Shades Tours - © Foto: Benjamin Schacherl (2)
Gesellschaft

Spaziergänge im Schatten

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Das Wiener Unternehmen „Shades Tours“ bietet Stadtführungen zu Themen wie Obdachlosigkeit oder Drogensucht an. Die Touren werden dabei von den Betroffenen selbst organisiert und geleitet.

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Das Wiener Unternehmen „Shades Tours“ bietet Stadtführungen zu Themen wie Obdachlosigkeit oder Drogensucht an. Die Touren werden dabei von den Betroffenen selbst organisiert und geleitet.

Der Zettel, auf dem „Shades Tours“ steht, vibriert in Heriberts Hand. Zu Beginn der Tour ist er noch nervös, als er die 14 Teilnehmer zum gemeinsamen Spaziergang durch den sechsten Bezirk begrüßt. Die Gruppe erwartet kein herkömmliches Sightseeing-Programm, sondern ein tiefgehender Einblick in die Welt der Drogen und Süchte, der Abstürze und der Hoffnungsschimmer. Es ist Heriberts Welt. Der 47-Jährige war zwanzig Jahre lang heroinabhängig. Seit Mai zeigt er als Guide Neugierigen verschiedene Schauplätze, die alle in Zusammenhang mit Drogen und Sucht stehen.

Heribert arbeitet für „Shades Tours“. Im Oktober 2015 begann das Unternehmen, Touren zu sozialpolitischen Themen in Wien anzubieten. Gestartet wurde mit Angeboten zu den Themen „Flucht und Integration“ und „Armut und Obdachlosigkeit“. Die Geschäftsführerin, Perrine Schober, hat Tourismusmanagement studiert und sich in der Folge darauf spezialisiert, Tourismus als Instrument der Armutsbekämpfung zu verwenden. Sie hat nach dem Studium für verschiedene NGOs in Vietnam, der Türkei, Belize und auf den Philippinen gearbeitet. Zurück in Wien, wollte sie ihr Unternehmertum mit einem gesellschaftlichen Engagement verknüpfen und gründete „Shades Tours“.

Hautnahe Bewusstseinsbildung

Das Konzept basiert darauf, dass ausschließlich Betroffene über ihr ehemaliges Milieu berichten und so authentische Einblicke geben. Jemand, der jahrelang auf der Straße gelebt hat, spricht über Obdachlosigkeit, ein Geflüchteter berichtet von Erfahrungen mit Rassismus oder dem Asylsystem, ein ehemals drogenabhängiger Mensch erzählt vom Kampf mit der Sucht. Dadurch ermöglichen sich lehrreiche Einblicke in die Lebensrealitäten. Fast 30.000 Teilnehmer haben bislang bei den Touren mitgemacht. Als Schober ihr Unternehmen aus der Taufe hob, sei sie auf viel Skepsis gestoßen. „Die meisten sagten mir, dass dafür keiner bezahlen wird“, erzählt sie. Im vierten Unternehmensjahr gibt es nun Überlegungen, „Shades Tours“ in zwei weiteren österreichischen Städten abzuhalten. Als Guide komme jeder in Frage, „der für uns arbeiten will und kann“, sagt Schober. „Die Leute müssen aber auch selber wollen, sonst macht es keinen Sinn.“ Die zweite Station hat Heribert bei der Polizeistation unweit des Esterházyparks eingeplant. Mit auf der Tour ist eine Schülergruppe aus Liechtenstein, die für eine Woche in Wien auf Ausflug ist. Warum die Tour hier einen Halt machen würde, fragt Heribert in die Runde.

Es geht auch gar nicht ums Hinschauen, sondern viel mehr ums Hinhören. Wer bei uns eine Tour bucht, entscheidet sich für bewusstes Zuhören. Man nimmt sich Zeit dafür.

„Weil Sie die Polizei hassen“, meint jemand aus der Schülergruppe. „Nein, das tue ich nicht, obwohl ich viele schlechte Erfahrungen gemacht habe“, sagt Heribert, der eineinhalb Jahre lang obdachlos war. Als ein Anrainer vor Jahren die Schlafsäcke von ihm und seinen Wegbegleitern mit Benzin übergossen und angezündet hatte, sei er beim Versuch, Anzeige zu erstatten, von der Polizei weggeschickt worden. Seine Erzählungen berühren. Die Tour ist jedoch nicht nur auf der Autobiografie der Führenden aufgebaut. Heribert gibt bei jeder Station Informationen rund um das Thema. Er spricht über das Suchtmittelgesetz, die verschiedenen Arten von Drogen, Substitol aus der Apotheke oder den Ursprung des Wortes „Droge“, das sich aus dem niederländischen „droog“ für „trocknen“ ableitet.

Wenn Heribert von seinem Schicksal erzählt, hören die 16-, 17-Jährigen aufmerksam zu. „Bei unseren Kids kommt das ganz anders an, weil ein Betroffener darüber spricht. Wenn wir in der Schule über Drogen sprechen, können das unsere Schüler kaum annehmen“, meint ihr Begleitlehrer Markus. „Es gibt ein Unwissen, wie man mit Themen wie Obdachlosigkeit oder Drogensucht umgeht. Das fehlt in der Schulbildung völlig. Als Erwachsener ist man dann damit überfordert“, sagt Schober. Deswegen seien die Touren eine gute Möglichkeit, die herausfordernden Themenkomplexe zu behandeln. „Auch Eltern und Lehrer sind damit oft überfordert.“ Im Büro von „Shades Tours“ im siebten Bezirk arbeiten mittlerweile mit Schober auch zwei weitere Mitarbeiter. Beide haben einen Hintergrund in den Themenfeldern der Touren. Insgesamt arbeiten hier sechzehn Personen, nur drei davon haben keinen derartigen Background. Das Unternehmen bietet damit Interessierten einen Einblick in die Welt von marginalisierten Gruppen und den Betroffenen Chancen auf eine Reintegration in den Arbeitsmarkt.

Die Guides, die geringfügig angestellt sind, werden nicht nur eingeschult und auf die Führungen vorbereitet, sondern in Zusammenarbeit mit diversen Sozialeinrichtungen gecoacht. „Wir schauen gemeinsam, wie ihr Weg weitergehen kann“, sagt Schober. Bei den „Sucht & Drogen“-Touren kommen nur ehemals Suchtkranke zum Einsatz. „Wir wollen nicht das Risiko eingehen, dass in der regelmäßigen thematischen Auseinandersetzung mit Drogen irgendein Reiz getriggert wird“, erklärt die Geschäftsführerin. Dass sich die gemeinsamen Spaziergänge auf einem schmalen Grat zwischen Sozialvoyeurismus und Bewusstseinsbildung befinden, ist ihr bewusst: „Es geht auch gar nicht ums Hinschauen, sondern viel mehr ums Hinhören. Wer bei uns eine Tour bucht, entscheidet sich für bewusstes Zuhören. Man nimmt sich wirklich Zeit dafür.“ Wie viel die Guides von ihrer Lebensgeschichte preisgeben, entscheiden nur sie selbst. „Durch die persönliche Erzählung wird die Ratio mit der Emotion verknüpft. Dadurch erreicht man beide Typen“, sagt Schober.

„Anfixen nennt man das bei uns“

Heribert spricht darüber, wie er zu Heroin gekommen ist. Gemeinsam mit seiner Frau rauchte er „hier und da“ einen Joint. Eines Abends lädt sie ihr Dealer zu seiner Geburtstagsparty ein. Am Glastisch ist ein Smiley mit braunem Pulver aufgezeichnet. „Probiert’s mal“, habe er gesagt. Die Gäste probieren, auch Heribert und seine Freunde. „Ich wusste damals nicht mal, dass man Heroin sniffen kann“, sagt er. Ein guter Freund von ihm musste sich daraufhin die ganze Nacht lang übergeben und habe „das Zeug“ nie wieder angerührt. „Meine Frau und ich wollten aber, dass das Gefühl ewig bleibt.“ Der 47-Jährige erzählt von ersten Entzugserscheinungen.

Die beginnende Sucht wollten sie sich aber nicht eingestehen. Die Ware gab es beim Dealer eine Zeit lang gratis zum Cannabis dazu. „Solange, bis er gewusst hat, dass wir es brauchen“, sagt er. „Anfixen nennt man das bei uns.“ Unser Guide lässt auch auf den weiteren Stationen nichts aus: Er erzählt davon, wie er tiefer in die Heroinsucht geschlittert ist, wie er Freunden und Banken immer wieder Geld abluchste, wie er auf der Straße landete und er später 47 Monate lang stationär behandelt wurde. Wie er seinen Job verlor – und später auch seine Ehefrau: Von einem Arzt bekamen die beiden eine Überdosis Methadon verschrieben. Heriberts Frau starb in der Nacht. Herzstillstand.

„Nach jeder Tour brauche ich eine Stunde, um wieder herunterzukommen. Ich erzähle ja viel Privates“, sagt Heribert. Nach einer Privatinsolvenz lebt er am Existenzminimum. Dass er mit „Shades Tours“ eine sinnvolle Tätigkeit fand, hat er einer Fernsehshow über Start-ups zu verdanken. „Ich habe gesehen, dass Guides zum Drogenthema gesucht wurden.“ Nun ist er seit acht Wochen mit dabei, in der Zeit hat er bereits 30 Touren geführt. Die Endstation der Tour ist am Karlsplatz, der bis vor zehn Jahren noch der Drogenhotspot war. Früher hat Heribert hier viel Zeit verbracht. „Ich habe so viel gesehen, wie sonst kaum jemand. Aber darauf hätte ich gerne verzichtet“, sagt er mit gedämpfter Stimme. Natürlich könne er dadurch spannende Einblicke geben, „aber stolz bin ich darauf nicht. Stolz bin ich auf das, was ich jetzt mache. Das gibt mir Anerkennung.“

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