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"Steigende Zuckerdosen“

Anlässlich der Wahl von Thomas Böhms "Die manipulierte Evolution“ zum "Wissenschaftsbuchs des Jahres“ sprach Die FURCHE mit dem Genetik-Experten Jobst Meyer.

Die Furche: Wie problematisch sehen Sie Überlegungen, wonach unser genetischer Code durch moderne Medizin und Lebensweise verändert werden könnte?

Jobst Meyer: Die evolutionäre Auswahl war früher ein scharfes Schwert. Heute sind wir körperlich nicht mehr so fit wie die Jäger- und Sammlergesellschaften vor Tausenden von Jahren. Aber wir leben in einem hoch technologischen Umfeld, das uns dies eben erlaubt. Denn wir müssen gerade mal so robust sein, wie es die Umwelt erfordert. Die evolutionäre Entwicklung hat uns gut an die ökologischen Bedingungen angepasst - das sieht man auch an der zunehmenden Erdbevölkerung. Und wir werden den körperlichen Risiken, die im Zuge von Eingriffen wie Künstlicher Befruchtung vielleicht vermehrt auftreten, medizinisch begegnen können. Unsere entwickelte Gesellschaft kann sich ein gewisses Maß an Krankheit leisten. Allein wenn eine Katastrophe käme, die uns von allen wissenschaftlichen Errungenschaften abschneiden würde, hätten die meisten von uns ein größeres Problem.

Die Furche: Werden sich Charakteristika der Wohlstandsgesellschaften wie hyperkalorische Ernährung und Bewegungsmangel im Erbgut niederschlagen?

Meyer: Hinsichtlich Ernährung sind wir in Mitteleuropa bereits in einem längeren Umstellungsprozess. Die Anpassung des Organismus an Milch vor circa 8000 Jahren und die Umstellung auf Getreide als Hauptnahrungsquelle vor etwa 5000 Jahren war so gravierend, dass sie sich im Erbgut nachweisen lässt. Da die Anpassungsschwierigkeiten bereits hinter uns liegen, kommen wir heute ganz gut damit zurecht. Das heißt, wir können mit Zuckerdosen umgehen, die für unsere Vorfahren noch undenkbar gewesen wären. Und wir wären alle viel dicker, wenn wir nicht vor 5000 Jahren mit dieser Anpassung angefangen hätten. Indianische Urvölker, die erst vor kürzerer Zeit diese Umstellung durchgemacht haben, haben hier vermehrte Probleme. Bewegungsmangel ist im Vergleich dazu ein sehr junges Phänomen: Hier in evolutionären Zeiträumen über Auswirkungen für das Erbgut nachzudenken, wäre sicherlich eine gewagte Spekulation.

Die Furche: Welche Zeiträume muss man sich für evolutionäre Veränderungen vorstellen?

Meyer: Ein Beispiel aus Russland: Dort gab es den Versuch, den Silberfuchs durch Züchtung zu zähmen, und das war eine Selektion auf Leben und Tod: Denn alle Tiere, die nicht unbedingt zahm waren, wurden zu Pelzen verarbeitet. Dazu hat man 30 Generationen von Füchsen, also circa 30-40 Jahre gebraucht, um aus einem wilden Fuchs einen zahmen Hausfuchs zu machen. Wenn man das auf Menschenleben umrechnet, wären das im Fall einer dermaßen scharfen Selektion circa 700 Jahre. Das heißt, wenn ein geringerer Selektionsdruck vorliegt, wären hierzu sicherlich 2000-3000 Jahre erforderlich. In solchen Zeiträumen kann in einer Gesellschaft so viel passieren, dass es eigentlich müßig ist, darüber zu spekulieren, was etwa der Computer mit unserem Genom macht.

Die Furche: Wird sich die Gesellschaft künftig auch mit "Eugenik“ - Maßnahmen zur Verbesserung unserer genetischen Ausstattung - auseinander setzen müssen?

Meyer: Definitiv. In archaischen Gesellschaften war es üblich, viele Kinder zu haben - auch in der Hoffnung, dass ein Teil von ihnen die widrigen Umweltbedingungen überhaupt überleben wird. Heutige Familien hingegen haben im Durchschnitt nicht viel mehr als ein Kind. Die Eltern haben ein berechtigtes Interesse, dass dieses Kind auch gesund ist. Und wir verfügen heute über genetische Untersuchungen, die es uns erlauben würden, das gesamte Erbgut nach genetisch vermittelten Krankheiten abzusuchen. Das ist schon beim Embryo in der Gebärmutter möglich. Angesichts dieser technischen Möglichkeiten muss sich die Gesellschaft einen ethischen Rahmen schaffen und sich darüber klar werden, was sie den Eltern an vorgeburtlicher Diagnostik erlauben möchte und was nicht.

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