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Stolpersteine Richtung VIELFALT

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In der Caritas-Schule "Am Himmel" zeigt sich exemplarisch die Angst der Eltern von Kindern mit Behinderungen vor "Vollinklusion". Ein Besuch.

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In der Caritas-Schule "Am Himmel" zeigt sich exemplarisch die Angst der Eltern von Kindern mit Behinderungen vor "Vollinklusion". Ein Besuch.

Es ist elf Uhr vormittags hoch oben "Am Himmel": Nicht nur jede Menge Kinder, auch jede Menge Journalistinnen und Journalisten wuseln in den Räumen der Privatschule neben dem Wiener Cobenzl herum. Im "Brückenraum" können sie beobachten, wie die Kleinen Labyrinthe basteln; im Werk raum sehen sie zu, wie eine Gruppe Mädchen mit Lötkolben Vogelhäuschen präpariert; und im Turnsaal sind sie live dabei, wie kleine Werwölfe sich in Höhlen aus bunten Tüchern verkriechen. Welche dieser Kinder körperlich oder intellektuell beeinträchtigt sind, erschließt sich den Gästen nicht.

Ohne Etikette und Stigmata mit- und voneinander lernen: Das ist das große Ziel der Caritas der Erzdiözese Wien. Seit mittlerweile acht Wochen wird die ehemalige Sonderschule für "schwerstbehinderte" Kinder als inklusive Schule für alle geführt. "Es soll keine Restkinder und auch keine Restkinderschulen mehr geben", sagt der Wiener Caritas-Generalsekretär Klaus Schwertner. Durch die Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention im Jahr 2008 habe sich Österreich bereits dazu verpflichtet, ein flächendeckendes inklusives Bildungssystem zu etablieren. Nun müsse dieses Bekenntnis mit Leben erfüllt werden -und hier, "Am Himmel", will man beweisen, dass eine Schule für alle möglich ist.

Nicht alle Eltern konnten diesem Versprechen glauben. Die Angst, dass ihre Kinder aus einem geschützten Paradies vertrieben und nicht mehr die nötige Unterstützung erhalten würden, war groß. Nach monatelangem Ringen hat sich die Hälfte der Mütter und Väter dazu entschieden, ihr Kind abzumelden: 14 der 28 Schülerinnen und Schüler wechselten in andere (Sonder-)Schulen, die meisten in die private Clara Fey Schule im 19. Wiener Bezirk. Eine davon war Margit Hödel. Schon einmal sei ihr Sohn, ein frühkindlicher Autist, der jetzt mit 14 Jahren gerade sprechen lerne und keine Windel mehr brauche, in einer Regelschulklasse gescheitert. Die Unklarheit darüber, ob er trotz absolvierter Schulpflicht weiterhin lernen dürfe oder "in die Werkstätte abgeschoben" werde, habe sie Abschied nehmen lassen. "Es gibt eben Behinderungen, bei denen Inklusion nicht zu schaffen ist, aber da will mir niemand zuhören", sagt Hödel.

Jutta Sobolak, Mutter des heute 16-jährigen Lucas, hat hingegen beschlossen, zu bleiben. "Heute bin ich positiv überrascht darüber, dass unsere Ängste unbegründet waren", erzählt sie. Die größte Sorge wäre eine "Vollinklusion" gewesen, also das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung in einer Stammgruppe. Tatsächlich ist man davon "Am Himmel" ein gutes Stück entfernt: Lucas und die 13 anderen Kinder mit Handicap werden in drei Kleingruppen nach dem Lehrplan der allgemeinen Sonderschule bzw. der Sonderschule für Kinder mit erhöhtem Förderbedarf unterrichtet (der Terminus "schwerstbehindert" wurde kürzlich gesetzlich eliminiert). Jene 24 Kinder zwischen sechs und zehn Jahren, die neu hierhergekommen sind, lernen in einer eigenen Mehrstufenklasse nach dem regulären Volksschullehrplan. In den ersten beiden Stunden des Tages findet der Unterricht getrennt statt. Erst danach wechseln die Kinder in "Ateliers", um gemeinsam zu werken, zu singen oder im Wienerwald herumzutoben. Die Nachmittagsbetreuung erfolgt an drei bis vier Tagen wieder getrennt. Für Klaus Schwertner eine Zwischenetappe auf dem Weg zur Vollinklusion; nach Ansicht von Jutta Sobolak hingegen der Idealzustand - zumindest für ihren Sohn Lucas, der mit Down-Syndrom geboren wurde und durch einen Sauerstoffmangel bei einer Herzoperation bis heute nicht sprechen kann. Größere, laute Gruppen seien für ihn schlichtweg "unpackbar".

Nicht nur am Wiener Cobenzl gehen die Meinungen darüber auseinander, ob Inklusion für alle Kinder passt - auch in der Steiermark. Bereits 85 Prozent jener Kinder, denen hier ein "sonderpädagogischer Förderbedarf" (SPF) bescheinigt wurde, besuchen eine integrative Regelschule - deutlich mehr als im Österreich-Durchschnitt (61 Prozent) oder in Niederösterreich (47 Prozent), wo sich allein 100 der bundesweit etwa 300 Sonderschulen finden. Nun hat die Steiermark dem Bildungsministerium gemeinsam mit Kärnten und Tirol ein Konzept für "inklusive Modellregionen" vorgelegt, in denen stufenweise ein barrierefreies Schulsystem erprobt und wissenschaftlich begleitet werden soll (vgl. nächste Seite). In einer aktuellen Richtlinie des Ministeriums wird das Ziel formuliert, bis 2020 "alle Regionen des Bundesgebiets zu involvieren". Sonderschulen sollen dann nur noch in Ausnahmefällen nötig sein -und die steigende Zahl an SPF-Bescheiden (insbesondere für Kinder mit Migrationshintergrund bzw. Verhaltensproblemen) soll durch eine Beschränkung auf tatsächliche Behinderungen sinken.

Bei Eltern und Sonderpädagoginnen sorgt das für Ängste - zumal es für die inklusiven Regelschulen keine zusätzlichen Ressourcen geben dürfte. "Eine wesentliche Aufgabe für die Entwicklung des Konzeptes auf regionaler Ebene wird in der Zusammenschau vorhandener/nutzbarer Mittel liegen", ist in der Ministeriums-Richtlinie zu lesen. Das Büro von Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) bestätigt dies: Angesichts des momentanen "Budgetdämpfungspfades" müsse man auch bei Innovationen "dringlich auf die Kosten achten".

"Kompletter Systemwechsel" nötig

Für die Inklusionsexpertin und Chemiedidaktikerin Simone Abels von der Uni Wien keine gute Voraussetzung für das Gelingen von Inklusion: "Es ist wichtig, dass sich die Politik zu Inklusion bekennt, aber sie muss auch die nötigen Ressourcen zur Verfügung stellen", erklärt sie. Inklusion erfordere freilich einen "kompletten Systemwechsel": Schon die derzeitige Aufteilung der Zehnjährigen auf Neue Mittelschulen und Gymnasien torpediere den Gedanken einer Schule für alle. Wie Inklusion - auch in der Sekundarstufe - gelingen kann, zeigt jedenfalls die "Lernwerkstatt Donaustadt" in Wien, mit der Abels kooperiert (vgl. DIE FURCHE Nr. 28/2015). Fächerübergreifende Projekte, kontextorientiertes Lernen oder forschendes Lernen seien "nur einige Ansätze, die selbstverständlich im System verankert sein könnten, wenn die Rahmenbedingungen dafür gegeben würden", schreibt Abels im Sammelband "Inklusive Pädagogik in der Sekundarstufe".

Ob die am 17. November vorgestellten Bildungsreformpläne die Rahmenbedingungen verbessern, bleibt abzuwarten. Oben "Am Himmel" hat man jedenfalls versucht, sie bestmöglich zu nutzen - ohne über mehr Ressourcen als andere Volks- und Sonderschulen zu verfügen. Aus den Fehlern der Vergangenheit will man jedenfalls lernen. "Damit Inklusion gelingt, muss man alle einbeziehen und gut kommunizieren", erklärt die neue Leiterin der Schule, Andrea Rieger. Ansonsten brauche es vor allem Vertrauen: "Wir Erwachsenen machen uns viel zu viele Gedanken", sagt sie im Turnsaal neben einem Rudel kleiner Werwölfe. "Die letzten Wochen haben uns aber gezeigt, dass uns die Kinder in der Praxis schnell überholen."

Inklusive Pädagogik in der Sekundarstufe

Diesem Thema widmet sich eine Ringvorlesung an der Uni Wien. Am Mo, 9.11., spricht Simone Abels über den "Entwicklungsbedarf der Fachdidaktiken". (Hauptgebäude der Uni Wien, HS 33,16.45 bis 18.15)

Inklusive Pädagogik in der Sekundarstufe

Von Gottfried Biewer, Eva Theresa Böhm, Sandra Schütz (Hg.). Verlag Kohlhammer 2015. 178 Seiten, kartoniert, € 27,80

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