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"Sie leben in einer guten Zeit"

Forum Sacré Cœur: WIFO-Chef Karl Aiginger über die Chancen und Herausforderungen der jungen Generation.

Herr Professor Aiginger, Österreich ist ein sehr reiches Land, eines der reichsten in der EU. Wieso gibt es dann immer noch so viele Leute, die in Armut leben? Wie kann man diese Armut beseitigen bzw. kann man das überhaupt? Oder müssen wir lernen, damit zu leben?

Karl Aiginger: Darauf gibt es viele Antworten. Die wichtigste ist, glaube ich, dass die Unterschiede zwischen den Erfolgreichen und den weniger Erfolgreichen größer geworden sind. Wenn man die Armutsstatistiken nach Ursachen analysiert, sind es in sehr hohem Maße die Unqualifizierten oder alleinstehende Frauen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben, und es sind Personen, bei denen es einen Knick in der Karriere gegeben hat - die arbeitslos geworden sind und dann nicht zurückgefunden haben. Armut lässt sich relativ leicht auf diese Faktoren zurückführen. Generell aber sind die Armen von heute weniger arm als die Armen von früher.

Wie müsste Ihrer Meinung nach die Ausbildung der Jugendlichen verbessert werden, um im internationalen Kontext mithalten zu können?

Aiginger: Da muss ich bei der Vorschule beginnen: Die höchsten Erträge im Bildungssystem sind im vorschulischen Alter gegeben. Es müsste schon mit sechs Jahren eine stärkere Ähnlichkeit der Qualifikationen vorliegen. Ich werde kritisiert dafür, wenn ich das sage, aber wenn man weiß, aus welcher Region in Österreich jemand kommt, was der Beruf der Eltern war und was das Geschlecht ist, so kann man immer noch bei 80 Prozent die Einkommensklasse vorhersagen. Die Auslese durch Elternhaus, Region und Geschlecht ist also sehr groß. Die wichtigste Maßnahme wäre, die Selektivität der Schule zu reduzieren. Weitere Punkte sind: mehr Autonomie und Verantwortung für die Schulen, externe Bewertung und ein zahlenmäßig besseres Lehrer/Schüler-Verhältnis. Dies sind alles Merkmale des finnischen Systems. Die Schule hat fast eine unternehmerische Funktion, jede Schule hat ein Leitbild, durch die Wahl der besten Professorinnen und Professoren kann die Schule brillieren. Dann können wir auch über die Lehrinhalte sprechen: Koordinations- und Dispositionsfähigkeiten müssten besser gefördert werden, weniger Auswendiglernen und bloßer Wissenserwerb. Die Schüler müssen lernen, sich auf veränderte Situationen (z. B. Ort, Kultur) einzustellen und mehr zu kooperieren als früher. Konfliktlösungskompetenzen sollten auch besser vermittelt werden.

Mit welchen Veränderungen in einer auf Globalisierung, Fortschritt und Innovation ausgerichteten Welt werden möglicherweise unsere eigenen Kinder zu rechnen haben? Sind die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen in Österreich in ein bis zwei Generationen überhaupt abschätzbar?

Aiginger: Nein, was sich in den letzten zehn Jahren verändert hat, haben wir nur in kleinen Dosen vorausgesehen. 20, 25 Jahre technologisch vorauszusehen ist für mich unmöglich. Wir sehen ein paar Trends: Die Welt wird noch internationaler, das Klimaproblem noch drückender werden. Die Frage, wie man Bio- und Gen-Technologie einsetzt, wird eine ganz drängende sein. Sie wird wahrscheinlich eingesetzt werden, hoffentlich zum Guten: dort, wo sie hilft, wie zum Beispiel im Medizinbereich. Aber das sind Fragen, die gehören Ihnen, die müssen Sie in Ihrem Leben gestalten - und das ist, glaube ich, eine interessante Aufgabe. Es gibt große Chancen und Risiken. Wichtig ist es, Chancen zu sehen, sie zu ergreifen und die Zukunft mitzugestalten.

Inwieweit werden junge Menschen gefördert, ihren beruflichen Interessen nachzugehen und in ihrem Wunschberuf arbeiten zu können?

Aiginger: Ich wäre für eine Differenzierung der Studiengebühren nach den Erfolgschancen. Das Wichtigste wäre, einmal mitzuteilen, wie viele Absolventen einer Studienrichtung drei Jahre nach Abschluss einen Job haben und wie viele nicht. Es ist ganz eindeutig, dass es als Psychologe sehr schwer ist, einen dauerhaften Job zu bekommen, trotzdem ist der Anteil an Psychologiestudenten unendlich groß. Obwohl die Studien fast zu 100 Prozent vom Staat finanziert sind, greift er praktisch nicht in die Studienwahl ein. Das ist das Maximum an Freiheit, das man haben kann, aber natürlich auch eine gewisse Vergeudung von Mitteln, wenn man das jetzt so brutal ökonomisch sagen will. Vielleicht ist es auch eine Beihilfe zur unglücklichen Berufswahl …

Sie haben gesagt, dass es ab 2020 einen Mangel an Arbeitskräften geben wird. Heißt das, dass die Jobsituation gut ist und wir beruhigt in die Zukunft schauen können?

Aiginger: Die Situation wird im Schnitt sehr günstig für Sie sein, was nicht heißt, dass es für alle der Fall ist. Wenn Sie einen Beruf haben, der nicht gefragt ist, und wenn Sie darunter leiden, dass Sie zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sein müssen und das dreimal pro Woche verweigern, werden Sie auch in dieser Gesellschaft keinen Job haben. Aber im Prinzip wird es nach allem, was man weiß, eine Übernachfrage nach Arbeitskräften geben. Wahrscheinlich werden die Grenzen aber so offen sein, dass es eine starke Substitutionsbeziehung zwischen Österreich und den Nachbarländern geben wird. Die Einkommensunterschiede werden gewaltig sein. Im Prinzip müsste das Problem der Arbeitslosigkeit sehr viel geringer als heute und unter den Qualifizierten gleich null sein. Aber verlassen Sie sich nicht auf die Prognosen. Sie leben in einer guten und interessanten Zeit, Sie leben an einem interessanten Ort, in der Mitte eines dynamischen Wirtschaftsraums. Also sind alle Chancen gegeben. Die staatlichen Netze werden wahrscheinlich schwächer sein, weil ein großer Betrag aufgewendet werden muss, um die alternde Gesellschaft zu finanzieren. Verlassen Sie sich jedenfalls nicht darauf, dass Sie mit geringen Anstrengungen durchkommen.

Redaktion: Julian Kornprobst (6b)

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