Shades Tours - © Foto: Benjamin Schacherl (2)
Gesellschaft

Spaziergänge im Schatten

1945 1960 1980 2000 2020

Das Wiener Unternehmen „Shades Tours“ bietet Stadtführungen zu Themen wie Obdachlosigkeit oder Drogensucht an. Die Touren werden dabei von den Betroffenen selbst organisiert und geleitet.

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Das Wiener Unternehmen „Shades Tours“ bietet Stadtführungen zu Themen wie Obdachlosigkeit oder Drogensucht an. Die Touren werden dabei von den Betroffenen selbst organisiert und geleitet.

Der Zettel, auf dem „Shades Tours“ steht, vibriert in Heriberts Hand. Zu Beginn der Tour ist er noch nervös, als er die 14 Teilnehmer zum gemeinsamen Spaziergang durch den sechsten Bezirk begrüßt. Die Gruppe erwartet kein herkömmliches Sightseeing-Programm, sondern ein tiefgehender Einblick in die Welt der Drogen und Süchte, der Abstürze und der Hoffnungsschimmer. Es ist Heriberts Welt. Der 47-Jährige war zwanzig Jahre lang heroinabhängig. Seit Mai zeigt er als Guide Neugierigen verschiedene Schauplätze, die alle in Zusammenhang mit Drogen und Sucht stehen.

Heribert arbeitet für „Shades Tours“. Im Oktober 2015 begann das Unternehmen, Touren zu sozialpolitischen Themen in Wien anzubieten. Gestartet wurde mit Angeboten zu den Themen „Flucht und Integration“ und „Armut und Obdachlosigkeit“. Die Geschäftsführerin, Perrine Schober, hat Tourismusmanagement studiert und sich in der Folge darauf spezialisiert, Tourismus als Instrument der Armutsbekämpfung zu verwenden. Sie hat nach dem Studium für verschiedene NGOs in Vietnam, der Türkei, Belize und auf den Philippinen gearbeitet. Zurück in Wien, wollte sie ihr Unternehmertum mit einem gesellschaftlichen Engagement verknüpfen und gründete „Shades Tours“.

Hautnahe Bewusstseinsbildung

Das Konzept basiert darauf, dass ausschließlich Betroffene über ihr ehemaliges Milieu berichten und so authentische Einblicke geben. Jemand, der jahrelang auf der Straße gelebt hat, spricht über Obdachlosigkeit, ein Geflüchteter berichtet von Erfahrungen mit Rassismus oder dem Asylsystem, ein ehemals drogenabhängiger Mensch erzählt vom Kampf mit der Sucht. Dadurch ermöglichen sich lehrreiche Einblicke in die Lebensrealitäten. Fast 30.000 Teilnehmer haben bislang bei den Touren mitgemacht. Als Schober ihr Unternehmen aus der Taufe hob, sei sie auf viel Skepsis gestoßen. „Die meisten sagten mir, dass dafür keiner bezahlen wird“, erzählt sie. Im vierten Unternehmensjahr gibt es nun Überlegungen, „Shades Tours“ in zwei weiteren österreichischen Städten abzuhalten. Als Guide komme jeder in Frage, „der für uns arbeiten will und kann“, sagt Schober. „Die Leute müssen aber auch selber wollen, sonst macht es keinen Sinn.“ Die zweite Station hat Heribert bei der Polizeistation unweit des Esterházyparks eingeplant. Mit auf der Tour ist eine Schülergruppe aus Liechtenstein, die für eine Woche in Wien auf Ausflug ist. Warum die Tour hier einen Halt machen würde, fragt Heribert in die Runde.