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Zittern vor dem Herbst

FOKUS
lehrerin - © Illustration: Florian Zwickl

Schulangst: Lehren am Limit

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Der Schulbeginn naht. Für viele Lehrerkräfte, Schüler und Schülerinnen birgt die Rückkehr in den krisenbehafteten Schulalltag Sorgen. Doch das könnte geändert werden.

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Der Schulbeginn naht. Für viele Lehrerkräfte, Schüler und Schülerinnen birgt die Rückkehr in den krisenbehafteten Schulalltag Sorgen. Doch das könnte geändert werden.

Lisa Hellers* Handy vibriert. Sie tastet in der Dunkelheit nach dem Telefon und blinzelt in das grelle Licht des Bildschirms. Eine Schülerin schreibt über Microsoft Teams eine Chatnachricht. Sie klagt über Schlaflosigkeit und Angst. Die Ziffern der Uhr zeigen ein Uhr morgens. Es ist Mai, morgen früh findet wieder Unterricht statt. Lisa Heller kennt das schon. Immer wieder erreichen sie Nachrichten wie diese „zu jeder Tages- und Nachtzeit“. Sie setzt sich auf, um zu antworten.

Lisa Hellers* Handy vibriert. Sie tastet in der Dunkelheit nach dem Telefon und blinzelt in das grelle Licht des Bildschirms. Eine Schülerin schreibt über Microsoft Teams eine Chatnachricht. Sie klagt über Schlaflosigkeit und Angst. Die Ziffern der Uhr zeigen ein Uhr morgens. Es ist Mai, morgen früh findet wieder Unterricht statt. Lisa Heller kennt das schon. Immer wieder erreichen sie Nachrichten wie diese „zu jeder Tages- und Nachtzeit“. Sie setzt sich auf, um zu antworten.

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Lisa Heller ist Lehrerin. Seit acht Jahren unterrichtet sie Kinder und Jugendliche in Spanisch und Geschichte. Ein Job mit hohen Anforderungen – aber einer, der erfüllt. So zumindest hat ihn sich die 32-Jährige vorgestellt. Als in Österreich die ersten Corona-Verdachtsfälle bekannt werden, arbeitet Heller an einer niederösterreichischen BHS. Ein kleines Haus im Vergleich zu jenem in der Stadt, in dem Heller zuvor unterrichtete. Hier könne sie, so war sie nach ihrem Wechsel hoffnungsvoll, endlich nach jenen pädagogischen Werten arbeiten, wegen derer sie ursprünglich das Lehramtsstudium gewählt hatte: die Jugendlichen individuell begleiten, ein offenes Ohr für die 15- bis 19-Jährigen haben, ihnen bei Ängsten und Sorgen beiseite stehen und durch Wissensvermittlung Bildungsbiografien begünstigen.

Die pandemischen Maßnahmen machen einen Strich durch die Rechnung. Rund 200 Schüler(innen) aus Hellers BHS packen ihre Sachen. Nur für ein paar Wochen sei Home Schooling angesagt, heißt es zunächst. Doch die Pandemie soll so schnell nicht wieder verschwinden. Schichtbetrieb, Hybridunterricht und Fernunterricht wechseln einander ab. Hellers Traum einer persönlichen Atmosphäre zwischen den Jugendlichen und den Pädagog(inn)en scheint unerreichbarer denn je.

Eine Lehrerin für alles

Mit Einführung der Corona-Regelungen wird Hellers Arbeit zunehmend gesundheitsgefährdend – für Lehrkräfte und für Schüler(innen). Mehr als die Hälfte der 14- bis 20-Jährigen leiden seit der Pandemie an depressiven Symptomen, Schlaf- oder Angststörungen. 29 Prozent der Eltern geben im Jänner 2022 bei einer Umfrage des Sozialforschungsinstituts SORA im Auftrag der Arbeiterkammer an, dass ihre Kinder nicht mehr zur Schule gehen möchten. 43 Prozent der Eltern berichten von Prüfungsangst ihres Nachwuchses. Auch die Pädagogin Lisa Heller blickt mit Angst auf den Schulbeginn nach den Sommerferien. Diese Gefühle können krank machen. Dabei, so sind sich Expert(inn)en sicher, könnten sie in vielen Fällen vermieden werden – würde die Baustelle „Schule“ endlich auf Vordermann gebracht.

In Alexia Weiss‘ neuem Schul­modell gibt es keinen klassenübergreifenden Stundenplan; und Lehrkräfte geben keine Noten.

Mit den Änderungen im Schulalltag verschärfen sich die Anforderungen an die Pädagogin. Sie steht nun nicht nur, wie bisher in der Klasse, unterrichtet, bereitet Unterrichtseinheiten vor und nach, prüft und korrigiert und dient ihren Schüler(inne)n als Ansprechpartnerin – Aufgaben, die eine Vollzeitwoche ohnehin oft schon sprengen. Nun muss sie ihren Unterricht an den Online-Betrieb anpassen. Im Schichtbetrieb unterrichtet Heller dienstags und mittwochs die eine Hälfte der Jugendlichen im Klassenraum, mittwochs und freitags die andere. Für den Hybridunterricht muss die Lehrerin nun ihre Arbeit filmen. Morgens bringt sie ihren eigenen Laptop mit, weil die Schule nicht genügend Technik bereitstellt. Sie verkabelt die Geräte, loggt sich in der Videotelefonapplikation Microsoft Teams ein und begrüßt gleichzeitig jene Jugendlichen, die plaudernd im Raum eintrudeln, und die anderen, die verschlafen hinter den Bildschirmen winken. Heller überlegt sich Arbeitspakete für Schüler(innen), die nun nicht mehr zur Tafel kommen können. Manche Jugendliche haben zuhause keinen Rückzugsraum, andere keinen eigenen Computer. Die Lehrerin versucht den Überblick zu bewahren und alle im gleichen Ausmaß bedürfnisorientiert zu betreuen.

Heller scheint ambitioniert. Anders als sie haben sich viele Pädagog(inn)en in den vergangenen Jahren mit den neuen, digitalen Anforderungen derartig überfordert gefühlt, dass oft überhaupt kein Online-Unterricht stattgefunden habe, erzählt die Journalistin und Autorin Alexia Weiss, die gerade ein Buch über das österreichische Schulsystem geschrieben hat. Stattdessen haben Schüler(innen) Arbeitspakete erhalten, mit denen sie vor ihren Bildschirmen allein gelassen wurden. Dramatisch sei das vor allem für jene Kinder, die ohnehin keine Unterstützung aus dem Elternhaus bekommen. Die psychische Gesundheit der Kinder und Jugendlichen leide an dem Druck, der im Bildungssystem zwar nicht neu, nun aber umso intensiver ist. „Wenn ein Kind sich zuhause bemüht, versucht zu lernen, die Hausübungen aber nicht schafft, im Unterricht nicht mitkommt, Schularbeiten nicht schafft, zuhause geschimpft wird und auch in der Schule Ablehnung erfährt, dann kann ich mir vorstellen, dass das zu großer Angst führt. Dass man da nicht wieder hingehen und wieder versagen möchte“, so Weiss. Das sieht auch Thomas Bulant, Vorsitzender der sozialdemokratischen Wiener Pflichtschulgewerkschaft, so: „Man negiert den Entwicklungsstand der Schülerinnen und Schüler und versucht sie mit sehr viel Druck dahin zu bringen, dass sie den Vorstellungen des Schulsystems entsprechen. Das ist das größte Verbrechen, das wir unseren Kindern im Bildungssystem antun.“ Wie in so vielen anderen Bereichen auch, habe die Pandemie die Ungleichheiten im Schulalltag wie unter einem Brennglas vergrößert, sagt auch Weiss. Nun, da die Corona-Sonderregeln aufgehoben wurden, zeigt sich das in erhöhtem Nachhilfeandrang, in schlechten Noten und in Lebensrealitäten von Kindern, die bereits in der Volksschule ein Jahr wiederholen müssen.

Sorgen um den Herbst

Nach Unterrichtsschluss hat Lisa Heller früher das Schulgebäude verlassen. Zwar hat sie zuhause Aufgaben korrigiert und sich auf den nächsten Unterricht vorbereitet, doch haben Grenzen bestanden, die nun verschwunden sind. Zuhause kommuniziert Heller während des Schuljahres mit ihren Schüler(inne)n via Chat. „Sobald ich mich an meinen Computer setze, klicke ich Teams an. Ich habe das Gefühl, immer abrufbar zu sein, weil sich die Jugendlichen ja zu jeder Tages- und Nachtzeit melden“, sagt die Pädagogin. Die Anliegen, die an die Lehrerin herangetragen werden, sind vielfältig. Sie reichen von schulischen Problemen über persönliche Sorgen bis hin zu ernsthaften Ängsten und Depressionen, mit denen sich die Jugendlichen nach vielen Monaten der Pandemie konfrontiert sehen. Heller arbeitet nun von montags bis sonntags. Regelmäßig sieht sie Kolleg(inn)en, denen alles zu viel wird, die ausbrennen und völlig erschöpft ihren Job hinhauen. Auch Heller sorgt sich, wenn sie an den September denkt. Sie fürchtet, den Anforderungen im neuen Schuljahr nicht gerecht zu werden, nicht genug Aufmerksamkeit zu geben und nicht genügend emotionale Stütze für ihre krisengebeutelten Schüler(innen) zu sein. Sie sorgt sich um neue Corona-Maßnahmen, um Unterricht mit Maske „zurück in der Normalität“, wie es Bildungsminister Polaschek erst kürzlich betitelte, und um kurzfristige Änderungen, auf die sie sich nicht rechtzeitig vorbereiten könne – so wie es auch in den vergangenen Jahren der Fall war. „Die enorme Mehrbelastung wird nicht honoriert. Weder monetär noch sonst irgendwie. Es besteht keine Wertschätzung seitens des Ministeriums und es wird auch kein Resümee gezogen und geschaut, was eigentlich schief gelaufen ist. Die Situation wird unter den Teppich gekehrt, in der Hoffnung, dass sich einfach keiner beschwert“, sagt Heller.

Während einige Schüler(innen) unentwegt Lebenszeichen senden, melden sich andere bei der Lehrerin gar nicht mehr. Sie nehmen nicht mehr am Unterricht teil und schreiben keine Prüfungen mehr. Sie scheinen auf dem Bildschirm nicht mehr auf und antworten auch telefonisch nicht mehr. „Viele haben enorme Versagensängste und Scham entwickelt“, sagt Heller. „Die sind dann einfach aus dem Schulsystem gefallen – und wir Lehrerinnen waren am Ende unserer Kräfte und haben es nicht mehr geschafft, sie nochmals zurückzuholen.“

Viele Jugendliche haben enorme Versagensängste und Scham entwickelt. Sie sind einfach aus dem Schulsystem gefallen.

Für Weiss ist das nicht vertretbar. Kinder, von denen keine Rückmeldung kam, seien häufig schlichtweg als faul abgestempelt und mit schlechten Noten gestraft worden. „Dabei hätten die Lehrerinnen und Lehrer dazu verpflichtet werden müssen, jedes Kind zu erreichen“, sagt sie. Thomas Krebs, Vorsitzender der Personalvertretung der Christlichen Gewerkschaft sieht das anders: „Alles, was irgendwo gesellschaftlich nicht funktioniert, wird nun in die Schule gepackt.“ Dass Lehrer(innen) davon überfordert sind, sei durchaus verständlich. Was Krebs bemängelt, hat seinen Ursprung lange vor der Pandemie. „Wir sind von einer Reform in die nächste geschlittert. Seitens der Bildungspolitik muss einfach mal komplett die Bremse gezogen werden.“

„Dieses ewige Herumdoktern an der Schule“, seufzt Krebs. All die Reformen der vergangenen Jahre kosteten viel Energie und brachten wenig, so der Pädagoge. Der Status Quo werde vor Initiierung der Änderungen nicht sinnvoll erhoben, die Ziele nicht ausreichend definiert und die Belastbarkeit des Schulsystems nicht adäquat beachtet. Der Kritik schließt sich auch Thomas Bulant an: „Alle Reformen, die wir in den letzten Jahren gemacht haben, haben nur dazu gedient, das Schulsystem abzusichern. Es wurde nie die Frage gestellt, wie es sich wirklich verändern könnte. Schwierigkeiten sieht auch Alexia Weiss. „Unser Schulsystem funktioniert so nicht. Es wird niemandem gerecht“, sagt sie. Aber sie glaubt, den Schlüssel für ein neues Modell gefunden zu haben.

In Alexia Weiss‘ neuer Schule gibt es ein divers aufgestelltes Fachpersonal und Individualisierung wird groß geschrieben. Es gibt keinen klassenübergreifenden Stundenplan, sondern schülerzentrierte Förderung nach eigenen Stärken und Bedürfnissen. Lehrer(innen) begleiten Kinder und Jugendliche und geben Beurteilungsaufgaben an andere ab. Sie vermitteln Wissen und leisten Beziehungsarbeit. Sie haben Zeit, verschwindende Schüler(innen) einzufangen, haben ein offenes Ohr und bauen partnerschaftlich Vertrauen auf, ganz so wie Lisa Heller sich das eigentlich gewünscht hätte, was Bulant als „wichtigste Herausforderung“ und Krebs als „ureigenste Aufgabe“ betitelt. Tests wären kein Grund für Sanktionen mehr, sondern Ausgangspunkte zur Weiterentwicklung von Förderplänen. Rechtschreibschwächen und Mathematikprobleme würden schnell abgefangen, privater Nachhilfebedarf und ihre finanziellen Folgeprobleme für schlechter verdienende Familien vermieden und psychische Belastungen würden rasch behandelt. Eltern, da gibt sich Weiss sicher, müssten nicht mehr schimpfen, weil sie um die gute Versorgung ihrer Kinder wüssten und Kinder müssten keine Angst mehr davor haben, zur Schule zu gehen und für schlechte Leistungen gescholten zu werden.

In die Zukunft investieren

Und wer soll das bezahlen? „Natürlich müssten da finanzielle Mittel aus dem Gesundheitsministerium und den Krankenkassen hineinfließen, aber man würde dem Staat ja auch massive Folgekosten abnehmen.“ Weiss spricht von einer gut ausgebildeten jungen Generation, von verringerter Arbeitslosigkeit und einer Reduktion des Fachkräftemangels – alles Dinge, von denen der Staat letztlich profitiert. „Ich glaube, dass das zu einer ausgeglicheneren Gesellschaft führen würde, in der Individuen selbstbestimmt leben können und noch Zeit für wirklich gutes Familienleben besteht.“ Zu hoffen bliebe in dieser Utopie der idealen Schule, dass das veränderte Berufsbild auch das Interesse an diesem wieder ankurbeln würde und das Modell nicht am aktuell viel diskutierten Lehrkräftemangel scheitern würde.

Nun naht der Schulbeginn. Nach den Sommerferien, da ist sich Thomas Bulant sicher, werden die Batterien der Lehrer(innen) wieder voll aufgeladen sein. Irgendwo zwischen den Sorgen macht sich bei Lisa Heller auch die Vorfreude breit. „Jeder Schulbeginn ist auch eine schöne Aufregung“, sagt sie und erzählt von neuen Schüler(inne)n und ihren erwartungsvollen Gesichtern. Jeder Anfang bietet Raum für Neues.

*Name redaktionell geändert

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Kremayr & Scheriau, 2022, 159 S., geb., € 22,00

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