Sprache - © Foto: Pixabay

Tag der Muttersprache: Bunte Sprachbiografien

1945 1960 1980 2000 2020

Am 21. Februar begeht die UNESCO den internationalen Tag der Muttersprache, um vor allem kleine und bedrohte Sprachen zu unterstützen. Sprachen sind ein integraler Bestandteil der menschlichen Identität und deren Bedrohung kann zu Konflikten führen.

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Am 21. Februar begeht die UNESCO den internationalen Tag der Muttersprache, um vor allem kleine und bedrohte Sprachen zu unterstützen. Sprachen sind ein integraler Bestandteil der menschlichen Identität und deren Bedrohung kann zu Konflikten führen.

Auch die Minderheitensprachen in Österreich sind gefährdet. Dass Sprachbarrieren nicht unüberwindbar sind, beweisen mehrsprachige Autoren (S. 22),ein Lyrik Projekt im Internet und selbst die unvollkommene Methode der maschinellen Übersetzung. Redaktion: Veronika Thiel Durch die Globalisierung wird Mehrsprachigkeit immer häufiger. Im Kontext der Migration ist diese Sprachvielfalt aber oft mit Konflikten verbunden.

Bitte sagen sie mir: was ist meine richtige Muttersprache?", so fragte mich ein türkischer Student in Ankara. Geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen war er als Kind türkischer Eltern in Deutschland. Die Türkei kannte er aus den Ferien, von Besuchen bei der Verwandtschaft, bis er dann im Alter von 19 Jahren in die Türkei zurückkehrte, wo er nun Germanistik studiert. Sein Deutsch klingt "ausländisch", sein Türkisch "deutsch".

Welche Muttersprache?

Genau gesehen ist die Bezeichnung "Muttersprache" auch für einsprachige Menschen nur auf den ersten Blick eindeutig: die Sprache, die unser Leben dominiert, vom Aufwachsen in der Familie über die Unterrichts- bis zur Landessprache. Auf den zweiten Blick wird es hier bereits kompliziert: Ist damit der Dialekt gemeint, den wir mit Mutter und Vater, den Geschwistern und im Kindergarten benutzen, oder die Unterrichtssprache? Da kann der Pass genau so täuschen wie der Geburtsort. Manchmal ist es ja auch die Vater- oder Omasprache, mit der Kinder aufwachsen. Und für viele Menschen, z.B. Angehörige von sprachlichen Minderheiten und Migranten, ist die "Muttersprache" keineswegs die Sprache, die sie am häufigsten benutzten, oft nicht einmal mit der Mutter. Die Sprachwissenschaft benutzt daher lieber neutralere Begriffe wie Familien- oder Erstsprache im Unterschied zu Zweitsprachen, die im Leben vieler Menschen zur entscheidenden Lebenssprache wird.

Identität durch Sprache

Aber auch dann, wenn sie nicht mehr das aktuelle Leben bestimmt, bleibt die Erstsprache für die meisten Menschen ein Leben lang wichtig: sie ist untrennbar mit der Entwicklung unserer Persönlichkeit verbunden, denn in ihr entwickeln wir unsere personale, soziale und kulturelle Identität. In unserer Familien- und Kindheitssprache lernen wir "ich" zu sagen, erfahren wir, dass wir zu einer Familie gehören, in ihr finden wir Freunde, wachsen wir in unsere Religion hinein. Schließlich prägt sie unsere kognitive Entwicklung, indem sie uns die erste Wahrnehmung der Welt bewusst macht. Deshalb fällt es manchen Menschen schwer, eine Fremdsprache zu lernen und zu sprechen. Sie kommen sich selbst fremd vor, sehen darin eine Gefährdung ihrer Identität. Das erklärt auch ein Stück weit die aggressive Ablehnung von Menschen, die eine andere Sprache sprechen. Deshalb tut sich unsere Gesellschaft so schwer mit sprachlichen Minderheiten. Wer zu uns gehören will, so die unüberhörbare Botschaft der Debatte um das Deutschlernen von Einwanderern, muss "unsere Sprache" sprechen. Wird Zuwanderern und Angehörigen von sprachlichen Minderheiten die deutsche Sprache aufgezwungen, ohne gleichzeitig etwas für den Erhalt der Muttersprache anzubieten, so passiert es leicht, dass dies als Sprachverlust und Verrat an der eigenen Herkunft empfunden wird: "Konfliktsprachigkeit" ist die Folge.

In Sprachenporträts zeigen Kinder und junge Erwachsene, welche Bedeutung ihre verschiedenen Sprachen im eigenen Leben haben. In vorgegebenen Silhouetten malen sie mit verschiedenen Farben alle ihre Sprachen hinein. Dabei wird die Erstsprache durchwegs mit warmen Farben und viel Fläche als Herz oder in der Gegend des Herzens gemalt, ganz unabhängig davon, ob sie diese Erstsprache gut beherrschen oder auch nicht, z.B. auch dann, wenn sie in dieser Sprache nicht lesen und schreiben, sondern sie nur sprechen können. Sie schätzen die Kenntnisse in ihrer Erstsprache oft unrealistisch hoch ein: da sie diese Sprache nur in der Familie mündlich gebrauchen, fehlt ihnen in dieser Sprache nichts, nicht einmal das Lesen und Schreiben.

Auch die Minderheitensprachen in Österreich sind gefährdet. Dass Sprachbarrieren nicht unüberwindbar sind, beweisen mehrsprachige Autoren (S. 22),ein Lyrik Projekt im Internet und selbst die unvollkommene Methode der maschinellen Übersetzung. Redaktion: Veronika Thiel Durch die Globalisierung wird Mehrsprachigkeit immer häufiger. Im Kontext der Migration ist diese Sprachvielfalt aber oft mit Konflikten verbunden.

Bitte sagen sie mir: was ist meine richtige Muttersprache?", so fragte mich ein türkischer Student in Ankara. Geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen war er als Kind türkischer Eltern in Deutschland. Die Türkei kannte er aus den Ferien, von Besuchen bei der Verwandtschaft, bis er dann im Alter von 19 Jahren in die Türkei zurückkehrte, wo er nun Germanistik studiert. Sein Deutsch klingt "ausländisch", sein Türkisch "deutsch".

Welche Muttersprache?

Genau gesehen ist die Bezeichnung "Muttersprache" auch für einsprachige Menschen nur auf den ersten Blick eindeutig: die Sprache, die unser Leben dominiert, vom Aufwachsen in der Familie über die Unterrichts- bis zur Landessprache. Auf den zweiten Blick wird es hier bereits kompliziert: Ist damit der Dialekt gemeint, den wir mit Mutter und Vater, den Geschwistern und im Kindergarten benutzen, oder die Unterrichtssprache? Da kann der Pass genau so täuschen wie der Geburtsort. Manchmal ist es ja auch die Vater- oder Omasprache, mit der Kinder aufwachsen. Und für viele Menschen, z.B. Angehörige von sprachlichen Minderheiten und Migranten, ist die "Muttersprache" keineswegs die Sprache, die sie am häufigsten benutzten, oft nicht einmal mit der Mutter. Die Sprachwissenschaft benutzt daher lieber neutralere Begriffe wie Familien- oder Erstsprache im Unterschied zu Zweitsprachen, die im Leben vieler Menschen zur entscheidenden Lebenssprache wird.

Identität durch Sprache

Aber auch dann, wenn sie nicht mehr das aktuelle Leben bestimmt, bleibt die Erstsprache für die meisten Menschen ein Leben lang wichtig: sie ist untrennbar mit der Entwicklung unserer Persönlichkeit verbunden, denn in ihr entwickeln wir unsere personale, soziale und kulturelle Identität. In unserer Familien- und Kindheitssprache lernen wir "ich" zu sagen, erfahren wir, dass wir zu einer Familie gehören, in ihr finden wir Freunde, wachsen wir in unsere Religion hinein. Schließlich prägt sie unsere kognitive Entwicklung, indem sie uns die erste Wahrnehmung der Welt bewusst macht. Deshalb fällt es manchen Menschen schwer, eine Fremdsprache zu lernen und zu sprechen. Sie kommen sich selbst fremd vor, sehen darin eine Gefährdung ihrer Identität. Das erklärt auch ein Stück weit die aggressive Ablehnung von Menschen, die eine andere Sprache sprechen. Deshalb tut sich unsere Gesellschaft so schwer mit sprachlichen Minderheiten. Wer zu uns gehören will, so die unüberhörbare Botschaft der Debatte um das Deutschlernen von Einwanderern, muss "unsere Sprache" sprechen. Wird Zuwanderern und Angehörigen von sprachlichen Minderheiten die deutsche Sprache aufgezwungen, ohne gleichzeitig etwas für den Erhalt der Muttersprache anzubieten, so passiert es leicht, dass dies als Sprachverlust und Verrat an der eigenen Herkunft empfunden wird: "Konfliktsprachigkeit" ist die Folge.

In Sprachenporträts zeigen Kinder und junge Erwachsene, welche Bedeutung ihre verschiedenen Sprachen im eigenen Leben haben. In vorgegebenen Silhouetten malen sie mit verschiedenen Farben alle ihre Sprachen hinein. Dabei wird die Erstsprache durchwegs mit warmen Farben und viel Fläche als Herz oder in der Gegend des Herzens gemalt, ganz unabhängig davon, ob sie diese Erstsprache gut beherrschen oder auch nicht, z.B. auch dann, wenn sie in dieser Sprache nicht lesen und schreiben, sondern sie nur sprechen können. Sie schätzen die Kenntnisse in ihrer Erstsprache oft unrealistisch hoch ein: da sie diese Sprache nur in der Familie mündlich gebrauchen, fehlt ihnen in dieser Sprache nichts, nicht einmal das Lesen und Schreiben.

Migranten haben den Einsprachigen eine wichtige Erkenntnis voraus: In in einer globalisierten Welt werden wir in unterschiedlichen Kommunikationsräumen, also in Familie, Schule, Beruf und Freizeit, mit verschiedenen Sprachen leben und arbeiten müssen.

Sprachkonflikte drücken sich darin aus, dass das eigene Porträt in zwei scharf abgegrenzte Farb- beziehungsweise Sprachhälften geteilt wird - die Erstsprache und Deutsch stehen unverbunden nebeneinander. Das drückt sehr gut aus, dass manche Menschen zwei getrennte Sprachidentitäten haben, die Welt der Familie und des Grätzels mit der Erstsprache, und die Unterrichts-, Behörden- und Berufswelt, in der Deutsch dominiert. Sie erfahren schnell, dass die Erstsprache in dieser "zweiten Welt" unerwünscht ist - in der Schule wird ihr Gebrauch nicht immer erlaubt, manchmal sogar bestraft, und auch in der Öffentlichkeit taucht sie selten auf. Das ist keine gute Ausgangssituation für die Entwicklung eines stabilen Selbstbewusstseins, und auch keine gute Grundlage für das Erlernen des Deutschen als Zweitsprache. Die Spracherwerbsforschung weiß seit langem, dass ein Sprachwechsel um so besser gelingt, je weniger er als Bedrohung für die Erstsprache angesehen wird.

Bunte Sprachbiografien

Die Tatsache, dass Zuwanderer und Angehörige von Minderheiten immer schon Sprachen mitbringen, die ihren eigen Wert haben, scheint in der heutigen Bildungspolitik verdrängt zu werden: Ausgangspunkt ist die Feststellung "die können ja kein Deutsch". Nur solange diese Defizithypothese aufrechterhalten wird, lässt sich der Erwerb der Zweitsprache als ein Akt der Zwangsassimilierung vertreten: die angeblich Sprachlosen werden erst mit dem Deutschkurs zu vollgültigen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft.

Dabei verfügen viele Zuwanderer über ein reiches Sprachrepertoire, das sich in bunten Sprachbiografien niederschlägt. Alena (12 Jahre) spricht bereits sieben Sprachen: "Tschechisch ist meine Muttersprache. Mein Vater kommt aus Russland, deswegen spreche ich ein bisschen Russisch. Ich wohne in Wien und ich spreche Deutsch mit meinen Freunden. In der Schule lernen wir Englisch. Ich wohne mit einem Mädchen aus Ungarn und sie hat mich Ungarisch beigebracht. Slowakisch ist sehr ähnlich mit Tschechisch. Ich verbringe die Sommerferien in Kroatien und ich habe dort Freunde."

Vorliegende Untersuchungen zeigen zweierlei: erstens nimmt die Zahl der Menschen zu, die wie Alena über zwei oder sogar mehr Familiensprachen (z.B. Mutter- und Vatersprache) verfügen.

Zweitens wird deutlich, dass Alena und all die anderen sehr wohl wissen, dass Deutsch eine wichtige Sprache für sie ist - Deutsch ist für sie "Kommunikationsmittel Nr. 1", schließlich wollen sie in der Schule und in der Arbeitswelt Erfolg haben. Auch wenn Sprachtests zeigen, dass Migranten und Migrantinnen ihre Muttersprache oft nicht so gut beherrschen, wie sie selbst glauben, ändert das nichts daran, dass ihre Erstsprache und andere Familiensprachen für sie emotional eine wichtige Rolle spielen und ihnen nicht genommen werden dürfen.

Vorteil: Mehrsprachigkeit

Migranten haben den Einsprachigen eine wichtige Erkenntnis voraus: In in einer globalisierten Welt werden wir in unterschiedlichen Kommunikationsräumen, also in Familie, Schule, Beruf und Freizeit, mit verschiedenen Sprachen leben und arbeiten müssen. Sie sind dabei, eine mehrsprachige Identität zu entwickeln, die durch Offenheit gegenüber vielen Sprachen gekennzeichnet ist. Wird diese Vielsprachigkeit zu Gunsten einer einzigen Sprache unterdrückt, so sind Sprachkonflikte, Störungen in der psychischen Stabilität, erhöhte Aggressivität oder auch Rückzug und Verstummen die Folge. Soll das vermieden werden, ist es nicht damit getan, alle Kinder zur Einschulung einem Deutschtest zu unterziehen und dann zu sortieren - im Gegenteil: erforderlich wäre, dem Angebot des muttersprachlichen Unterrichts den Status des Unsicheren und Unverbindlichen zu nehmen: er ist derzeit Freigegenstand oder unverbindliche Übung und keineswegs gesicherter Bestandteil des Unterrichts. Es wäre sinnvoll, mehr und nicht weniger bilinguale Schulen einzurichten und die Sprachenvielfalt, die wir an unseren Schulen und in unserer Gesellschaft vorfinden, zu nutzen als das, was sie ist: ein Reichtum in Zeiten der Globalisierung, eine Chance für die Einsprachigen hinzuzulernen.

Dem türkischen Studenten in Ankara übrigens habe ich geraten, in Zukunft auf die Frage nach seiner einen "richtigen Muttersprache" selbstbewusst zu antworten: "Meine Muttersprache - das sind zwei, Deutsch und Türkisch. Ich bin Europäer und Europäer haben viele Muttersprachen."

Der Autor ist Professor für den Fachbereich Deutsch als Fremdsprache am Institut für Germanistik in Wien.

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