Kuschelparty - Absichtslose Berührung mit Fremden: Neben der Kuscheltherapie kann man auch auf Kuschelpartys einen akuten Berührungshunger stillen. Die Regeln sind ähnlich: Berührung findet nur über der Kleidung statt, erogene Zonen sind verboten. - © Getty Images / Spencer Platt
Gesellschaft

Tausendmal berührt

1945 1960 1980 2000 2020

Generation Internet auf Kuschelkurs: Wie analoge Berührung in einer digitalisierten Gesellschaft stattfinden kann. Eine Spurensuche.

1945 1960 1980 2000 2020

Generation Internet auf Kuschelkurs: Wie analoge Berührung in einer digitalisierten Gesellschaft stattfinden kann. Eine Spurensuche.

„Schreib, wenn du safe bist, Anne“, sagen die Kollegen, mit denen ich abends beim Bier in der Kantine des Berliner Ensembles zusammensitze. Sie sehen mich schon zerstückelt in einem Keller in Tempelhof-Schöneberg: Am nächsten Tag habe ich eine Verabredung mit Travis, einem Mann, der für Geld kuschelt, er hat mich zu sich nach Hause eingeladen. Wir sind die Generation Internet. In Berlin versammeln wir uns in diesen Tagen zum dreizehnten Mal auf der „re:publica“, Europas größter Internetkonferenz. „Schön, dass ihr mal rauskommt“, schreiben die Berliner Verkehrsbetriebe auf ihre Werbebanner. Wo kann in Hochzeiten der digitalen Revolution noch zwischenmenschliche, analoge Berührung stattfinden?

Meine Berliner Kollegen sind skeptisch, der Keller bleibt der Running Gag des Abends. Vor allem ist man sich aber einig: „Kuscheln mit einem Fremden? Niemals!“ Und überhaupt: Ist das nicht Prostitution?

Elisa Meyer, eigentlich promovierte Germanistin, kennt diese Vorbehalte. Die Leipzigerin betreibt die „Kuschelkiste“, eine Plattform im Web, die Menschen, die sich nach Berührung sehnen, an Kuscheltherapeuten vermittelt und sie hat uns Travis Sigley empfohlen, – den Erfinder der Kuscheltherapie.

Küssen verboten

Es ist Sonntag. Die Sonne scheint in Berlin, es ist eiskalt. Am Südkreuz in Tempelhof- Schöneberg reiht sich Autohaus an Fischräucherei an Industriebetrieb. Der Flieder gibt sich Mühe, den Geruch des Mülls, der an den Bahngleisen verstreut liegt, zu überdecken. Gesichter der SPD lächeln von Wahlplakaten. Ich bin auf dem Weg zu Travis Wohnung. Aufgeregt – und vor allem neugierig.

„Kuscheltherapeut ist noch ein sehr neuer Beruf, da gibt es am Anfang viel Misstrauen“, erklärt Elisa Meyer. „Aber mit Sex hat das nichts zu tun. Es gibt strenge Regeln, an die sich beide halten müssen.“ Küssen und das Berühren an intimen Stellen sind verboten. Die Anfragen an professionelle Kuschler der „Kuschelkiste“ steigen. „Man lebt heute isolierter“, versucht Meyer die Nachfrage zu erklären. Tatsächlich: Der Anteil der Single-Haushalte in Österreich steigt jedes Jahr. Während er 1985 noch bei 27 Prozent lag, waren es 2018 schon 37 Prozent der Haushalte. 15 Prozent aller Männer und sogar 18 Prozent aller Frauen in Österreich leben alleine. Fernbeziehungen nehmen zu, zwischenmenschliche Berührung ab. Unser Smartphone hingegen berühren wir am Tag über 2600 Mal pro Tag – starke User sogar weit über 5000 Mal.

„Darf ich dich umarmen?“, fragt Travis. Er holt mich im Stiegenhaus ab und begleitet mich in seine Wohnung. Gelockte schwarze Haare. Dunkle Augen. Samtenes Hemd. Von den Wänden blättert der Verputz. Ob ich Tee möchte? Ich lehne ab. Als er trotzdem Wasser aufsetzt, ahne ich: Das ist Teil eines Rituals. Ich setze mich auf die Couch. Das Wohnzimmer ist auch das Schlafzimmer, der rote Vorhang vor dem Bett ist halbzugezogen, Einfach, aber gemütlich. Travis hängt die Wäsche auf. Er fliegt morgen nach Barcelona, entschuldigt er sich, die Wäsche wird sonst nicht rechtzeitig trocken. Sigley verdient sein Geld auch mit Tanz- und Yoga- Unterricht: „Berührung und die Bewegung sind mein Leben.“ Er schwingt die Hüfte kokett zum Wäscheständer und lacht. Wir scherzen. Der Tee zieht. Ich lehne mich zurück: „Let’s talk about cuddling!“

Die positiven Auswirkungen des Kuschelns sind in der Medizin unumstritten: „Wir wissen schon lange aus der Forschung, dass sanfte Berührung psychologisch sehr wichtig für den Menschen ist“, weiß die Osteopathin Anja Engel-Schulmeyer. Therapieformen wie die klassische Massage, das japanische Shiatsu oder eben die Osteopathie nutzen allein die Effekte der Berührung, um die Selbstheilungskräfte des Körpers zu aktivieren und zu lenken: „Der ganze Organismus entspannt sich, Herzfrequenz und Blutdruck sinken und Stresshormone werden abgebaut. Diese allgemeinen Wirkungen treten bei jeder Art von sanfter Berührung auf“, erklärt Engel-Schulmeyer. „Kuscheln ist wie ein hauseigenes Antidepressivum“, bestätigt auch Elisa Meyer: „Der Hormonhaushalt verändert sich durch die Berührung, man fühlt sich entspannt, weniger gestresst, geht auch offener auf andere Menschen zu.“

Kuscheln gegen Stress

Warum körperliche Nähe uns guttut, hat neurophysiologische Gründe. Das Hormon Oxytocin spielt dabei eine wesentliche Rolle. Es stammt aus der Hirnanhangsdrüse und wirkt sich positiv auf unser Sozialleben und das Bindungsverhalten zwischen Menschen aus. Zudem wirkt Oxytocin blutdrucksenkend und angstlösend, baut Stress ab und erhöht die Gedächtnisleistung.

„Wie läuft nun eine Kuschel-Session ab?“, frage ich. Travis lächelt verschmitzt: „Zunächst mache ich immer Tee und plaudere ein wenig, um Vertrauen aufzubauen. Meine Anspannung ist zurück, das ist doch ein Interview, oder? „Ich merke, was andere brauchen“, lacht Travis, dem ganz offensichtlich mein Unwohlsein nicht verborgen bleibt. „Ich weiß, wann Berührung angebracht ist und wann es nicht passt.“

Eine Kuschel-Session läuft immer gleich ab: Zuerst gibt es Tee, dann wird geplaudert – sozusagen das Aufwärmen – und dann wird gekuschelt, meistens schweigend. Zehn Minuten bevor die Einheit endet läutet ein sanfter Wecker. „Dann gebe ich dem Klienten noch ein wenig Zeit, lasse ihn dann auch kurz allein, damit er wieder zu sich findet – und ich zu mir.“

Travis ist 31 Jahre alt, geboren wurde er in den USA. Wo genau spielt keine Rolle, die Familie übersiedelte oft. Das Kind Travis schloss leicht Freundschaften und musste die Freunde wenige Monate darauf wieder zurücklassen. Verlässlichere Freunde waren die Videospiele: „Ich weiß, was es heißt, von Technologien abhängig zu sein“, sagt Travis über diese Zeit. „Und ich weiß, wie man Abhängigkeiten hinter sich lässt. Aber leicht ist es nicht.“ Kaum zwanzigjährig zog er nach San Francisco. Und just das Zentrum der digitalen Revolution löste bei ihm den Impuls aus, heute Botschafter der menschlichen Berührung zu sein.

Berührung geht verloren

„Zwischenmenschliche Berührung geht uns verloren“, meint die Osteopathin Engel- Schulmeyer. „Um berühren zu können, muss ich anwesend sein.“ Auch geistig anwesend zu sein, würde in Zeiten digitaler Kommunikation in vielen Beziehungen nicht mehr gelingen. So sehen es auch Barbara Binder und Margot Fink vom Österreichischen Dachverband für Shiatsu. Für Klienten wird es immer schwieriger loszulassen, erzählt Binder. „Einfach auch, weil es so viele digitale Endgeräte gibt. Da kommen die Leute sogar schon mit der Smartwatch in die Shiatsu-Einheit.“

Das einschneidende Erlebnis für Travis Sigley war sein Umzug aus dem konservativen Florida nach San Francisco. Was er in Florida als unangemessen erlebte, war hier ganz normal – Freunde umarmen zum Beispiel oder abends mit ihnen abhängen, reden und kuscheln. „In Florida habe ich Nähe so nie erfahren. Ich war aber immer schon eine touchy person“, erzählt Travis, „und habe mich in San Francisco sofort sehr wohl gefühlt.“ Rasch hat er herausgefunden, dass sein Wohlbefinden mit der Berührung zusammenhängt und eine Geschäftsidee daraus entwickelt. Wobei: „Es ist ein sehr schlechtes Geschäftsmodell“, fügt er augenzwinkernd hinzu: „Mein Ziel ist es ja, soviel Kunden wie möglich zu verlieren. Ich will, dass sie sich wohlfühlen, dass sie mich nicht mehr brauchen.“

Seit mittlerweile elf Jahren bietet er die Kuscheltherapie an. „Je mehr Technologie wir in unser Leben lassen, desto mehr Berührung brauchen wir“, ist Travis überzeugt. In Berlin lebt er erst seit einigen Monaten, er ist Teil eines Tanz-Programms, unterrichtet Yoga und kuschelt.

Besonders für heterosexuelle Männer sei es schwierig, sich auf das Kuscheln einzulassen, erzählt Travis. „Werde ich jetzt schwul?“, sei er schon oft gefragt worden. „Männer haben es nicht so leicht in unserer Gesellschaft“, sagt Travis. Auch mit seinem Vater hatte er als Kind wenig Körperkontakt, bis heute versteht der Vater den Job des Sohnes nicht recht.

Die Nachfrage bei Männern ist aber besonders groß: „70 Prozent der Nutzer in der Kuschelkiste sind Männer“, sagt Elisa Meyer. Das Alter der Klienten rangiert von 20 bis 80, vom Handwerker bis zum Arzt sind alle sozialen Schichten dabei. Was verbindet sie? „Viele haben einfach gerade eine schwierige Zeit oder moderne Krankheiten wie Burn-out. Der gemeinsame Nenner ist, dass sie alle einfach zurzeit niemanden zum Kuscheln haben.“

Intimität lernen

Bei einer Kuscheltherapie sieht man sich zu Beginn einmal in der Woche, im Verlauf immer seltener und im Idealfall dann gar nicht mehr, „wenn es dem Klienten wieder gut geht und er oder sie sich nicht mehr einsam fühlt“, erklärt Meyer. „Dieser Kuschelbedarf ist wie ein Berührungshunger, ein ganz akutes Bedürfnis. Und wenn das gestillt ist, dann verändert sich der Kunde auch damit, wird offener und geht wieder auf Menschen zu.“ Die Kuscheltherapeuten sehen auch ganz unmittelbare Verbesserungen nach jeder Session: „Ich sehe, wie befriedigt die Leute danach sind, wie sie lächeln, und wie sich Stimme, Gesichtsausdruck und Körperhaltung verändert haben. Das ist wie nach einer Massage.“

Travis längste Kuschelbehandlung dauerte mehrere Jahre. Ein Geschäftsmann aus Kalifornien in seinen 50ern kam über mehrere Jahre hinweg dreimal wöchentlich zum Kuscheln: „Er wusste, dass er Berührung braucht, um sich gut zu fühlen. Aber er wollte keine Beziehung. Er war mit seinem Leben und seinem Lebensstil sehr zufrieden. Manchmal ist es schön, wenn die Dinge einfach sind und ich konnte ihm diese Einfachheit geben.“

Aus den ersten Cuddle-Therapy- Sessions entwickelte Travis Kuschel- Workshops, in denen er Menschen lehrt, wie man sichere platonische Beziehungen aufbauen kann. Dass bei den Kuschelpartys auch sexuelle Gefühle entstehen können, ist etwas ganz Natürliches, erzählt Travis. „Es ist aber wichtig, dass wir lernen, damit umzugehen. Man kann sich nicht einfach nehmen, was man gerade will.“ Seine Kurse lehren Intimität und Emotionalität, das Eingehen auf andere Menschen und Respekt. „Intimität zu lernen heißt auch, Respekt vor anderen zu haben und den Wunsch zu entwickeln, seine Mitmenschen gut zu behandeln.“ Heute gibt Travis Sigley sein Wissen weiter. Er bildet Kuscheltherapeuten aus, so hat er auch Elisa Meyer kennen gelernt. Die Wertschätzung unter Kollegen und den Austausch schätzt er sehr. „Kuscheln ist kein konkurrierendes Gewerbe.“

Schlechte Erfahrungen hat Travis noch mit keinem Klienten gemacht: „Die Menschen spüren, dass ich sie respektiere.“ Vielen gelingt es beim Kuscheltherapeuten, sich zum ersten Mal verletzlich zu zeigen. Manche brechen weinend in seinen Armen zusammen.

Kuscheln ist wie ein hauseigenes
Antidepressivum.
Man fühlt sich entspannt, weniger
gestresst und ist offener.

Dann hält er sie und ist da. „Es gibt nichts Besseres, als wenn Menschen schwierige Situationen durchstehen und es jemanden gibt, der einen nur festhält.“ Hat er das Gefühl, der Klient braucht mehr Unterstützung als Kuscheln, sagt er ihm, wo er Hilfe finden kann. Umgekehrt gibt es einige Psychotherapeuten, die ihre Klienten zu ihm schicken. Travis Sigley hat selbst Psychologie studiert. Psychotherapeut wollte er aber nie werden. „Psychotherapie ist für den Klienten ein jahrelanger Prozess. Die Kuscheltherapie hingegen bietet Sicherheit für einen Moment und wirkt auf gewisse Weise sofort. Kontrolliertes Kuscheln gibt die Möglichkeit, sich in einem sicheren Rahmen fallen lassen zu können und einen Augenblick über nichts nachdenken zu müssen.“

Ob er auch mit Kindern arbeitet? Travis wird ernst. Das würde er gerne. Studien hätten auch gezeigt, wie wichtig Berührung für die kindliche Entwicklung ist, wie sehr Berührung beim Lernen unterstützen würde. „Aber seien wir ehrlich“, sagt Travis, „Es gibt in unserer Gesellschaft nichts Schlimmeres als einen Mann, der ein Kind berührt.“ Berührung ist in unserer Gesellschaft vor allem sexuell konnotiert, erklärt er, platonische Berührung unter Erwachsenen zuzulassen, sei schon schwierig genug. „Für Kinder gebe ich Akro-Yoga-Kurse“, lächelt Travis, eine Mischung aus Akrobatik und Yoga. Dass ihm das Freude macht, ist ihm anzusehen – und das ist ihm wichtig: „Je mehr Zeit man damit verbringt, sich um andere zu kümmern, desto mehr Zeit muss man damit verbringen, sich um sich selbst zu kümmern.“ Das versucht er nicht nur seinen Klienten zu vermitteln, der Leitsatz gilt in erster Linie auch für ihn selbst. Er geht zur Massage, pflegt Freundschaften, isst gesund und verbringt viel Zeit mit Tanzen.

Tanzen? Travis Sigley schaut auf die Uhr. Es ist spät geworden, schon in zwei Minuten sollte er im Tanzstudio sein. Er schreibt ein rasches Mail und begleitet mich auf die Straße. Zum Abschied umarmen wir uns – länger. Acht neue Nachrichten, sagt mein Smartphone, als ich Richtung Südkreuz schlendere, der Handynacken knackt, aber das Herz ist leicht. „Safe“, twittere ich den Kollegen.

„Je mehr Technologie wir in unser Leben lassen, desto wichtiger wird die menschliche Interaktion“, sagte Travis. „Wir müssen nachdenken, was unser Leben wirklich ausmacht.“ Dass Kuscheln die Menschen menschlich macht, davon ist er überzeugt. Bei der Eröffnung der „re:publica“ am Montag wird sich der deutsche Bundespräsident Frank- Walter Steinmeier für das „Lob des langen Arguments“ aussprechen, das die Demokratie in eine humane, digitale Gesellschaft bringen soll. Tausende Digital Natives werden darüber twittern und facebooken. Wo bleibt das Lob einer langen Umarmung, werde ich denken. Wie sagte Travis Sigley, der Digital Native aus San Francisco zum Abschied? „There is nothing like the human touch.“

„Schreib, wenn du safe bist, Anne“, sagen die Kollegen, mit denen ich abends beim Bier in der Kantine des Berliner Ensembles zusammensitze. Sie sehen mich schon zerstückelt in einem Keller in Tempelhof-Schöneberg: Am nächsten Tag habe ich eine Verabredung mit Travis, einem Mann, der für Geld kuschelt, er hat mich zu sich nach Hause eingeladen. Wir sind die Generation Internet. In Berlin versammeln wir uns in diesen Tagen zum dreizehnten Mal auf der „re:publica“, Europas größter Internetkonferenz. „Schön, dass ihr mal rauskommt“, schreiben die Berliner Verkehrsbetriebe auf ihre Werbebanner. Wo kann in Hochzeiten der digitalen Revolution noch zwischenmenschliche, analoge Berührung stattfinden?

Meine Berliner Kollegen sind skeptisch, der Keller bleibt der Running Gag des Abends. Vor allem ist man sich aber einig: „Kuscheln mit einem Fremden? Niemals!“ Und überhaupt: Ist das nicht Prostitution?

Elisa Meyer, eigentlich promovierte Germanistin, kennt diese Vorbehalte. Die Leipzigerin betreibt die „Kuschelkiste“, eine Plattform im Web, die Menschen, die sich nach Berührung sehnen, an Kuscheltherapeuten vermittelt und sie hat uns Travis Sigley empfohlen, – den Erfinder der Kuscheltherapie.

Küssen verboten

Es ist Sonntag. Die Sonne scheint in Berlin, es ist eiskalt. Am Südkreuz in Tempelhof- Schöneberg reiht sich Autohaus an Fischräucherei an Industriebetrieb. Der Flieder gibt sich Mühe, den Geruch des Mülls, der an den Bahngleisen verstreut liegt, zu überdecken. Gesichter der SPD lächeln von Wahlplakaten. Ich bin auf dem Weg zu Travis Wohnung. Aufgeregt – und vor allem neugierig.

„Kuscheltherapeut ist noch ein sehr neuer Beruf, da gibt es am Anfang viel Misstrauen“, erklärt Elisa Meyer. „Aber mit Sex hat das nichts zu tun. Es gibt strenge Regeln, an die sich beide halten müssen.“ Küssen und das Berühren an intimen Stellen sind verboten. Die Anfragen an professionelle Kuschler der „Kuschelkiste“ steigen. „Man lebt heute isolierter“, versucht Meyer die Nachfrage zu erklären. Tatsächlich: Der Anteil der Single-Haushalte in Österreich steigt jedes Jahr. Während er 1985 noch bei 27 Prozent lag, waren es 2018 schon 37 Prozent der Haushalte. 15 Prozent aller Männer und sogar 18 Prozent aller Frauen in Österreich leben alleine. Fernbeziehungen nehmen zu, zwischenmenschliche Berührung ab. Unser Smartphone hingegen berühren wir am Tag über 2600 Mal pro Tag – starke User sogar weit über 5000 Mal.

„Darf ich dich umarmen?“, fragt Travis. Er holt mich im Stiegenhaus ab und begleitet mich in seine Wohnung. Gelockte schwarze Haare. Dunkle Augen. Samtenes Hemd. Von den Wänden blättert der Verputz. Ob ich Tee möchte? Ich lehne ab. Als er trotzdem Wasser aufsetzt, ahne ich: Das ist Teil eines Rituals. Ich setze mich auf die Couch. Das Wohnzimmer ist auch das Schlafzimmer, der rote Vorhang vor dem Bett ist halbzugezogen, Einfach, aber gemütlich. Travis hängt die Wäsche auf. Er fliegt morgen nach Barcelona, entschuldigt er sich, die Wäsche wird sonst nicht rechtzeitig trocken. Sigley verdient sein Geld auch mit Tanz- und Yoga- Unterricht: „Berührung und die Bewegung sind mein Leben.“ Er schwingt die Hüfte kokett zum Wäscheständer und lacht. Wir scherzen. Der Tee zieht. Ich lehne mich zurück: „Let’s talk about cuddling!“

Die positiven Auswirkungen des Kuschelns sind in der Medizin unumstritten: „Wir wissen schon lange aus der Forschung, dass sanfte Berührung psychologisch sehr wichtig für den Menschen ist“, weiß die Osteopathin Anja Engel-Schulmeyer. Therapieformen wie die klassische Massage, das japanische Shiatsu oder eben die Osteopathie nutzen allein die Effekte der Berührung, um die Selbstheilungskräfte des Körpers zu aktivieren und zu lenken: „Der ganze Organismus entspannt sich, Herzfrequenz und Blutdruck sinken und Stresshormone werden abgebaut. Diese allgemeinen Wirkungen treten bei jeder Art von sanfter Berührung auf“, erklärt Engel-Schulmeyer. „Kuscheln ist wie ein hauseigenes Antidepressivum“, bestätigt auch Elisa Meyer: „Der Hormonhaushalt verändert sich durch die Berührung, man fühlt sich entspannt, weniger gestresst, geht auch offener auf andere Menschen zu.“

Kuscheln gegen Stress

Warum körperliche Nähe uns guttut, hat neurophysiologische Gründe. Das Hormon Oxytocin spielt dabei eine wesentliche Rolle. Es stammt aus der Hirnanhangsdrüse und wirkt sich positiv auf unser Sozialleben und das Bindungsverhalten zwischen Menschen aus. Zudem wirkt Oxytocin blutdrucksenkend und angstlösend, baut Stress ab und erhöht die Gedächtnisleistung.

„Wie läuft nun eine Kuschel-Session ab?“, frage ich. Travis lächelt verschmitzt: „Zunächst mache ich immer Tee und plaudere ein wenig, um Vertrauen aufzubauen. Meine Anspannung ist zurück, das ist doch ein Interview, oder? „Ich merke, was andere brauchen“, lacht Travis, dem ganz offensichtlich mein Unwohlsein nicht verborgen bleibt. „Ich weiß, wann Berührung angebracht ist und wann es nicht passt.“

Eine Kuschel-Session läuft immer gleich ab: Zuerst gibt es Tee, dann wird geplaudert – sozusagen das Aufwärmen – und dann wird gekuschelt, meistens schweigend. Zehn Minuten bevor die Einheit endet läutet ein sanfter Wecker. „Dann gebe ich dem Klienten noch ein wenig Zeit, lasse ihn dann auch kurz allein, damit er wieder zu sich findet – und ich zu mir.“

Travis ist 31 Jahre alt, geboren wurde er in den USA. Wo genau spielt keine Rolle, die Familie übersiedelte oft. Das Kind Travis schloss leicht Freundschaften und musste die Freunde wenige Monate darauf wieder zurücklassen. Verlässlichere Freunde waren die Videospiele: „Ich weiß, was es heißt, von Technologien abhängig zu sein“, sagt Travis über diese Zeit. „Und ich weiß, wie man Abhängigkeiten hinter sich lässt. Aber leicht ist es nicht.“ Kaum zwanzigjährig zog er nach San Francisco. Und just das Zentrum der digitalen Revolution löste bei ihm den Impuls aus, heute Botschafter der menschlichen Berührung zu sein.

Berührung geht verloren

„Zwischenmenschliche Berührung geht uns verloren“, meint die Osteopathin Engel- Schulmeyer. „Um berühren zu können, muss ich anwesend sein.“ Auch geistig anwesend zu sein, würde in Zeiten digitaler Kommunikation in vielen Beziehungen nicht mehr gelingen. So sehen es auch Barbara Binder und Margot Fink vom Österreichischen Dachverband für Shiatsu. Für Klienten wird es immer schwieriger loszulassen, erzählt Binder. „Einfach auch, weil es so viele digitale Endgeräte gibt. Da kommen die Leute sogar schon mit der Smartwatch in die Shiatsu-Einheit.“

Das einschneidende Erlebnis für Travis Sigley war sein Umzug aus dem konservativen Florida nach San Francisco. Was er in Florida als unangemessen erlebte, war hier ganz normal – Freunde umarmen zum Beispiel oder abends mit ihnen abhängen, reden und kuscheln. „In Florida habe ich Nähe so nie erfahren. Ich war aber immer schon eine touchy person“, erzählt Travis, „und habe mich in San Francisco sofort sehr wohl gefühlt.“ Rasch hat er herausgefunden, dass sein Wohlbefinden mit der Berührung zusammenhängt und eine Geschäftsidee daraus entwickelt. Wobei: „Es ist ein sehr schlechtes Geschäftsmodell“, fügt er augenzwinkernd hinzu: „Mein Ziel ist es ja, soviel Kunden wie möglich zu verlieren. Ich will, dass sie sich wohlfühlen, dass sie mich nicht mehr brauchen.“

Seit mittlerweile elf Jahren bietet er die Kuscheltherapie an. „Je mehr Technologie wir in unser Leben lassen, desto mehr Berührung brauchen wir“, ist Travis überzeugt. In Berlin lebt er erst seit einigen Monaten, er ist Teil eines Tanz-Programms, unterrichtet Yoga und kuschelt.

Besonders für heterosexuelle Männer sei es schwierig, sich auf das Kuscheln einzulassen, erzählt Travis. „Werde ich jetzt schwul?“, sei er schon oft gefragt worden. „Männer haben es nicht so leicht in unserer Gesellschaft“, sagt Travis. Auch mit seinem Vater hatte er als Kind wenig Körperkontakt, bis heute versteht der Vater den Job des Sohnes nicht recht.

Die Nachfrage bei Männern ist aber besonders groß: „70 Prozent der Nutzer in der Kuschelkiste sind Männer“, sagt Elisa Meyer. Das Alter der Klienten rangiert von 20 bis 80, vom Handwerker bis zum Arzt sind alle sozialen Schichten dabei. Was verbindet sie? „Viele haben einfach gerade eine schwierige Zeit oder moderne Krankheiten wie Burn-out. Der gemeinsame Nenner ist, dass sie alle einfach zurzeit niemanden zum Kuscheln haben.“

Intimität lernen

Bei einer Kuscheltherapie sieht man sich zu Beginn einmal in der Woche, im Verlauf immer seltener und im Idealfall dann gar nicht mehr, „wenn es dem Klienten wieder gut geht und er oder sie sich nicht mehr einsam fühlt“, erklärt Meyer. „Dieser Kuschelbedarf ist wie ein Berührungshunger, ein ganz akutes Bedürfnis. Und wenn das gestillt ist, dann verändert sich der Kunde auch damit, wird offener und geht wieder auf Menschen zu.“ Die Kuscheltherapeuten sehen auch ganz unmittelbare Verbesserungen nach jeder Session: „Ich sehe, wie befriedigt die Leute danach sind, wie sie lächeln, und wie sich Stimme, Gesichtsausdruck und Körperhaltung verändert haben. Das ist wie nach einer Massage.“

Travis längste Kuschelbehandlung dauerte mehrere Jahre. Ein Geschäftsmann aus Kalifornien in seinen 50ern kam über mehrere Jahre hinweg dreimal wöchentlich zum Kuscheln: „Er wusste, dass er Berührung braucht, um sich gut zu fühlen. Aber er wollte keine Beziehung. Er war mit seinem Leben und seinem Lebensstil sehr zufrieden. Manchmal ist es schön, wenn die Dinge einfach sind und ich konnte ihm diese Einfachheit geben.“

Aus den ersten Cuddle-Therapy- Sessions entwickelte Travis Kuschel- Workshops, in denen er Menschen lehrt, wie man sichere platonische Beziehungen aufbauen kann. Dass bei den Kuschelpartys auch sexuelle Gefühle entstehen können, ist etwas ganz Natürliches, erzählt Travis. „Es ist aber wichtig, dass wir lernen, damit umzugehen. Man kann sich nicht einfach nehmen, was man gerade will.“ Seine Kurse lehren Intimität und Emotionalität, das Eingehen auf andere Menschen und Respekt. „Intimität zu lernen heißt auch, Respekt vor anderen zu haben und den Wunsch zu entwickeln, seine Mitmenschen gut zu behandeln.“ Heute gibt Travis Sigley sein Wissen weiter. Er bildet Kuscheltherapeuten aus, so hat er auch Elisa Meyer kennen gelernt. Die Wertschätzung unter Kollegen und den Austausch schätzt er sehr. „Kuscheln ist kein konkurrierendes Gewerbe.“

Schlechte Erfahrungen hat Travis noch mit keinem Klienten gemacht: „Die Menschen spüren, dass ich sie respektiere.“ Vielen gelingt es beim Kuscheltherapeuten, sich zum ersten Mal verletzlich zu zeigen. Manche brechen weinend in seinen Armen zusammen.

Kuscheln ist wie ein hauseigenes
Antidepressivum.
Man fühlt sich entspannt, weniger
gestresst und ist offener.

Dann hält er sie und ist da. „Es gibt nichts Besseres, als wenn Menschen schwierige Situationen durchstehen und es jemanden gibt, der einen nur festhält.“ Hat er das Gefühl, der Klient braucht mehr Unterstützung als Kuscheln, sagt er ihm, wo er Hilfe finden kann. Umgekehrt gibt es einige Psychotherapeuten, die ihre Klienten zu ihm schicken. Travis Sigley hat selbst Psychologie studiert. Psychotherapeut wollte er aber nie werden. „Psychotherapie ist für den Klienten ein jahrelanger Prozess. Die Kuscheltherapie hingegen bietet Sicherheit für einen Moment und wirkt auf gewisse Weise sofort. Kontrolliertes Kuscheln gibt die Möglichkeit, sich in einem sicheren Rahmen fallen lassen zu können und einen Augenblick über nichts nachdenken zu müssen.“

Ob er auch mit Kindern arbeitet? Travis wird ernst. Das würde er gerne. Studien hätten auch gezeigt, wie wichtig Berührung für die kindliche Entwicklung ist, wie sehr Berührung beim Lernen unterstützen würde. „Aber seien wir ehrlich“, sagt Travis, „Es gibt in unserer Gesellschaft nichts Schlimmeres als einen Mann, der ein Kind berührt.“ Berührung ist in unserer Gesellschaft vor allem sexuell konnotiert, erklärt er, platonische Berührung unter Erwachsenen zuzulassen, sei schon schwierig genug. „Für Kinder gebe ich Akro-Yoga-Kurse“, lächelt Travis, eine Mischung aus Akrobatik und Yoga. Dass ihm das Freude macht, ist ihm anzusehen – und das ist ihm wichtig: „Je mehr Zeit man damit verbringt, sich um andere zu kümmern, desto mehr Zeit muss man damit verbringen, sich um sich selbst zu kümmern.“ Das versucht er nicht nur seinen Klienten zu vermitteln, der Leitsatz gilt in erster Linie auch für ihn selbst. Er geht zur Massage, pflegt Freundschaften, isst gesund und verbringt viel Zeit mit Tanzen.

Tanzen? Travis Sigley schaut auf die Uhr. Es ist spät geworden, schon in zwei Minuten sollte er im Tanzstudio sein. Er schreibt ein rasches Mail und begleitet mich auf die Straße. Zum Abschied umarmen wir uns – länger. Acht neue Nachrichten, sagt mein Smartphone, als ich Richtung Südkreuz schlendere, der Handynacken knackt, aber das Herz ist leicht. „Safe“, twittere ich den Kollegen.

„Je mehr Technologie wir in unser Leben lassen, desto wichtiger wird die menschliche Interaktion“, sagte Travis. „Wir müssen nachdenken, was unser Leben wirklich ausmacht.“ Dass Kuscheln die Menschen menschlich macht, davon ist er überzeugt. Bei der Eröffnung der „re:publica“ am Montag wird sich der deutsche Bundespräsident Frank- Walter Steinmeier für das „Lob des langen Arguments“ aussprechen, das die Demokratie in eine humane, digitale Gesellschaft bringen soll. Tausende Digital Natives werden darüber twittern und facebooken. Wo bleibt das Lob einer langen Umarmung, werde ich denken. Wie sagte Travis Sigley, der Digital Native aus San Francisco zum Abschied? „There is nothing like the human touch.“