Sündenfall der Wissenschaft

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Demonstrationen blieben ebenso erfolglos wie die Kritik aus religiösen Kreisen: Großbritanniens Regierung erlaubt der medizinischen Forschung das Klonen von Embryonen. Damit soll Ersatzmaterial für Transplantationen gezüchtet werden (siehe Nr. 1, Seite 1).

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Demonstrationen blieben ebenso erfolglos wie die Kritik aus religiösen Kreisen: Großbritanniens Regierung erlaubt der medizinischen Forschung das Klonen von Embryonen. Damit soll Ersatzmaterial für Transplantationen gezüchtet werden (siehe Nr. 1, Seite 1).

Die Demonstranten waren in weißen Ärztekitteln gekommen und mit Gesichtsmasken, auf denen das Konterfei von Tony Blair aufgemalt war. "Stimmt gegen das Klonen", mahnten sie vor dem britischen Parlament, wohlwissend, dass ihr Premier und ein Gutteil der Abgeordneten sich bereits unwiderrufbar auf die Seite jener Wissenschafter geschlagen hatten, die eine weitere Barriere in der medizinischen Forschung niederreißen wollten.

Die Mahner blieben denn auch so erfolglos wie die zahlreichen kritischen Stimmen aus religiösen Kreisen. Wenige Tage vor Weihnachten billigte das Unterhaus in London eine Änderung des Gesetzes zur Künstlichen Befruchtung, derzufolge Forscher zu therapeutischen Zwecken Stammzellen von Embryonen klonen dürfen, die nicht älter als 14 Tage sind. In einem Votum, für das der Klubzwang aufgehoben worden war, stimmten 366 Abgeordnete für und 174 gegen die Novellierung. Sollte auch das Oberhaus das Vorhaben billigen, wäre Grossbritannien das weltweit erste Land, in dem das Klonen menschlicher Embryozellen erlaubt ist.

"Es gibt triftige moralische Argumente für die Neuregelung", hatte Gesundheitsministerin Yvette Cooper in der emotionsgeladenen Debatte vor der Abstimmung erklärt. Manchen Menschen, gestand sie ein, würde es ihr Gewissen verbieten, jemals eine Ausweitung der Forschung an Embryonen gutzuheißen. Andere hingegen "wie ich selbst, sind der Ansicht, dass sie sich aus Gewissensgründen nicht gegen eine Forschung stellen können, die das Leiden so vieler lindern könnte", erklärte die Ministerin.

"Leben in der Hölle" Bei einem Inkrafttreten der Gesetzesänderung könnten Forscher Embryozellen im Frühstadium entnehmen, wo diese noch Blastozyten genannte Zellklumpen von etwa einem Millimeter Grösse sind. Deren Entwicklung hoffen die Experten dann im Labor so steuern zu können, dass sich der jeweils gewünschte Gewebe- oder Zellentyp bildet. Das derart gezüchtete "Ersatzmaterial" könnte für Transplantationen verwendet werden und sollte vom Patienten nicht abgestossen werden. Cooper erhielt Unterstützung von drei Labour-Parlamentarierinnen, für die das Thema weit mehr als ein wissenschaftlich-moralisches Anliegen darstellt. "Ist es nicht eine Ironie, dass Embryonen in Studien zur Behandlung von Unfruchtbarkeit verwendet werden dürfen, nicht aber für eine Forschung, durch die sich möglicherweise eine Behandlung für meine multiple Sklerose finden lässt", appellierte Fiona MacTaggart und betonte, dass ihr selbst ihre Sklerose weit mehr Sorgen bereite als ihre Unfruchtbarkeit.

Anne Beg rechnet sich selbst bei rasantesten Fortschritten in der Stammzellenforschung keine Chancen auf Heilung ihrer Osteoporose mehr aus. Doch wenn sie selbst für den Rest ihres Lebens an den Rollstuhl gefesselt sein wird, sollten künftige Generationen nicht unnötigerweise zu "einem Leben in der Hölle" verurteilt sein. Eine tief gerührte Anne Campbell berichtete vom Leiden ihrer Mutter und zweier Tanten, die alle an Parkinson erkrankt waren und schloss: "Auch ich schätze mich als sehr gefährdet ein. Sollte ich je Symptome bekommen, so möchte ich sicher sein, dass es wenigstens eine gewisse Hoffnung auf Heilung gibt." Ähnlich äußerten sich auch Sprecher diverser Organisationen, die Patienten mit Alzheimer, Parkinson, multipler Sklerose und anderer, heute noch unheilbarer Krankheiten vertreten. Auf deren Heilung bestehe mit der Ausweitung der Embryonenforschung erstmals echte Hoffnung, versicherte der Sprecher der britischen Bioindustrie, Crispin Kirkman. Eine Reihe von Abgeordneten ließen sich weder durch solcheWort noch durch Tränen oder individuelle Leidensgeschichten überzeugen. "Grausame" falsche Hoffnungen würden da geweckt, warnten einige, während andere, wie die konservative Ann Winterton, auch eine Verschwörung der Bioindustrie vermuteten. "Entsetzlich" sei die Art, wie "wir da von irreführenden Behauptungen in Beschlag genommen werden. Sie sind unehrlich und ein grausames Spiel mit jenen, die sofortige Heilung suchen."

Auch die Frage wurde erneut aufgeworfen, ob nicht doch mit Zellen vom erwachsenen Menschen oder aus der Nabelschnur Neugeborener ähnliche Forschungen angestellt werden könnten. Nicht, um medizinische, sondern um fundamentale ethische Fragen ging es im Streit um die neue Stammzellenforschung den Vertretern verschiedener Religionsgemeinschaften, konservativen Politikern und Abtreibungsgegnern. "Hier würden Unschuldige getötet", formulierte es der Tory-Abgeordnete Edward Leigh. "Auch die Nazis sagten ja, dass manche Menschen keine Menschen sind", bezog sich Leigh auf die Behauptungen jener Wissenschafter, die ganz junge Embryonen als noch keine Menschen, sondern Zellklumpen mit menschlichem Potential bezeichnen, da diese noch nicht ausdifferenziert seien, also weder irgendwelche Organe noch die Fähigkeit zu denken oder fühlen hätten.

Noch schärfer drückte sich Kardinal Thomas Winning, das Oberhaupt der Katholischen Kirche von Schottland, aus. In der konservativen Tageszeitung "Daily Telegraph" erklärte er, von therapeutischem Klonen zu sprechen sei absoluter Hohn, "denn tatsächlich bedeutet es Töten": "Wir werden zu der Annahme verleitet", erklärte Winning, "dass wir Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson, Diabetes und Kinderleukämie nur erfolgreich bekämpfen und Herzen, Lebern, Nieren und so weiter nur ausheilen können, indem wir menschliche Embryonen klonen, kannibalisieren und töten."

Der erste Schritt ...

Auch die katholischen Bischöfe von England und Wales lehnen die Unterscheidung zwischen Zellen, aus denen sich ein Fötus erst entwickeln kann, und einem "echten" Embryo strikt ab. Sie befürchten, dass mit der geplanten Gesetzesänderung dem menschlichen Leben schon in seinem allerfrühesten Stadium "jede Würde genommen" und es zu einer Ware reduziert und "einem Depot für frei entnehmbare organische Materie" reduziert werde.

Bei allem Respekt für divergierende Meinungen, aber die These der katholischen Bischöfe lasse sich durch die Praxis nicht belegen, wandte da Canon Polkinghorne von der anglikanischen Kirche von England ein. So denke doch niemand daran, einem Embryo, der, aus welchen Gründen auch immer, einer Frau nicht eingepflanzt werden konnte, ein Begräbnis zukommen zu lassen, meinte Polkinghorne, ein führender Theologe und Wissenschafter. Er hält das Klonen von menschlichen Embryos für genauso (un)natürlich wie eine Herztransplantation. Zwar sieht auch er die Gefahr, dass Wissenschafter und zumal Genforscher "Gott spielen" wollen, doch dieses Bestreben danach, die Welt zu verändern und zu manipulieren, müsse man wohl ebenso als "von Gott gegeben" verstehen.

Damit stelle sich die Frage, wie man dieses Streben im Einklang mit dem göttlichen Willen verwirklichen könne. Noch teilt Polkinghorne jedenfalls nicht die Sorge vieler, wonach das Klonen von Embryozellen lediglich der erste Schritt zum Klonen von Menschen sei. Das britische Unterhaus sei mit dem Votum über die Stammzellenforschung nicht vor der Entscheidung gestanden, "den Rubikon zu überqueren", hat Gesundheitsministerin Cooper versichert. "Das Klonen von Menschen ist verboten und muss verboten bleiben. Die Vorstellung, Babies zu klonen, ist für das Unterhaus und die öffentliche Meinung vollkommen inakzeptabel", betonte Cooper.

Alle Zweifel sind damit längst nicht ausgeräumt. Im Gegenteil. "Das Parlament hat durch die Hintertür die Schaffung eines ganz neuen Menschen gestattet", sagte Jack Scarisbrick von der Organisation "Life" , der den Spagat des konservativen Gesundheitssprechers Liam Fox nicht nachvollziehen kann. Fox lehnt zwar persönlich das Klonen von Embryozellen ab, hält es aber für unrealistisch, die entsprechende Forschung blockieren zu können und plädiert für strikte Regelungen diesseits des Rubikon.

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