Digital In Arbeit

Surfen Richtung Lebensmensch

Immer mehr Singles wider Willen suchen im Internet nach der großen Liebe. Kein Wunder: Schließlich bieten (seriöse) Online-Partneragenturen anonyme Anbahnung - und die gezielte, weltweite Suche nach Menschen mit ähnlichem Lebenskonzept.

Um die Philosophie ihres Projekts zu erklären, greift Gudrun Kugler-Lang auf Goethe zurück: "Gott gibt die Nüsse, aber er knackt sie nicht auf", zitiert die junge Juristin und Theologin den alten Geheimrat. "Einfach zu sagen: Gott wird's schon richten, ist ganz falsch. Man muss auch Eigeninitiative zeigen, um einen Partner zu finden."

Und so wurde die ehemalige Vorsitzende der "Weltjugendallianz" in Europa selbst aktiv: Gemeinsam mit ihrem Ehemann Martin Kugler, ehemals Pressesprecher von Opus Dei und Mitteleuropäischem Katholikentag sowie Partner in der gemeinsamen Beratungsagentur "Kairos", hat sie die erste katholische Single-Website des deutschsprachigen Raums initiiert. Seit 10. Juni ist das Portal nun im Netz - und bereits über 1100 Beziehungswillige (zwei Drittel davon Männer) haben sich bei KathTreff.org registrieren lassen.

Ehe als Endziel

Der Andrang kam nicht unerwartet: Während in den usa für Anhänger beinahe aller Glaubensrichtungen maßgeschneiderte Internet-Plattformen existieren (darunter etwa frumster.com für jüdische oder muslimmatch.com für muslimische Partnersuchende), waren ähnliche Angebote hierzulande bislang rar gesät. Mit KathTreff.org will man nun katholische Singles mit ernsten Absichten bedienen, erklärt Kugler-Lang: "Unser Marktsegment sind praktizierende Katholiken, die eine katholische Ehe eingehen wollen."

Entsprechend zugeschnitten ist der Online-Fragebogen des Heiratsportals, als dessen geistlicher Begleiter der Salzburger Weihbischof Andreas Laun fungiert: "Ja, ich bin von der Lehre der katholischen Kirche zum Thema Ehe und Familie überzeugt", heißt es hier. Und: "Ja, ich bin katholischer Single und kirchenrechtlich in der Lage, das Sakrament der Ehe zu empfangen."

Seriosität durch Kosten

Bis es so weit ist, sind freilich 25 Euro pro Quartal zu bezahlen. Erst dann ist es möglich, im Online-Fragebogen ein eigenes Profil zu hinterlassen - und selbst nach (vorerst anonymen) Partnern zu suchen. Dass dieses Service - wie in allen seriösen Online-Agenturen - kostenpflichtig ist, soll nach Kugler-Lang die Ernsthaftigkeit der Einträge garantieren. Schließlich gehe es nicht um einen schnellen Flirt, sondern um den Bund fürs Leben.

Für die 49-jährige Claudia (Name von der Redaktion geändert) ist Heirat zwar ein wünschenswertes, aber kein notwendiges Szenario. Lange Zeit hat die Wienerin, die als Angestellte im höheren Management tätig ist und bei der Partnersuche durchaus auf einen "religiösen Hintergrund" achtet, ihr Glück auf herkömmliche Weise versucht. Vergeblich: "Wenn ich in die Oper oder in Konzerte gehe oder Sport betreibe, dann mache ich das mit meinem Freundeskreis. Doch die meisten sind schon verheiratet oder haben einen Partner." Seit einige ihrer Bekannten ihren Lebensmenschen in den Weiten des World Wide Webs ausgeforscht haben, trägt freilich auch sie sich mit dem Gedanken, zielgerichtet im Internet zu suchen. Ob KathTreff.org für sie der richtige Platz ist - oder doch Parship.at, die größte Online-Partneragentur im deutschsprachigen Raum, die für ihre Dienste 179 Euro pro Halbjahr verlangt -, will sie noch prüfen.

Die Vorzüge von Online-Partnerbörsen gegenüber Anbahnungen "in freier Wildbahn" kennt sie freilich schon jetzt: "Erstens kann man davon ausgehen, dass auch der andere ernsthaft interessiert ist", meint sie im furche-Gespräch. Zudem könne man mit dem virtuellen Gegenüber je nach Wunsch langsam in Kontakt treten - oder auch bei Bedarf "die Reißleine ziehen". Nicht zuletzt eröffne das virtuelle Global Village die Möglichkeit, Menschen kennen zu lernen, "die man sonst wohl nie getroffen hätte".

Flirtplatz Internet

Pluspunkte wie diese haben den virtuellen Raum mittlerweile zu einem prädestinierten Ort für die Partnersuche gemacht: Laut einer Studie des Instituts für Soziologie der Universität Zürich mit 4000 deutschen Online-Partnersuchenden gaben immerhin 17,1 Prozent an, das Internet zu den wichtigsten Orten zu zählen, an denen Beziehungen geknüpft werden. Für 17,4 Prozent zählte der Arbeitsplatz zur primären Stätte des Kennenlernens, für nur 15 Prozent Bars oder Diskotheken.

Die zunehmende Brüchigkeit von Ehen und Partnerschaften tut das Übrige, um den Trend zur Online-Anbahnung zu verstärken. "Das führt dazu, dass viele Menschen ab 30 oder 35 Jahren ohne Partner dastehen, aber schon sehr in ihr berufliches Leben eingebunden sind", erklärt Eva Jaeggi, Psychotherapeutin, Singleforscherin und emeritierte Professorin für klinische Psychologie in Berlin, gegenüber der furche. Für aufwändige Flirtversuche fehle solchen Menschen oft die Zeit - oder einfach der Nerv. Und so seien es überwiegend gut ausgebildete, "gar nicht einsame" Leute mit einem großen Bekannten- und Freundeskreis, die mangels anderer Gelegenheiten den unkomplizierten, flexiblen Weg der Online-Partnersuche beschreiten würden.

Kompatible Herzen

Gegenüber dem, was Online-Börsen wie Parship bieten, sehen die kleinen (und vergleichsweise teuren) Kontaktanzeigen in Zeitungen und Zeitschriften recht alt aus: "Erstens müssen solche Anzeigen ein sehr hohes sprachliches Niveau besitzen, sonst werden sie schnell entsetzlich klischeehaft", meint Jaeggi. "Und außerdem kann man auf so wenig Platz sehr wenig über sich aussagen."

Ganz anders im Internet: So wird etwa das Profil der über eine Million Parship-Mitglieder in einem Test ausgelotet, den der Hamburger Psychologe Hugo Schmale eigens für die Partnersuche entwickelt hat. 80, teils sehr spezifische Fragen sind zu beantworten, bevor der Computer in einem komplizierten Algorithmus die "Kompatibilität" der Mitglieder errechnet und eine Vorschlagsliste erstellt. Je besser Persönlichkeiten zueinander passen, desto höher die Punktezahl. Welcher Unbekannte am Ende über die persönliche "Mailbox" anonym kontaktiert wird - und wann die eigene Identität gelüftet und die Telefonnummer verraten wird - liegt im Ermessen der Beteiligten.

Trend zur Fernbeziehung

Christian (Name von der Redaktion geändert) hat auf diese Art seine neue Partnerin entdeckt. "Das nette an Online-Börsen ist, dass alle ,im selben Boot' sitzen und man auch seinen ,Aktionsradius' ausweiten kann", erklärt der 34-Jährige aus Oberösterreich. Der erweiterte Fokus hat freilich auch seine Tücken: "Es fördert bestimmt Fernbeziehungen", glaubt der Informatiker, dessen neue Liebe in Wien zu Hause ist. Dennoch haben sie sich seit dem ersten "zwanglosen" Kennenlernen bislang jedes Wochenende getroffen.

In dieser Zwanglosigkeit liegt laut Eva Jaeggi auch das Geheimnis von Online-Partnerbörsen. Entsprechend wichtig sei es, vor dem ersten Treffen die Erwartungen zu drosseln: "Man darf sich nicht vormachen, dass man sofort den Einen, Einzigen trifft und selbst die Eine, Einzige ist. Es ist ein Experiment, ein Spiel." Wenn sich der anonyme Fremde schon nicht als Partner fürs Leben erweise, so seien zumindest interessante Bekanntschaften möglich.

Auch Gudrun Kugler-Lang rät den Nutzerinnen und Nutzern von KathTreff.org, sich "nicht sofort emotional hineinzuhängen" - und die Partnersuche mit ihrem Gebet zu begleiten. Dann dürfte dem Liebesglück nichts mehr im Wege stehen. So Gott will.

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