Panzer - © Foto: Getty Images / Bettmann
Gesellschaft

Schwäche zeigen? Nur Mut!

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Ob im Privaten oder im Politischen: Verwundbarkeit einzugestehen, ist keine Kleinigkeit. Warum es sich trotzdem lohnt. Und wie demonstratives Schwachsein stärken kann.

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Ob im Privaten oder im Politischen: Verwundbarkeit einzugestehen, ist keine Kleinigkeit. Warum es sich trotzdem lohnt. Und wie demonstratives Schwachsein stärken kann.

Die ohnmächtigsten Feinde sind die bösesten Feinde – davon war Friedrich Nietzsche fest überzeugt. Ein Blick in die wutverzerrten Gesichter von Menschen, die sich bei rechtspopulistischen Demonstrationen lautstark und hasserfüllt zu Wort melden, mag diese Überzeugung bestätigen. Viele Menschen fühlen sich heute sozial abgehängt, und einiges spricht dafür, dass dies zutrifft. Aber kann man daraus die Berechtigung ableiten, verbal und „notfalls“ auch darüber hinaus zur Gewalt zu greifen?

Nicht nur Merkel muss dann weg, sondern mit ihr Migrantinnen und Migranten, Homosexuelle und andere Minderheiten, wie überhaupt Andersdenkende und Andershandelnde. Solcher Hass, der aus der Ohnmacht wächst, weckt zu Recht Besorgnis. Hier zeigt sich ein häufiges Phänomen: Aus Verwundbarkeit wächst Vulneranz, Verletzungsbereitschaft, die zu den Waffen ruft. Dies funktioniert im Politischen ähnlich wie im Privaten. Man spürt die eigene Vulnerabilität und denkt, dass Angriff die beste Verteidigung sei. Man fühlt sich ohnmächtig und setzt darauf, dass Waffen unübersehbare Stärke verleihen. Zwar denkt man beim Wort „verwundbar“ wahrscheinlich zuerst daran, dass jemand zum Opfer von Gewalt zu werden droht. Mit Verwundbarkeit wird Schwäche, Ohnmacht, Wehrlosigkeit, Schutzbedürfnis assoziiert. Aber das ist nur die eine Seite. Wer verwundbar ist oder sich auch nur verwundbar fühlt, läuft Gefahr, zum Täter von Gewalt zu werden. Denn eine Strategie, sich vor Verwundung zu schützen und eine Schwäche zu überwinden, besteht darin, andere zu verwunden. Wer zuschlagen kann, demonstriert Stärke. So wächst aus Verwundbarkeit häufig Vulneranz.

Schwächen machen angreifbar

Das prekäre Verhältnis von Vulnerabilität und Vulneranz übt in politischen Auseinandersetzungen eine unerhörte Macht aus. Denn selbstverständlich haben Menschen Schwächen. Sie können nicht alles, unterliegen Irrtümern, machen Fehler, scheitern. Aber wo Vulneranz an der Tagesordnung ist, steht man nicht gern zu den eigenen Schwächen. Damit würde man offenbaren, wo man verwundbar ist, und müsste befürchten, dort leichter getroffen zu werden. Schwächen machen angreifbar. Das möchte man möglichst vermeiden. So kommt es dazu, dass man Fehler nicht zugibt, Irrtümer nicht korrigiert und Scheitern schönredet. Damit aber macht man alles nur noch schlimmer. Daher stellt sich die Frage, ob es wirklich immer ein Fehler ist, Schwäche zu zeigen.

Liebe, Zuneigung und Freundschaft sind ohne Verletzlichkeit nicht zu haben: Denn man baut Barrieren ab und öffnet sich.

„Eine Schwäche für jemanden haben“, das sagt man im Deutschen, wenn man eine besondere Zuneigung zu jemandem hat, wenn man befreundet ist oder jemanden sogar liebt. Liebe, Zuneigung und Freundschaft sind ohne Verletzlichkeit nicht zu haben. Denn man baut Barrieren ab, man öffnet sich und wird damit verletzlich. Dies gilt auch im Raum des Politischen. Freundschaft und Verständigung unter Völkern, die zuvor sogar verfeindet waren, braucht keine Abschottung, sondern Grenz- öffnung. Das hat Europa nach dem furchtbaren Zweiten Weltkrieg praktiziert. Dabei bergen Kommunikation und Austausch über Grenzen hinweg zweifellos Risiken. Aber hieraus können auch neue Stärken erwachsen. Im Konfliktfall ist es immer gut, einen befreundeten Staat an der Seite zu haben, der eine Schwäche für einen hat.

Dies könnte sich als größte Stärke erweisen. Natürlich möchte ein Staat stark sein, zupacken können, Sicherheit bieten, Anerkennung erfahren, Herausforderungen meistern. Aber das gelingt nicht immer, indem man auf bewährte Stärken setzt. Vermeintliche Stärken können sich in Schwächen verwandeln, und vermeintliche Schwächen können überraschende Stärken entwickeln. Nichts hat das eindrücklicher gezeigt als „Die Wende“ im Herbst 1989. Damals, vor dreißig Jahren, schienen Schwachheit und Stärke fein säuberlich auf zwei Seiten verteilt. Auf der einen Seite agierte die Macht eines großen Staatsapparats, der über ein feinmaschiges Spitzel- system verfügte, die Grenzen mit Waffengewalt dichthielt, Dissidenten mit Gefängnis und Folter bedrohte, gegen Friedensgebete und Demonstrationen seine Panzer auffahren ließ. Auf der anderen Seite war hingegen zunächst nur Ohnmacht auszumachen. Keine Waffen, keine Panzer, keine Soldaten, keine Stärke, keine Macht. Aber dann kam alles ganz anders.

Der Staat steigerte im Herbst zwar die Repressalien ins Unerträgliche. Menschen wurden verhört und verprügelt, „zugeführt”, das heißt verschleppt und schikaniert, ihre Menschenrechte wurden rücksichtslos gebrochen. Die Brutalität der Niederschlagung der Proteste am „Platz des himmlischen Friedens” in China nur wenige Monate zuvor war allen in lebhafter Erinnerung. Dennoch weckten die lautstarke Propaganda der 40-Jahre-DDR-Feier, die Repressalien im privaten Alltag und die demonstrative Gewalt des staatlichen Machtapparates wachsenden Widerstand. Bei den Montagsdemonstrationen im Herbst 1989 haben manchen nicht nur die Knie gezittert. Sie mussten ihre Angst überwinden, dass sie Schaden erleiden und vielleicht sogar mit dem Leben bezahlen müssten. Ohne Waffen und zitternd haben sie es geschafft, ein totalitäres System zu stürzen.

Der Staat aber hatte mit allem gerechnet, außer mit der Kraft von Kerzen, grünen Bändern und alten Bibelversen. Die DDR litt an ihrem wenig souveränen Umgang mit eigenen Schwächen. Sie wollte von ihnen nicht einmal etwas wissen. Die Schwächen der Anderen, der „Staatsfeinde“, wurden intensiv beleuchtet. Der kritische Blick auf eigene Schwächen war jedoch nicht erlaubt und wurde mit hohen Strafen sanktioniert. Die Herrschenden waren sich ihrer Macht zu sicher. So konnte die Übermacht des Staates durch die Macht der Ohnmächtigen entmachtet werden. Macht hat eine besondere Eigenschaft: Sie vagabundiert. Wer denkt, sie in Händen zu halten, ist selbst schon fest in ihrem Griff. Daher nutzt es häufig gar nichts, sondern bewirkt das Gegenteil, wenn man sich an eine Position der Stärke klammert. Eine vorhandene Schwäche zeigen zu können, sie nicht zu verstecken oder zu leugnen, zeugt von Souveränität. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte jüngst im Umgang mit ihren Zitteranfällen, wie das geht. Wer Vulnerabilität, Ohnmacht und Schwäche erfährt, muss nicht auf Vulneranz setzen, um Stärke zu gewinnen. Stärke kann vielmehr auf ganz andere, gewaltfreie Weise entstehen.

Der „Stachel im Fleisch“

Im Ringen um Gewaltfreiheit war im Herbst 1989 eine Bibelstelle besonders wichtig, die diese andere Macht aus der Ohnmacht thematisiert. Im 2. Korintherbrief erzählt der Apostel Paulus davon, dass er an einem „Stachel im Fleisch“ leide, einer Verwundung, die er als Schwäche empfand. Vielleicht hatte er eine Behinderung oder litt an epileptischen Anfällen, das ist heute unklar. Eines Tages bat er Gott inständig, ihn von diesem schmerzhaften Stachel zu befreien. Aber Gott antwortete: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Souverän mit Schwächen umgehen zu können, ist eine Stärke. Zu eigenen Schwächen zu stehen, erfordert sogar manches Mal Mut. Wer jedoch auf menschliche Schwächen mit persönlicher Häme und politischer Aggression reagiert, zeigt eine schwache Leistung.

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