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Gesellschaft

SCHWEIGSAMER DUCKMÄUSER

1945 1960 1980 2000 2020

"JOSEPH WALSERS MASCHINE": EIN REPRESSIVES SYSTEM, EIN "KLEINER MANN" UND SPRACHLICHE STOLPERSTEINE.

1945 1960 1980 2000 2020

"JOSEPH WALSERS MASCHINE": EIN REPRESSIVES SYSTEM, EIN "KLEINER MANN" UND SPRACHLICHE STOLPERSTEINE.

An ein Buch des jungen portugiesischen Autors Gonçalo M. Tavares, den der Nobelpreisträger José Saramago mit höchstem Lob bedacht hat, geht man mit einiger Erwartung heran. "Joseph Walsers Maschine" ist Tavares' zweiter Roman, der nach "Die Versehrten"(2012) nun in deutscher Übersetzung vorliegt. Die Originalausgabe erschien 2004; das "Jahrhundert", das - wie "die Stadt", einmal sogar als "Stadt der Blinden" - im Roman immer wieder als Subjekt adressiert wird, ist eindeutig das Zwanzigste mit seinen Kriegen und Faschismen. Wie davon gehandelt wird, gehört freilich ins 21. Jahrhundert, das ideologische Rechts-Links-Schemata für obsolet erklärt hat.

Im Roman gibt es Krieg, militärische Willkürherrschaft, Akte des Widerstands und deren brutale Verfolgung. Aber diese Konflikte erfahren auf Erzählebene keinerlei soziale Verankerung oder politische Dimension. Die Frage des cui bono der neuen Macht wird nicht gestellt und weder im Leben der Arbeiter noch in dem des Vorarbeiters Klober - andere Gesellschaftsschichten kommen nicht wirklich in den Blick - bringt der Systemwechsel sichtbare Änderungen. Freilich ist die Repression omnipräsent, aber sie bleibt ohne erkennbare Ausrichtung.

Symbolfigur des kleinen Mannes

Joseph Walser arbeitet im Industriekonsortium Leo Vasts, das zwar benannt, aber nicht thematisiert wird. Im ersten der drei Teile des Buches ist Walser noch das, was der Titel ankündigt: ein qualifizierter Arbeiter an "seiner" Maschine, mit der ihn eine beinahe erotische Beziehung verbindet. Das ist vielleicht das konkreteste Bild des Romans:

Die Zurichtung Walsers zum schweigsamen Duckmäuser erfolgt im Arbeitsprozess. Die Komplexität der Maschine verlangt ihm höchste Konzentration ab, einige Vorgänger sind daran gescheitert und zu Tode gekommen. Eines Tages passiert auch Walser eine kleine Unaufmerksamkeit, die ihm zwar nicht das Leben, aber doch den Zeigefinger kostet. Das verändert sein Leben wesentlich radikaler als die mittlerweile ausgebrochenen Kriegshandlungen. Er wird nach seiner Genesung zwar weiter beschäftigt, allerdings im Büro, also ohne Gefahrenzulage. Vor allem aber beschwert ihn der Autor in seiner Eigenschaft als Professor der Philosophie, Schwerpunkt Erkenntnistheorie, mit einer Fülle an mehr oder minder tiefschürfenden Theorien zum Thema Absenz/Präsenz eines Körperglieds, die die parabelhaft bescheiden angelegte Figur schwer zu tragen vermag.

Walser ist die Symbolfigur des kleinen Mannes, der lernen musste, ein "diszipliniertes Leben" zu führen und sich zu bescheiden. Er geht in seiner Arbeit auf und beschäftigt sich in seiner Freizeit mit einem so harm- wie sinnlosen Hobby: ein penibel verwaltetes Archiv kleiner Metallfundstücke im maximalen Ausmaß von 10 x 10 x 10 cm. Dass seine Frau mit seinem Vorarbeiter Klober ein Verhältnis hat, könnte ebenso gut eine Folge seiner Schrulligkeit wie deren Ursache sein. Sein einziger privater Außenkontakt ist das Würfelspiel mit Arbeitskollegen, dem er einmal pro Woche "frönt".

Dass diese Formulierung wiederholt vorkommt, mag der Übersetzung geschuldet sein, die vielleicht auch dazu beiträgt, dass Walsers Gedankengänge über Gott und die Welt mitunter leicht "verrutscht" wirken. Wenn ihm "klar" wird, "dass jede Existenz aus einer Abfolge von auf Dinge und Mitmenschen gerichteten Verhaltensformen bestand, und dass diese Verhaltensformen, dieses Handeln - so barbarisch es auch wäre - objektiv betrachtet nichts weiter als eine Summe muskulär exakt definierter, in einem Anatomieatlas leicht zu findender Bewegungen war" -, dann wird nicht klar, was der Autor hier mitteilen möchte. Dass Walser den Begriff "objektiv" mit einem willkürlich gewählten Detailaspekt verwechselt ? Oder liest sich der Satz im Original anders? Noch um einiges diffuser geraten die ausufernden Monologe Klobers, der kraft seiner Autorität Walser unentwegt beschwatzt und dabei abstruse Hassphilosophien entwickelt. Zwar wird daraus nie ein Gespräch der beiden, sie scheinen in ihren Positionen nicht ganz einig, aber auch nicht allzu weit von einander entfernt.

Als Klober vor dem Besuch des nächsten Würfelabends warnt, gehorcht Walser, was ihm das Leben rettet. Fluzst, der Hausherr der Runde, ist am Widerstand gegen die Usurpatoren beteiligt und wird an diesem Abend verhaftet. "Das Chaos war eingedrungen in die wenigen Stunden, die die Männer gegen die Außenwelt ihres Jahrhunderts verteidigt hatten", lautet der Kommentar der Erzählstimme. Nach Fluzsts Hinrichtung zögert Walser nicht, dessen Witwe zur Geliebten zu nehmen; sie ist eine dicke und deshalb laut Klober besonders willige Dame.

Sprachbilder: poetisch oder missglückt?

Was mit derartigen Mitteilungen in einem Roman aus dem Jahr 2004 ausgesagt werden soll, lässt einen ebenso ratlos zurück wie die Tatsache, dass man von keinem der wenigen Akteure des Buches eigentlich erfährt, weshalb er für oder gegen die neuen Machthaber ist. Was die literarische Qualität betrifft, ist der zentrale Punkt, ob man die schwebenden Formulierungen und Sprachbilder als poetisch interpretiert oder einfach als missglückt. Manchmal scheint es eine Mischung aus beidem zu sein. Etwa wenn es über das städtische Ritual des Sonntagsspaziergangs heißt: "Der Park gebietet den Schuhen Einhalt, doch vier Kinder werden unzählbar auf dem Rasen, weil sie nicht stillhalten und schwer zu greifen sind." Oder über das sonnabendliche Treiben in einer Soldatenkneipe: "Der allgemeine Sinn der Welt passt nicht auf einen Tisch, deshalb bestellen die beiden Soldaten noch mehr Bier, und ihre angetrunkenen Begleiterinnen lächeln unentwegt, mit voller Blase und prallen Brüsten"; dass darunter eine "ungebildete Frau" ist, "deren unflätige Ellbogen auf dem Tisch ruhen", gehört zu den vielen sprachlichen Stolpersteinen.

Joseph Walsers Maschine

Roman von Gonçalo M. Tavares Deutsch v. Marianne Gareis.

DVA 2014 176 S., geb., € 20,60

An ein Buch des jungen portugiesischen Autors Gonçalo M. Tavares, den der Nobelpreisträger José Saramago mit höchstem Lob bedacht hat, geht man mit einiger Erwartung heran. "Joseph Walsers Maschine" ist Tavares' zweiter Roman, der nach "Die Versehrten"(2012) nun in deutscher Übersetzung vorliegt. Die Originalausgabe erschien 2004; das "Jahrhundert", das - wie "die Stadt", einmal sogar als "Stadt der Blinden" - im Roman immer wieder als Subjekt adressiert wird, ist eindeutig das Zwanzigste mit seinen Kriegen und Faschismen. Wie davon gehandelt wird, gehört freilich ins 21. Jahrhundert, das ideologische Rechts-Links-Schemata für obsolet erklärt hat.

Im Roman gibt es Krieg, militärische Willkürherrschaft, Akte des Widerstands und deren brutale Verfolgung. Aber diese Konflikte erfahren auf Erzählebene keinerlei soziale Verankerung oder politische Dimension. Die Frage des cui bono der neuen Macht wird nicht gestellt und weder im Leben der Arbeiter noch in dem des Vorarbeiters Klober - andere Gesellschaftsschichten kommen nicht wirklich in den Blick - bringt der Systemwechsel sichtbare Änderungen. Freilich ist die Repression omnipräsent, aber sie bleibt ohne erkennbare Ausrichtung.

Symbolfigur des kleinen Mannes

Joseph Walser arbeitet im Industriekonsortium Leo Vasts, das zwar benannt, aber nicht thematisiert wird. Im ersten der drei Teile des Buches ist Walser noch das, was der Titel ankündigt: ein qualifizierter Arbeiter an "seiner" Maschine, mit der ihn eine beinahe erotische Beziehung verbindet. Das ist vielleicht das konkreteste Bild des Romans:

Die Zurichtung Walsers zum schweigsamen Duckmäuser erfolgt im Arbeitsprozess. Die Komplexität der Maschine verlangt ihm höchste Konzentration ab, einige Vorgänger sind daran gescheitert und zu Tode gekommen. Eines Tages passiert auch Walser eine kleine Unaufmerksamkeit, die ihm zwar nicht das Leben, aber doch den Zeigefinger kostet. Das verändert sein Leben wesentlich radikaler als die mittlerweile ausgebrochenen Kriegshandlungen. Er wird nach seiner Genesung zwar weiter beschäftigt, allerdings im Büro, also ohne Gefahrenzulage. Vor allem aber beschwert ihn der Autor in seiner Eigenschaft als Professor der Philosophie, Schwerpunkt Erkenntnistheorie, mit einer Fülle an mehr oder minder tiefschürfenden Theorien zum Thema Absenz/Präsenz eines Körperglieds, die die parabelhaft bescheiden angelegte Figur schwer zu tragen vermag.

Walser ist die Symbolfigur des kleinen Mannes, der lernen musste, ein "diszipliniertes Leben" zu führen und sich zu bescheiden. Er geht in seiner Arbeit auf und beschäftigt sich in seiner Freizeit mit einem so harm- wie sinnlosen Hobby: ein penibel verwaltetes Archiv kleiner Metallfundstücke im maximalen Ausmaß von 10 x 10 x 10 cm. Dass seine Frau mit seinem Vorarbeiter Klober ein Verhältnis hat, könnte ebenso gut eine Folge seiner Schrulligkeit wie deren Ursache sein. Sein einziger privater Außenkontakt ist das Würfelspiel mit Arbeitskollegen, dem er einmal pro Woche "frönt".

Dass diese Formulierung wiederholt vorkommt, mag der Übersetzung geschuldet sein, die vielleicht auch dazu beiträgt, dass Walsers Gedankengänge über Gott und die Welt mitunter leicht "verrutscht" wirken. Wenn ihm "klar" wird, "dass jede Existenz aus einer Abfolge von auf Dinge und Mitmenschen gerichteten Verhaltensformen bestand, und dass diese Verhaltensformen, dieses Handeln - so barbarisch es auch wäre - objektiv betrachtet nichts weiter als eine Summe muskulär exakt definierter, in einem Anatomieatlas leicht zu findender Bewegungen war" -, dann wird nicht klar, was der Autor hier mitteilen möchte. Dass Walser den Begriff "objektiv" mit einem willkürlich gewählten Detailaspekt verwechselt ? Oder liest sich der Satz im Original anders? Noch um einiges diffuser geraten die ausufernden Monologe Klobers, der kraft seiner Autorität Walser unentwegt beschwatzt und dabei abstruse Hassphilosophien entwickelt. Zwar wird daraus nie ein Gespräch der beiden, sie scheinen in ihren Positionen nicht ganz einig, aber auch nicht allzu weit von einander entfernt.

Als Klober vor dem Besuch des nächsten Würfelabends warnt, gehorcht Walser, was ihm das Leben rettet. Fluzst, der Hausherr der Runde, ist am Widerstand gegen die Usurpatoren beteiligt und wird an diesem Abend verhaftet. "Das Chaos war eingedrungen in die wenigen Stunden, die die Männer gegen die Außenwelt ihres Jahrhunderts verteidigt hatten", lautet der Kommentar der Erzählstimme. Nach Fluzsts Hinrichtung zögert Walser nicht, dessen Witwe zur Geliebten zu nehmen; sie ist eine dicke und deshalb laut Klober besonders willige Dame.

Sprachbilder: poetisch oder missglückt?

Was mit derartigen Mitteilungen in einem Roman aus dem Jahr 2004 ausgesagt werden soll, lässt einen ebenso ratlos zurück wie die Tatsache, dass man von keinem der wenigen Akteure des Buches eigentlich erfährt, weshalb er für oder gegen die neuen Machthaber ist. Was die literarische Qualität betrifft, ist der zentrale Punkt, ob man die schwebenden Formulierungen und Sprachbilder als poetisch interpretiert oder einfach als missglückt. Manchmal scheint es eine Mischung aus beidem zu sein. Etwa wenn es über das städtische Ritual des Sonntagsspaziergangs heißt: "Der Park gebietet den Schuhen Einhalt, doch vier Kinder werden unzählbar auf dem Rasen, weil sie nicht stillhalten und schwer zu greifen sind." Oder über das sonnabendliche Treiben in einer Soldatenkneipe: "Der allgemeine Sinn der Welt passt nicht auf einen Tisch, deshalb bestellen die beiden Soldaten noch mehr Bier, und ihre angetrunkenen Begleiterinnen lächeln unentwegt, mit voller Blase und prallen Brüsten"; dass darunter eine "ungebildete Frau" ist, "deren unflätige Ellbogen auf dem Tisch ruhen", gehört zu den vielen sprachlichen Stolpersteinen.

Joseph Walsers Maschine

Roman von Gonçalo M. Tavares Deutsch v. Marianne Gareis.

DVA 2014 176 S., geb., € 20,60