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Sexualität ist immer noch ein Tabuthema

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Das Österreichische Institut für Familienforschung präsentiert ein neues Modell der präventiven Sexualerziehung: "LoveTalks"

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Das Österreichische Institut für Familienforschung präsentiert ein neues Modell der präventiven Sexualerziehung: "LoveTalks"

Die sexuelle Befreiung hat bekanntlich im Zuge der 68er-Revolution stattgefunden. Es wurde die Enttabuisierung der Sexualität gefordert und in der Massenkommunikation durchgesetzt. Nackte Menschen auf Titelblättern sind heute selbstverständlich. An jedem Zeitungsstand finden sich "Informationen" über Sexualität. Es gibt Zeitgeistmagazine mit Tips, wie man in die Jahre gekommene Beziehungen durch "guten Sex" wieder auf Vordermann bringen kann. In TV-Shows vergießen hübsche Talkmasterinnen Tränen angesichts von Themen wie sexuelle Gewalt oder AIDS. Wie schaut es jedoch im Lebensalltag der Menschen aus? Wie geht es Jugendlichen und deren Eltern bei diesem heiklen Thema?

In Österreich gab es Mitte der achtziger Jahre bei der Einführung des Sexualerziehungskoffers für Schulen große Debatten und Kontroversen. Viele Lehrer und Eltern protestierten damals heftig. Lehrer stehen nach wie vor vor der ungelösten Frage, wie sie das Thema Sexualität in den Unterricht einbauen sollen, ohne dafür von manchen erbosten Eltern in den Sprechstunden zur Rechenschaft gezogen zu werden. Es gibt jedoch auch Eltern, die über die Schwierigkeiten einer geeigneten Form und Sprache wenn es um das Thema Sexualität geht, klagen.

Gespräche "darüber" sind im konkreten Lebensalltag offensichtlich nach wie vor eine große und auch oft unbewältigte Herausforderung. Der praktizierte Umgang mit Sexualität in diversen TV-Shows trägt wenig Brauchbares bei. Art und Weise der Diskussion liefert wenig nützliche Hilfestellung bei der Überwindung der persönlichen Sprachlosigkeit. Sexualität ist zwar scheinbar in aller Munde, niemand scheint aber in der Lage zu sein, die richtigen Worte zu finden.

Psychologen sehen in einer fachlich fundierten Prävention den Ausweg aus der derzeitigen Lage. Eine Prävention mit der Möglichkeit, bestehende Sprachlosigkeiten zu überwinden und auf dem sensiblen Gebiet der Erziehung die Möglichkeit zu erhalten, miteinander ins Gespräch zu kommen. Im Vordergrund sollte dabei der Aspekt einer gelungenen Beziehungs- und Kommunikationsfähigkeit stehen.

Das vom Österreichischen Institut für Familienforschung (ÖIF) erarbeitete Projekt der "LoveTalks" versucht, das "Miteinander ins Gespräch kommen" in die Praxis umzusetzen. Diese neue Form der Sexualerziehung wurde vom ÖIF in den letzten 15 Jahren entwickelt. Begonnen hat die Geschichte von "LoveTalks" 1985 mit einem Forschungsprojekt, das damit begann, die damals aktuelle Situation der schulischen und familiären Sexualerziehung aufzuzeigen sowie auf diesem Gebiet alternative Modelle zu entwickeln. Für das spätere Modell "Arbeitskreis: Eltern, Schüler, Lehrer - Partner in der Sexualerziehung" (heute "LoveTalks") waren folgende Ergebnisse der Vorstudie von Bedeutung: * Sexualerziehung wird, wenn überhaupt, nur in den Fächern Biologie (wissensorientiert) und Religion (wertorientiert) durchgeführt.

* Dem Prinzip des fächerübergreifenden Unterrichts wird nicht Rechnung getragen.

* Das Thema "Sexualerziehung" wird in Lehrerkonferenzen kaum thematisiert.

* Eine Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrern, zum Beispiel in Form von Elternabenden, ist nicht gegeben.

* Auf die Frage, wie sich Eltern und Lehrer die Zusammenarbeit bezüglich Sexualerziehung vorstellen können, antwortet mehr als die Hälfte beider Gruppen: in Arbeitskreisen.

Alle diese geäußerten Bedürfnisse und Wünsche von Eltern, Schülern und Lehrern dienten als Basis für die Entwicklung von "LoveTalks". Das Modell wurde vorerst in einem Pilotprojekt an sechs Schulen in Österreich erprobt. Positive Rückmeldungen sowie eine begleitende Evaluierung durch das Institut für Angewandte und Klinische Psychologie der Universität Wien bestätigten die Funktionalität des Modells. Im Rahmen eines Implementierunsprojektes entstanden vorerst fünf Netzwerkknoten. Heute sind acht Netzwerkknoten für neun Bundesländer tätig, die dezentral für organisatorische Tätigkeiten und inhaltliche Betreuung der Moderatoren im jeweiligen Bundesland zuständig sind.

Aids & Verhütung Wie funktioniert "LoveTalks"?

Nach ersten Kontaktgesprächen erfolgt die Präsentation eines Modells durch eine Moderatorin bei einer Lehrerkonferenz, an einem Elternabend und in einem Schülergespräch sowie die Einladung zu den fünf Arbeitskreistreffen. Schüler und Schülerinnen können entwicklungsbedingt erst ab 15 Jahren an den Arbeitstreffen teilnehmen.

Dann einigen sich Eltern, Schüler und Lehrer, daß ein solches Modell überhaupt durchgeführt wird. Wenn sich Interessierte finden, beginnen die sogenannten Arbeitskreistreffen. Bei den ersten drei Treffen kommen Eltern, Oberstufenschüler und Lehrer zu unterschiedlichen Themen miteinander ins Gespräch und lernen die unterschiedlichen Standpunkte kennen. Die Teilnehmer sprechen über bestimmte, selbstgewählte Themen der Sexualität wie zum Beispiel: "Beziehungsformen", "AIDS", "Liebe und Partnerschaft", "Verhütung", oder "Grenzen setzen".

"LoveTalks" in Afrika Bei zwei weiteren Treffen planen und realisieren die Teilnehmer ein gemeinsames Sexualerziehungsprojekt. Das gemeinsam erarbeitete Projekt wird im Anschluß an die Arbeitskreistreffen mit allen Schülern einer oder mehrerer Projektklassen durchgeführt. Externe Moderatorinnen oder Moderatoren unterstützen die Zusammenarbeit durch richtige Methodik und ihr Fachwissen.

Die Projekte können sehr unterschiedlich sein, sie werden bedürfnisorientiert vom jeweiligen Arbeitskreis entwickelt. Sie können neben Workshops zu verschiedenen Themen auch Lehrausgänge zum Frauenarzt, auf eine Geburtenstation, in eine Familienberatungsstelle, oder eine Diskussionen über Homosexualität oder AIDS enthalten.

Moderatoren und Moderatorinnen werden durch das Österreichische Institut für Familienforschung in ganz Österreich ausgebildet. Sie kommen aus verschiedenen psychosozialen und medizinischen Berufen und weisen daher recht unterschiedliche Erfahrungen auf. Neben einem fundierten Basiswissen erhalten sie im Rahmen ihrer Ausbildung die Möglichkeit der Praxisarbeit in der Moderation an einer Schule sowie das entsprechende Fachwissen auf den Gebieten Sexualität und Sexualpädagogik.

Das Österreichische Institut für Familienforschung führt derzeit den 7. Ausbildungslehrgang durch, nach dessen Absolvierung die (mittlerweile rund 150) Moderatoren mittels Zertifikat zur Führung von Arbeitskreisen befähigt sind.

"LoveTalks" ist heute österreichweit implementiert und auf alle Schultypen ausgeweitet. Zur Zeit wird das Modell in Österreich auf den sonderpädagogischen Bereich ("Special LoveTalks") sowie auf den Kindergartenbereich ausgeweitet. Ausbildungslehrgänge zum Moderator gibt es außerdem in Deutschland, Italien und in der Tschechischen Republik auf Basis bilateraler Projekte. Derzeit läuft auch eine Vorstudie zur Machbarkeit des Modells "Love Talks" in afrikanischen Ländern im Sinne der "Reproductive Health".

Im Rahmen der Arbeitskreise stellen Eltern oft erleichtert fest, daß sich (erstmals) für sie die Gelegenheit ergibt, sich gemeinsam mit anderen Eltern auszutauschen und so zu einer neuen Möglichkeit zu finden, mit den eigenen Kindern wieder ins Gespräch zu kommen. Ihre Kinder haben meist bis zum Beginn der Pubertät über alles mit ihnen gesprochen. Sie haben das - speziell beim Thema Sexualität - häufig eingestellt. Wenn Eltern erfahren, daß sie mit diesem Problem nicht alleine dastehen, so kann das bereits ein erster Schritt zur Entkrampfung der Situation sein.

Pseudo-Offenheit Auch für viele Schüler und Schülerinnen in den Klassen und im Freundeskreis ist der Gruppendruck was das Thema Sexualität betrifft, meist sehr hoch. Es herrscht eine "Quasi-Offenheit". Viele Schüler oder Schülerinnen plagen sich mit dem Gefühl, scheinbar die einzigen zu sein, die noch keine bestimmten sexuellen Erfahrungen gemacht haben. Es bleiben ihnen in diesem Fall meist nur diverse Jugendzeitschriften als Informationsquelle. Die Ergebnisse einer solchen Aufklärung sind mehr als fraglich.

Noch eine weitere Zielgruppe profitiert: Lehrer und Lehrerinnen werden ja meist als Experten auf sämtlichen Wissensgebieten angesehen. In der Schule bekommen sie immer mehr und immer größere Erziehungsaufgaben übertragen. Oft fühlen sie sich mit all diesen Anforderungen alleingelassen. Auf den Bereich der Sexualpädagogik trifft das in hohem Maße zu, da ihre Ausbildung hier nicht ausreichend ist. Die gemeinsame Arbeit in einem Projekt wie "LoveTalks" verbessert - nach Aussagen einer Teilnehmerin - nicht nur das Verhältnis zu Eltern und Schülern, es wirkt sich auch positiv auf den Kontakt zu Lehrer - Kollegen und im privaten Kreis aus. Anfangs nahmen in Österreich Lehrer in ihrer Freizeit an den Treffen teil. Seit einem Jahr können sie dies nun auch in der Form der schulinternen Lehrerfortbildung tun.

Die von Universitätsprofessor Kurt Loewit von der Klinik für medizinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Innsbruck geäußerte Ansicht wird im Hinblick auf den Einsatz dieses Modells der präventiven Sexualerziehung dann hoffentlich nicht mehr zutreffend sein, da er meint: "Auf keinem anderen lebenswichtigen Gebiet bleiben Elternhaus und Schule dem Heranwachsenden so viel schuldig, überlassen ihn so sehr sich selbst und dem unkontrollierten Einfluß zum Teil gefährlicher Miterzieher, lassen ihn so schlecht vorbereitet ins Leben stolpern wie auf dem der Sexualität."

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