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Schaut auf ein gutes Leben der Kinder!

1945 1960 1980 2000 2020

Der "Kinderhirtenbrief 2000" des Bischofs von Eisenstadt

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Der "Kinderhirtenbrief 2000" des Bischofs von Eisenstadt

Thema: Nachdem Papst Johannes Paul II. im Dezember 1994 einen "Brief an die Kinder" geschrieben hat, greift nun der in Österreich für Fragen der Kinder- und Jugendpastoral zuständige Bischof Paul Iby dieses Anliegen auf. Er verfasste einen Kinderhirtenbrief, der am 24. Mai 2000 veröffentlicht wurde. die Furche dokumentiert den Text im vollen Wortlaut.

Liebe Mitbrüder, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter!

Schwestern und Brüder im Herrn!

Welchen Platz und welche Bedeutung haben die Kinder in der Kirche? Welchen Platz hat die Kirche im Leben der Kinder?

Im Matthäusevangelium lesen wir: "Da rief er (Jesus) ein Kind herbei, stellte es in ihre Mitte und sagte: Amen, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen." (Mt 18,2f) Mit diesem Wort fordert uns Jesus auf, unsere besondere Aufmerksamkeit auf die Kinder zu richten, sie in unsere Mitte zu stellen.

In diesem Hirtenwort soll dargelegt werden, wie die Pastoral an den Mädchen und Buben in unserer Kirche gesehen wird, und welche Schwerpunkte wir setzen wollen.

Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, an den Kindern einen Heils-Dienst zu leisten. Unsere pfarrlichen Angebote und pastoralen Bemühungen sind ein Dienst, der für Mädchen und Buben im wahrsten Sinne des Wortes "heilsam" sein soll. Dieses Wort "heilsam" beinhaltet alles, was Kindern "gut" tut, was ihnen hilft "groß und stark" zu werden, was sie stützt und fördert, was sie "glücklich" macht und was sie dazu anstiftet "gläubige Menschen" zu werden. Was immer wir in der Kinderpastoral oder in der Jungschararbeit mit den Mädchen und Buben unternehmen, ob es nun eine anregende Freizeitbetreuung ist, Gemeinschaftserfahrungen in den Gruppen, religiöse Unterweisung und Einübung oder ob es soziale Hilfsleistungen sind, all unser Bemühen zielt darauf ab, dass Mädchen und Buben in ihrer Persönlichkeit wachsen und ihr Leben, in der Kirche und in der Welt, gelingend gestalten können.

Konkret sei auf drei Aufgaben für die Kinderpastoral hingewiesen: * Die Sorge um gute Rahmenbedingungen für das Heranwachsen der Mädchen und Buben in der Familie.

* Die Sorge um Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten der Mädchen und Buben in der Kirche und in der Gesellschaft.

* Die Sorge um das individuelle, soziale und geistliche Wachstum der Mädchen und Buben.

1. Die Sorge um gute Rahmenbedingungen für das Heranwachsen der Mädchen und Buben in der Familie Kindheit ist heute nach wie vor "Familien-Kindheit", auch wenn sich die konkreten Formen des Zusammenlebens der Menschen verändern und Familien im einzelnen sehr unterschiedliche Gestalt aufweisen können. Aus der Sicht der Mädchen und Buben ist weniger die äußere Form, mehr jedoch die "innere Qualität" ihrer Familie von Bedeutung. Das meint in erster Linie die Art und Weise des Umgangs, den Mutter und Vater miteinander pflegen und zwar unabhängig davon, ob sie im Alltag zusammen oder getrennt leben.

Mädchen und Buben brauchen zur positiven Entwicklung ihrer eigenen Identität konstante und belastbare Beziehungen zu mehreren Erwachsenen, zu Männern genauso wie zu Frauen.

Kirchliche Kinderarbeit kann Müttern und Vätern in ihrer Erziehungsaufgabe hilfreich zur Seite stehen. Pfarrgemeinden können Erziehenden die Organisation von Austausch- und Selbsthilfegruppen ermöglichen, sie können unaufdringliche und praxisnahe Bildungs- oder Beratungsangebote einrichten oder flexible Kinderbetreuung zur Verfügung stellen.

Die in Pfarren übliche Jungschararbeit mit Kindern bietet den Mädchen und Buben vielfältige Erlebnisräume, wo sie tragfähige Beziehungen untereinander wie zu erwachsenen Frauen und Männern in der Gemeinde aufbauen und vertiefen können.

2. Die Sorge um Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten der Mädchen und Buben in der Kirche und in der Gesellschaft Ein Großteil der Mädchen und Buben werden in ihrer individuellen Leistungsfähigkeit stark gefördert. Gleichzeitig hört man oft die Klage, dass es den Heranwachsenden an sozialer Kompetenz mangle. Miteinander zu leben ist in einer Gesellschaft, die von Konkurrenz und Leistungsdruck geprägt ist, nicht einfach. Jungschargruppen sind neben Familie und Schule wichtige Orte sozialen Lernens. Miteinander spielen, miteinander erleben, miteinander etwas gestalten, aber auch das Streiten untereinander und das gemeinsame Bewältigen von Krisen sind wichtige Lebenserfahrungen, die Mädchen und Buben im Rahmen pfarrlicher Veranstaltungen und Aktionen machen können.

Unsere besondere Aufmerksamkeit gehört auch jenen Kindern, die leicht an den Rand gedrängt werden: Mädchen und Buben aus sozial schwachen Familien, behinderten Kindern oder Kindern von Migrant(innen). Heils-Dienst im unmittelbaren Sinn des Wortes bedeutet auch, dass unsere pastorale Arbeit dazu da ist, Integration zu ermöglichen und für soziale Gerechtigkeit einzutreten. Eine Aufgabe, die viel Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl verlangt, insbesondere dort, wo kulturelle oder religiöse Barrieren überwunden werden müssen.

3. Die Sorge um das je individuelle soziale und geistliche Wachstum der Mädchen und Buben.

In einer pluralistischen und multikulturellen Gesellschaft brauchen Erwachsene wie Kinder Hilfen zur Orientierung. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in der Kinderpastoral werden von den Mädchen und Buben oft als Vorbild genommen, an dem sich die Heranwachsenden orientieren, das sie aber auch kritisch hinterfragen wollen. Ein ehrliches und persönlich echtes Auftreten ist für uns deshalb besonders wichtig.

Persönliche Einstellungen und Werthaltungen lassen sich nicht einfach vermitteln. Es braucht dazu Zeit, Auseinandersetzung und Gelegenheiten der praktischen Erprobung im Alltag. Das gilt besonders für die Vermittlung christlicher Grundwerte wie zum Beispiel der Selbstachtung und Nächstenliebe, der Rücksichtnahme auf Kleinere und Schwächere, des Teilens, des solidarischen Miteinanders, des Widerstandes gegen Unrecht und Leid, und so weiter. Es ist sicher so, dass unsere Kirche dafür einen reichen Schatz an Praxismodellen zur Verfügung hat, die es Mädchen und Buben möglich machen, neue Formen des Miteinander-Lebens auszuprobieren und weiterzuentwickeln.

Ein Zeichen der Suche nach Orientierung ist auch das zunehmende Verlangen nach Religion, das allgemein in unserer Gesellschaft artikuliert wird. Ohne die Rede von Gott sind die christlichen Lebenswerte weder begründbar noch verstehbar. Mädchen und Buben von "unserem Gott" zu erzählen ist daher eine der wichtigsten Aufgaben der kirchlichen Kinderarbeit. Die Begegnung mit engagierten Christinnen und Christen - heute, wie aus der Geschichte - sind für den Prozess der religiösen Entwicklung Heranwachsender von zentraler Bedeutung. Gott wird den Mädchen und Buben nicht zuletzt durch die Begegnung mit den in der Pastoral tätigen Frauen und Männern, mit Priestern wie mit Laien, vermittelt.

Kinderpastoral ist auch eine Dienstleistung unserer Kirche an den Müttern und Vätern der Kinder. Noch bringt eine Mehrzahl von ihnen die Mädchen und Buben zur Taufe und wünscht eine Teilnahme an der Feier der Erstkommunion. Das gilt als Zeichen dafür, dass Eltern das Heranwachsen ihrer Kinder unter den besonderen Segen und Schutz Gottes gestellt wissen wollen, auch dann - oder vielleicht sogar gerade dann - wenn sie selbst der Kirche und der biblischen Botschaft distanziert oder zweifelnd gegenüberstehen. Es gehört zu unserem pastoralen Auftrag, diesen Vätern und Müttern verständnisvoll und wertschätzend gegenüberzutreten und an ihnen und ihren Kindern jenen biblischen Verkündigungsauftrag zu erfüllen, der Jesu Leben und Wirken entscheidend geprägt hat: "Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben!" (Joh.10,10) Es ist mir ein Bedürfnis bei dieser Gelegenheit allen Priestern und unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Kinderpastoral - sei es in der Jungschar- und Ministrantenarbeit oder im Religionsunterricht und der Sakramentenpastoral - aufrichtig zu danken. Zugleich aber darf ich euch auch ermutigen, euch weiterhin in den Dienst des Herrn und in die Begleitung der Kinder und jungen Menschen zu stellen. Dies möge euch Freude und Erfolg schenken.

Mit den besten Segenswünschen und Segensgrüßen Paul Iby, Bischof von Eisenstadt, Referent für Kinder- und Jugendpastoral in der Österreichischen Bischofskonferenz Eisenstadt, 2. Mai 2000

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