszusammenhänge kritisiert und neue Gestaltungsmöglichkeiten aufgezeigt. Wir müssen uns von der eindimensionalen, nur marktbezogenen Sichtweise der Welt emanzipieren. Es geht jetzt darum, einen neuen Gesellschaftsvertrag zu entwickeln, in dem die alten Fragen der Aufklärung neu gestellt und das Postulat nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zeitadäquat formuliert wird.

Die Furche: Das gelänge leichter, wären nicht Gewissheiten abhandengekommen.

Ehalt: Mit der Postmoderne wurden Gewissheiten radikal infrage gestellt. Das hat zwei Aspekte: Eine Befreiung von Dogmen und Paradigmen, eine Öffnung des Denkens - das ist die positive Seite: Wissenschaft als Öffnungsinstanz. Gleichzeitig steht die Postmoderne auch für einen Relativismus, dem jede Orientierung für das, was richtig, wichtig und notwendig in der Welt ist, fehlt - "anything goes“. Da geht letztlich auch das Gefühl für Recht und Gerechtigkeit verloren.

Die Furche: Lösungen jeglicher Art erfordern hingen irgendwelche Sicherheiten.

Ehalt: Das stimmt. Aber gleichzeitig muss uns auch bewusst sein, dass die Zusammenhänge der Welt interdependent und systemisch sind. Für komplexe Probleme gibt es keine einfachen Lösungen, keinen Königsweg. Aber es gibt stets bessere Wege und die Möglichkeit, Fehler zu vermeiden.

Die Furche: Apropos Kritik- und Korrekturfähigkeit: Was ist von Schwarmintelligenz zu halten?

Ehalt: Es gibt naturwissenschaftliche Ansätze, um gesellschaftliche Phänomene zu erklären. Hinter dieser Haltung steckt oft ein Biologismus. Gesellschaftliche Phänomene werden als naturhaft gesehen. Tatsächlich wird Geschichte von Menschen gemacht. Es muss die Zielsetzung von Bildungs- und Demokratiepolitik sein, "Schwarmphänomene“ zurückzudrängen. Eine politisch Kultur ist umso besser, je mehr die einzelnen Menschen resistent sind gegenüber populistischen Thesen.

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