#

Corona und Psyche

FOKUS
Depression

Suizidrate: Zahlen im Dunkeln

1945 1960 1980 2000 2020

Anfängliche Befürchtungen, die Pandemie lasse die Suizidrate steigen, scheinen sich nicht zu bewahrheiten. Dennoch beziehen sich die Analysen derweil nur auf punktuelle Werte. Offizielle Statistiken stehen noch aus. Experten warnen vor Missinterpretationen.

1945 1960 1980 2000 2020

Anfängliche Befürchtungen, die Pandemie lasse die Suizidrate steigen, scheinen sich nicht zu bewahrheiten. Dennoch beziehen sich die Analysen derweil nur auf punktuelle Werte. Offizielle Statistiken stehen noch aus. Experten warnen vor Missinterpretationen.

Der Befund, den Psycholog(inn)en, Psychotherapeuten und auch Sozialarbeiter dieser Tage der Gesellschaft ausstellen, ist düster. „Die Leute haben Angst und auch häufiger Depressionen“, sagt etwa Benedikt Till, Public-Health- Experte von der Med-Uni Wien. Die Gründe dafür sind ihmzufolge vielfältig. Manchen setze eher die Angst vor dem Covid- 19-Virus zu, anderen eher jene vor den Auswirkungen des Lockdowns. Viel hänge auch von den Umständen ab, betont Till. „Und sehr oft ist es letztlich nicht nur eine einzelne, klar zu definierende Ursache, die einer psychischen Erkrankung zugrunde liegt, sondern eine multikausale Genese.“

Benedikt Till ist zugleich auch im Rahmen der „Wiener Werkstätte für Suizidforschung“ tätig. In seiner Doppelfunktion ist er derzeit mit einer vermeintlichen Paradoxie konfrontiert: Denn so tief und einschneidend die Krise auch ist, so massiv die Auswirkungen auf jeden einzelnen auch sind und so sehr psychische Probleme zunehmen – die Zahl der Suizide sinkt offensichtlich.

Weltweite Tendenz zu beobachten

Offensichtlich, weil es offizielle Zahlen für 2020 noch nicht gibt. Was es gibt, sind punktuelle Werte. Und die deuten allesamt in eine Richtung: Die Zahlen gehen zurück. Benedikt Till warnt dennoch vor voreiligen Schlüssen. Aufgrund der geringen Datenmengen seien Rückschlüsse auf einen generellen Trend verfrüht. „Man muss sehr vorsichtig sein, weil das sehr lokale Zahlen sind“, betont er.

Einer, der Zahlen sammelt und auswertet, ist Eberhard Deisenhammer, stellvertretender Direktor der Universitätsklinik für Psychiatrie II in Innsbruck. Seine Daten ergeben sich aus Meldungen von Polizei und Ärzten, die den Tod einer Person feststellen. Deisenhammer nennt diese vorläufigen Zahlen durchaus valide. Von April bis September 2020 hat er eine klare Reduktion der Suizid-Zahlen in Tirol ausfindig gemacht, die er als signifikant einstuft. „Es kam zu keinem Anstieg in Tirol – und auch in Kärnten und Wien nicht“, so Deisenhammer, der gerade an einer internationalen Publikation zu diesem Thema arbeitet, in der weltweit verfügbares Zahlenmaterial zusammengetragen werden soll. Und soweit er das überblicken könne, handle es sich hier um eine Tendenz, die sich – mit ganz wenigen Ausnahmen – weltweit zeige. Überrascht ist der Psychiater nicht. „In Krisen gibt es zum Teil diesen Effekt.“ Zugleich schwächt er aber ab – denn angesichts dieser Krise mangle es an Vergleichswerten. Als Referenz herangezogen werden etwa der Zweite Weltkrieg (hinsichtlich dessen die Datenlage aber dünn sei) oder Terroranschläge in London.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau