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Technik, die unter die Haut geht

Die Medizin bietet zunehmend ein maschinelles Ersatzteillager für menschliche Organe und Glieder. Ein Streifzug durch das artifizielle Sehen, Hören und Fühlen zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Die moderne Medizin vollbringt oft schier Unglaubliches. Sie macht Lahme gehend, Taube hörend und vielleicht schon bald Blinde sehend (siehe unten). Doch warum sollte man den Menschen nicht noch besser machen? Unterschiedliche Antworten geben Techniker, Philosophen und Zukunftsforscher (S. 22). Dabei ist der neue Mensch teilweise bereits Realität. Über chirurgisch verschönerte Menschen regt sich heute kaum jemand auf (S. 23). Und auch der mit Psychopharmaka optimal einge<00ad>stellte Mensch scheint gefragt (S. 24) … Redaktion: Thomas Mündle

Unlängst sah man George W. Bush jr. auf dem Gelände des Weißen Hauses joggen. Das Bild wäre wohl kaum durch die Presse gegangen, wäre da nicht neben ihm ein zweiter locker mitgerannt - einer, der im Irak-Krieg seine beiden Beine verloren hat. Nachher meinte ein nach Luft ringender Bush zu den Journalisten: "Sie können schreiben, dass er den Präsidenten in Grund und Boden gelaufen hat."

Tolles Equipment

Sergeant Christian Bagge hingegen zeigte sich begeistert von seinen Sportprothesen und lobte deren Hersteller, die österreichische Firma Otto Bock, in höchsten Tönen.

Der Geschäftsführer Hans Dietl hat für das technische Wunder eine einfache Erklärung parat: "Für Wettkampfprothesen verwenden wir energiespeichernde Materialien wie Carbonfaser-Federn. Beim Abstoßen des Beines wird so möglichst viel Energie wieder freigesetzt." Normal gehen kann man mit diesen künstlichen Beinen nicht mehr; dafür aber umso besser laufen. Das zeigt sich auch an den paralympischen Spielen, an denen behinderte Sportler ähnlich ausgezeichnete Spitzenleistungen erbringen wie normale Athleten.

Wann wird die technische Entwicklung die menschliche Natur übertreffen? Manche Prothesen-Experten glauben, dass jemand mit zwei artifiziellen Unterbeinen irgendwann einmal schneller laufen könnte als mit eigenen Beinen. Dietl aber zeigt sich nach zwanzig Jahren Geschäftserfahrung äußerst bescheiden. "Im Vergleich zu dem, was die Evolution geschaffen hat, sind wird doch ganz klein und hilflos."

Das ist in vielerlei Hinsicht richtig. Eine heutige Handprothese etwa erfüllt "nur" die Grundbedürfnisse Öffnen und Schließen. Doch ein neuer Trend verspricht hier einen deutlichen Entwicklungsschub: Die direkte Kopplung von Biologie und Technik. In Zukunft soll ein Implantat ins Gehirn eingesetzt werden, das etwa auf eine Armprothese Biosignale überträgt. So ließen sich dann Signale senden, also beispielsweise einzelne artifizielle Finger steuern, und Signale empfangen, also Dinge fühlen. Konkret nimmt Otto Bock an einem großen Forschungsprojekt mit rund zwanzig weiteren Partnern teil, in dem eine künstliche Hand mit sechzehn Freiheitsgraden entwickelt wird. Dietl selbst ist sehr skeptisch, ob das Produkt jemals die Marktreife erreichen wird: "Die Zuverlässigkeit der Bewegung ist eine große Herausforderung, das System ist auch zu schwer und wahrscheinlich zu kostspielig."

Ganz Ohr

Anders als der bionische Arm existiert die (fast) perfekte Hörprothese bereits. Rund 160 Cochlea Implantate werden jährlich in Österreich eingesetzt. Dabei wird eine feine Elektrode in das Innenohr eingeführt. Das Resultat: Die Operierten können nachher mit fast hundertprozentiger Sicherheit (wieder) hören. "Komplikationen beim Eingriff sind extrem selten", betont Professor Wolf-Dieter Baumgartner, Leiter der Cochlea Implantat Ambulanz am AKH Wien. Bei taub geborenen Kindern ist jedoch wichtig, dass der Eingriff vor dem dritten Lebensjahr durchgeführt wird, weil sich dann die Nervenbahnen normal ausbilden können (vorausgesetzt, es sind keine anderen Defekte vorhanden). "Jene, die nicht mehrfach behindert sind und vor dem zweiten Lebensjahr operiert werden, werden beinahe sicher ein relativ normales Leben führen können", so Baumgartner. Die Kinder können etwa problemlos in Regelschulen integriert werden.

Ein Supergehör wird uns die Technik zukünftig dennoch nicht bescheren. "Weil das Hören ist ziemlich kompliziert und eng mit psychischen Reizen gekoppelt", erklärt der Hörexperte. Trotz des Erfolgs ist das Gerät nicht unumstritten. Eine bestimmte Gruppe an älteren Gehörlosen, bei denen eine Operation nicht hilft, bangt - verständlicherweise - um ihre Gehörlosenkultur. Die Gebärdensprache, eine den Lautsprachen durchaus ebenbürtige Artikulationsform, scheint aufgrund des weniger werdenden Nachwuchses auf lange Sicht gefährdet.

Hören und sehen

In seiner Karriere hat Baumgartner lediglich zwei, drei Fälle erlebt, in denen gehörlose Eltern keine Operation für ihre Kinder wünschten. "Wir haben kein Problem damit", kommentiert er trocken. Die Reaktion ist verständlich, sind die Interessenten doch zahlreich und die Implantate am AKH auf fünfzig pro Jahr kontingentiert. Der Grund: Das Stück kostet 21.000 Euro.

Noch um einiges teurer wird das künstliche Auge. Auch europäische Forscher arbeiten auf Hochtouren an dieser Zukunftsvision. Der Anblick eines zentralen Kameraauges ist sicher gewöhnungsbedürftig. Eventuell könnte auch das Sehen sogar auf den Infrarotbereich erweitert werden. Ob uns das gefällt? Und was bedeuten diese Entwicklungen für die Blinden?

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