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Startnachteil schon am ersten Schultag

Sechs Kinder unterschiedlicher Herkunft sitzen in einem Kreis am Boden. Die Fingerpuppe der Sprachförderassistentin fragt jedes Kind, welche Erstsprache es spricht. Die Fünfjährigen antworten auf Albanisch, Türkisch, Russisch, Chinesisch, Englisch und Deutsch. Heute steht malen am Programm: Die Kleinen pinseln, tupfen, kritzeln. Als sie ihr Werk signieren sollen, können ein paar ihren vollen Namen schreiben, andere nur den Vornamen, wieder andere nur den Anfangsbuchstaben. Sie alle erhalten einmal wöchentlich eine Sprachfördereinheit in einem Kindergarten des 23. Wiener Gemeindebezirks.

Mittlerweile hat jedes vierte Kindergartenkind österreichweit einen Migrationshintergrund, in Wien sogar jedes zweite Kind. Doch für Wiens öffentliche und private Kindergärten stehen nur 100 Sprachförderassistentinnen zur Verfügung. "Wir könnten definitiv mehr gebrauchen“, räumt Katrin Zell von der zuständigen Wiener Magistratsabteilung 10 ein. Zudem gibt es keine vorgegebenen Ausbildungsstandards für Sprachförderassistentinnen. Die Kindergartenpädagoginnen können Kinder nur schwer individuell betreuen: Auf eine Pädagogin und ihre hauswirtschaftliche Assistentin kommen 25 Kinder.

"Sprachliche Frühförderung nicht qualitativ genug“

Damit Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen bei Schuleintritt der Unterrichtssprache folgen können, tritt Integrationsstaatsekretär Sebastian Kurz für ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr ein: "Gratis für alle, verpflichtend nur für jene, die es brauchen.“ Er möchte bereits ein Jahr vor dem verpflichtenden Kindergartenjahr einen "kindgerechten Schnuppertag“ einführen, um festzustellen, wie gut ein Kind Deutsch spricht. Durch die Einführung des ersten verpflichtenden Kindergartenjahres 2010/11 ist die Anzahl der betreuten Fünfjährigen um drei Prozent gestiegen. 90 Prozent der Kinder dieses Jahrgangs besuchten schon zuvor einen Kindergarten. Allerdings werden die Steigerungen bei Kindern mit nicht deutscher Muttersprache höher geschätzt. Die Fördermaßnahmen im Kindergartenbereich kosten dem Bund zwischen 2009 bis 2013 jährlich 70 Millionen Euro. Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl erhofft sich von einem zweiten verpflichtenden Kindergartenjahr ökonomische Nutzeffekte: "Wir befinden uns in einem globalen Wettbewerb der Talente. Deshalb müssen wir mit der Förderung schon früh beginnen.“ Denn derzeit verlassen rund 15 Prozent der Jugendlichen mit Migrationshintergrund und fünf Prozent ohne Migrationshintergrund das Schulsystem ohne Abschluss.

Das Bundesinstitut für Bildungsforschung (BIFIE) evaluierte die sprachliche Frühförderung in Kindergärten von 2008 bis 2011. Um den jeweiligen Förderbedarf festzustellen, wurden Beobachtungsbögen für Kindergartenpädagoginnen entwickelt. Laut BIFIE fühlen sich diese nicht gut auf die Sprachförderung vorbereitet: "Dem zusätzlichen Personalbedarf wurde bisher nicht genügend Rechnung getragen.“ Die Sprachressourcen von mehrsprachigen Kindern würden nur wenig gefördert werden. "An vielen Standorten stehen die Rahmenbedingungen einer qualitativen Sprachförderung im Weg“, heißt es in der Studie.

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