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"So möchte ich sterben können“

Karin Böck arbeitet im Angesicht des Todes: Sie organisiert als Pflegedienstleiterin des Mobilen Caritas Hospiz die Begleitung schwerkranker Menschen, stützt als Mitarbeiterin der Krisenintervention geschockte Angehörige - und lernt bei jeder Begegnung dazu.

Drei Monate lang hat sie den Mann begleitet. Nur drei Monate lang. Laut erster, ärztlicher Diagnose wäre die Lebenserwartung des Landwirts, mehrfachen Vaters und Großvaters deutlich höher gewesen. Doch der Tumor war doch aggressiver als gedacht. "Fast jede Woche hat er erfahren, dass die Situation viel schlimmer ist als vermutet“, erinnert sich Karin Böck an jenen Patienten, dessen Begleitung sie zuletzt tief bewegte. Regelmäßig hat sie ihn zu Hause besucht, hat die Familie im Umgang mit Übelkeit oder Schwellungen beraten, hat den Austausch zwischen Hausarzt, Hauskrankenpflegerin und Seelsorger intensiviert - und vor allem zugehört.

Wie die meisten anderen Betroffenen ist auch ihr Patient nach der Krebs-Diagnose in ein tiefes Loch gefallen, hat geklagt, geweint, gehadert. "Ich verstehe das zutiefst. Und ich verstehe auch, dass der eigene Glaube in einer solchen Situation zusammenbricht“, sagt Böck. Doch dieser Mensch habe schlussendlich die Kraft aufgebracht, das begrenzte Leben, das ihm noch blieb, anzunehmen und zu gestalten - bis zur bewussten Verabschiedung von allen seinen Kindern und Enkelkindern. "Ihn hat offenbar sein Glaube getragen. Diesbezüglich habe ich unendlich viel von ihm gelernt,“ erzählt die 54-Jährige in der hellen Kapelle des Caritas Tageshospizes in Wien-Liesing.

Wichtig bis zum letzten Augenblick

Am anderen Ende des Ganges hat Karin Böck kürzlich ihr neues Büro bezogen. Zuvor war sie sieben Jahre Leiterin des Mobilen Caritas Hospiz im Weinviertel gewesen. Seit 1. Juli ist sie nun Pflegedienstleiterin des Mobilen Hospiz der Caritas der Erzdiözese Wien und als solche für 53 hauptamtliche und 231 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen zuständig, von denen im Vorjahr rund 2200 Patienten sowie Angehörige in Wien und Niederösterreich unterstützt wurden. "Ich bin nicht nur für das Fachliche zuständig, sondern auch für das, was wir, Haltung‘ nennen“, erklärt die Frau mit dem frechen Kurzhaarschnitt. Cicely Saunders (1918-2006), die Gründerin der modernen Hospizbewegung, hat diese Haltung so formuliert: "Du bist wichtig, einfach weil Du bist. Du bist bis zum letzten Augenblick Deines Lebens wichtig. Und wir werden alles tun, damit Du nicht nur in Frieden sterben, sondern auch leben kannst - bis zuletzt.“

Das Mobile Caritas Hospiz der Erzdiözese Wien hat sich diese Philosophie seit seiner Gründung im Jahr 1989 auf die Fahnen geheftet. Und auch Karin Böck wurde von ihr wesentlich geprägt. 1957 als Älteste von sechs Kindern geboren und mit einer großen empathischen Gabe ausgestattet, träumte sie schon bald davon, im Hospiz der Cicely Saunders zu arbeiten. Statt nach der Matura Medizin zu studieren, begann sie als 18-Jährige die Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin am Wiener Rudolfinerhaus: "Ich habe schon damals gespürt, dass ich den Menschen näher sein will als eine Ärztin es je sein kann“, erinnert sie sich.

Das Berufsbild der "Hospizärztin“ war damals ebenso unbekannt wie das Wissen um die Vorgänge und Bedürfnisse am Lebensende. Karin Böck, die im Laufe der Jahre die Hauskrankenpflege der Volkshilfe aufbaute, Mutter dreier Söhne wurde und sich später im niederösterreichischen Hilfswerk engagierte, arbeitete deshalb lange Zeit "aus dem Bauch heraus“. Als sie mit 40 Jahren nur knapp einen Schlaganfall überlebte und ein Jahr später einen Meniskuseinriss erlitt, beschlich sie plötzlich das Gefühl, "dass mich jemand zum Nachdenken ruhigstellen will“. Sie begann zu suchen, brach zu Weitwanderungen auf und sah sich in inneren Bildern am brennenden Dornbusch sitzen. "Da bin ich zu einem befreundeten Priester gelaufen und habe gesagt: Ich glaube, ich sterbe bald“, erzählt sie. Doch stattdessen taten sich neue Türen auf: Böck erfuhr von Österreichs erster Palliativausbildung im Wiener Kardinal König Haus, startete sie im Herbst 1999 und beendete den zwischenzeitlich zum Universitätslehrgang Palliative Care aufgewerteten Kurs 2003 mit einer Masterarbeit über "Ethische Entscheidungen in der Hauskrankenpflege“. Das "ungute Gefühl“, das viele nach dem Tod eines Menschen beschleichen würde, sei meist die Folge einsamer Entscheidungen, so ihre Erkenntnis: Teamentscheidungen und "runde Tische“, bei denen vom Patienten über den Hausarzt bis zum Seelsorger alle dasselbe hören, könnten dieses Gefühl verhindern helfen. Ebenso Patientenverfügungen.

Und doch bleibt das Sterben eines Menschen für alle Beteiligten eine Grenzerfahrung. "Je mehr im Leben unerfüllt bleibt, des-to schwieriger ist es“, sagt Karin Böck. Das erlebt sie nicht nur bei ihren Einsätzen im Mobilen Hospiz, die sie nach wie vor leistet, sondern auch in der Krisenintervention des Roten Kreuzes, an deren Aufbau in Niederösterreich sie maßgeblich beteiligt war und für die sie sich ehrenamtlich engagiert. Vier Mal hat sie heuer schon Menschen betreut, die nach dem Tod eines Angehörigen den Boden unter den Füßen verloren haben.

Doch warum dieses Engagement im ständigen Angesicht des Todes? "Ich begegne hier Menschen auf einer Ebene, auf der man sich sonst selten begegnet“, antwortet sie ernst. "Und ich lerne selbst bei jeder Begegnung dazu: So wie dieser Mann, der seiner ganzen Familie noch etwas mitgegeben hat — so möchte ich einmal sterben können.“

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