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Gesellschaft

Schon lange keine Befehlsempfänger mehr

1945 1960 1980 2000 2020

Für überdurchschnittliche Leistungen sollen Lehrer bezahlt werden. Weniger unterrichten sollen sie aber nicht mehr dürfen.

1945 1960 1980 2000 2020

Für überdurchschnittliche Leistungen sollen Lehrer bezahlt werden. Weniger unterrichten sollen sie aber nicht mehr dürfen.

Leid und Klage der Lehrer ist nicht nur ein österreichisches, sondern ein europäisches Phänomen. In Italien beispielsweise verhält es sich nicht anders, sondern gar schlimmer. Der eintägige Streik der AHS-Lehrer hat Österreich aufgeschreckt. In Italien wäre ein eintägiger Streik gar nichts. Im Land, wo die Lehrer im europäischen Vergleich am wenigsten verdienen (ein Drittel bis die Hälfte weniger als ihre österreichischen Kollegen), wird viel öfter gestreikt.

Der Vergleich zwischen den beiden Ländern ist interessant, nicht nur was den Lehrerverdienst betrifft. Auch hinsichtlich der seitens der Politik gesetzten Reformen gehen Österreich und Italien parallele Wege. Man spricht von den aktuellen Anforderungen an die Schule. Man betont die Notwendigkeit der Schlüsselqualifikationen. Man diskutiert die Reformen oft zu Tode und endet beim Schluss, dass die Möglichkeiten der Schule, die Kapazität der Lehrer und Schüler, erschöpft seien.

Das Bildungsministerium und die Lehrergewerkschaft haben vor kurzem eine Studie über die Lehrerbefindlichkeit vorgelegt, in dem die österreichische Schulwirklichkeit sowohl objektiv als auch subjektiv beleuchtet wurde. Die Lehrer - Hut ab - schneiden darin sehr gut ab. Sie arbeiten angeblich mehr als der österreichische Durchschnitt. Die Vor- und Nachbereitungen der Schularbeiten und Hausübungen machen's möglich. Sie machen zwei Drittel der Arbeit aus. Nur ein Drittel geht für die Lehre selbst drauf, so die Studie. Konkret: "Lehrer wenden zwischen 27 und 36 Prozent ihrer Arbeit für den Unterricht auf." Noch eine - vielleicht überraschende - Meldung: "Die vermeintlich so stressgeplagten Lehrer sind durchschnittlich eine der gesündesten Berufsguppen. Sie haben viel Zeit für Ausgleich, wie Spazieren und Sport."

Aber wie steht's mit der Motivation der Lehrer? Bislang war es so, dass "überdurchschnittliche" Leistungen (wie Ordinariate und Kustodiate) dadurch belohnt wurden, dass der Pädagoge weniger Stunden unterrichten musste. Also: Mehr Arbeit hier, weniger Arbeit da. Das war die Regel des Ausgleichs, zum Beispiel beim Klassenvorstand. Doch kommt jetzt die kopernikanische Wende im österreichischen Bildungswesen? Mehr Arbeit für Ordinariate soll im Sinne der Gehrer'schen Reform künftig bezahlt werden. Weniger unterrichten sollen die Pädagogen deswegen nicht mehr dürfen. Ein Aufschrei der mehrheitlich christdemokratischen Gewerkschaft war die Folge. Nimmt ihr die interessierte Öffentlichkeit aber die Argumentation ab, man erhebe sich vor allem deshalb, weil dadurch weniger Junglehrer eine Anstellung fänden? Oder wird sie glauben, dass hinter dem Warnstreik die Angst steht, mehr Stunden in der Klasse zu verbringen? Wer weiß ...

Was in der aktuellen Diskussion zu kurz kommt, ist die Frage, wie sich Lehrer (aber auch Schulleiter) an die global und europäisch geänderten Rahmenbedingungen anpassen können. Die Schule ist längst nicht mehr reiner Befehlsempfänger des Ministeriums, sondern kann selbsttätig inhaltliche, organisatorische und finanzielle Entscheidungen treffen, Prioritäten setzen. Die fortschrittlichen Schulen tun dies schon heute, auch wenn der budgetäre Rahmen oft nicht breiter, sondern enger wurde. Sie scheuen keine Evaluationen. Sie fordern und fördern jene Pädagogen, die die Lernenden differenzierend, je nach deren Talent, Begabung, Interesse und Neigung unterrichten. Das ist die wahre Anforderung, die sich den Lehrern von heute stellt: Nicht alle gleich unterrichten (wobei sich dann alles meistens nach dem untersten Durchschnitt richtet und die besten Leistungen unter den Tisch fallen), sondern flexibel.

Das sei unter den gegebenen Umständen unmöglich? Keineswegs, wie viele Pädagogen heute schon beweisen, die allerdings zwei Gaben besitzen, die vielleicht manchen anderen fehlen: Fantasie und Kreativität.

Der Autor Historiker und Schriftsteller, ist ehemaliger Referent von BM Erhard Busek und Mitbegründer der sozialliberalen "Initiative Christdemokratie" im Rahmen der ÖVP.

Zum Thema: Lehrerstreik Am Dienstag streikten die rund 20.000 AHS-Lehrer in Österreich, was immerhin 185.000 Schülern einen freien Schultag bescherte. Der Protest der Pädagogen richtete sich vor allem gegen die im Zuge des Budgetbegleitgesetzes verabschiedete Neuregelung bei der Bewertung von Klassenvorstands- und Kustodiatstätigkeiten. Die Lehrergewerkschaft fürchtet vor allem den Abbau von Junglehrern. Für "absolut überzogen" halten die Bildungssprecher der Regierungsparteien ÖVP und FPÖ den Streik der AHS-Lehrer. Angesichts internationaler Statistiken, die Österreichs Bildungssystem als eines der besten der Welt ausweisen würden, könne von keinem Kahlschlag im Bildungssystem gesprochen werden, wie die Opposition und die AHS-Lehrer-Gewerkschaft behaupten. WM

Leid und Klage der Lehrer ist nicht nur ein österreichisches, sondern ein europäisches Phänomen. In Italien beispielsweise verhält es sich nicht anders, sondern gar schlimmer. Der eintägige Streik der AHS-Lehrer hat Österreich aufgeschreckt. In Italien wäre ein eintägiger Streik gar nichts. Im Land, wo die Lehrer im europäischen Vergleich am wenigsten verdienen (ein Drittel bis die Hälfte weniger als ihre österreichischen Kollegen), wird viel öfter gestreikt.

Der Vergleich zwischen den beiden Ländern ist interessant, nicht nur was den Lehrerverdienst betrifft. Auch hinsichtlich der seitens der Politik gesetzten Reformen gehen Österreich und Italien parallele Wege. Man spricht von den aktuellen Anforderungen an die Schule. Man betont die Notwendigkeit der Schlüsselqualifikationen. Man diskutiert die Reformen oft zu Tode und endet beim Schluss, dass die Möglichkeiten der Schule, die Kapazität der Lehrer und Schüler, erschöpft seien.

Das Bildungsministerium und die Lehrergewerkschaft haben vor kurzem eine Studie über die Lehrerbefindlichkeit vorgelegt, in dem die österreichische Schulwirklichkeit sowohl objektiv als auch subjektiv beleuchtet wurde. Die Lehrer - Hut ab - schneiden darin sehr gut ab. Sie arbeiten angeblich mehr als der österreichische Durchschnitt. Die Vor- und Nachbereitungen der Schularbeiten und Hausübungen machen's möglich. Sie machen zwei Drittel der Arbeit aus. Nur ein Drittel geht für die Lehre selbst drauf, so die Studie. Konkret: "Lehrer wenden zwischen 27 und 36 Prozent ihrer Arbeit für den Unterricht auf." Noch eine - vielleicht überraschende - Meldung: "Die vermeintlich so stressgeplagten Lehrer sind durchschnittlich eine der gesündesten Berufsguppen. Sie haben viel Zeit für Ausgleich, wie Spazieren und Sport."

Aber wie steht's mit der Motivation der Lehrer? Bislang war es so, dass "überdurchschnittliche" Leistungen (wie Ordinariate und Kustodiate) dadurch belohnt wurden, dass der Pädagoge weniger Stunden unterrichten musste. Also: Mehr Arbeit hier, weniger Arbeit da. Das war die Regel des Ausgleichs, zum Beispiel beim Klassenvorstand. Doch kommt jetzt die kopernikanische Wende im österreichischen Bildungswesen? Mehr Arbeit für Ordinariate soll im Sinne der Gehrer'schen Reform künftig bezahlt werden. Weniger unterrichten sollen die Pädagogen deswegen nicht mehr dürfen. Ein Aufschrei der mehrheitlich christdemokratischen Gewerkschaft war die Folge. Nimmt ihr die interessierte Öffentlichkeit aber die Argumentation ab, man erhebe sich vor allem deshalb, weil dadurch weniger Junglehrer eine Anstellung fänden? Oder wird sie glauben, dass hinter dem Warnstreik die Angst steht, mehr Stunden in der Klasse zu verbringen? Wer weiß ...

Was in der aktuellen Diskussion zu kurz kommt, ist die Frage, wie sich Lehrer (aber auch Schulleiter) an die global und europäisch geänderten Rahmenbedingungen anpassen können. Die Schule ist längst nicht mehr reiner Befehlsempfänger des Ministeriums, sondern kann selbsttätig inhaltliche, organisatorische und finanzielle Entscheidungen treffen, Prioritäten setzen. Die fortschrittlichen Schulen tun dies schon heute, auch wenn der budgetäre Rahmen oft nicht breiter, sondern enger wurde. Sie scheuen keine Evaluationen. Sie fordern und fördern jene Pädagogen, die die Lernenden differenzierend, je nach deren Talent, Begabung, Interesse und Neigung unterrichten. Das ist die wahre Anforderung, die sich den Lehrern von heute stellt: Nicht alle gleich unterrichten (wobei sich dann alles meistens nach dem untersten Durchschnitt richtet und die besten Leistungen unter den Tisch fallen), sondern flexibel.

Das sei unter den gegebenen Umständen unmöglich? Keineswegs, wie viele Pädagogen heute schon beweisen, die allerdings zwei Gaben besitzen, die vielleicht manchen anderen fehlen: Fantasie und Kreativität.

Der Autor Historiker und Schriftsteller, ist ehemaliger Referent von BM Erhard Busek und Mitbegründer der sozialliberalen "Initiative Christdemokratie" im Rahmen der ÖVP.

Zum Thema: Lehrerstreik Am Dienstag streikten die rund 20.000 AHS-Lehrer in Österreich, was immerhin 185.000 Schülern einen freien Schultag bescherte. Der Protest der Pädagogen richtete sich vor allem gegen die im Zuge des Budgetbegleitgesetzes verabschiedete Neuregelung bei der Bewertung von Klassenvorstands- und Kustodiatstätigkeiten. Die Lehrergewerkschaft fürchtet vor allem den Abbau von Junglehrern. Für "absolut überzogen" halten die Bildungssprecher der Regierungsparteien ÖVP und FPÖ den Streik der AHS-Lehrer. Angesichts internationaler Statistiken, die Österreichs Bildungssystem als eines der besten der Welt ausweisen würden, könne von keinem Kahlschlag im Bildungssystem gesprochen werden, wie die Opposition und die AHS-Lehrer-Gewerkschaft behaupten. WM