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Die Gefahr aus dem Nichts

Selbstmordattentäter - © Foto: iStock / Oleg Elkov
Gesellschaft

Terrorattentäter: "Empathie wird ausgeknipst!"

1945 1960 1980 2000 2020

Was macht junge Menschen zu Mördern im Namen eines Gottes? Und was könnte sie davon abhalten? Der Münchner Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer im FURCHE-Gespräch.

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Was macht junge Menschen zu Mördern im Namen eines Gottes? Und was könnte sie davon abhalten? Der Münchner Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer im FURCHE-Gespräch.

In seinem 2003 erschienenen Buch „Der Mensch als Bombe“ hat der Münchner Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer eine „Psychologie des neuen Terrorismus“ entworfen. In seinem neuen Buch „Kaltes Denken, Warmes Denken“ (siehe Tipp) widmet er sich dem Gegensatz zwischen Macht und Empathie. Wie ist aus seiner Sicht zu erklären, warum junge Menschen töten – zumal im Namen eines Gottes? Ein Gespräch über abtrainierte Empathiefähigkeit, verzerrte Religion und die Rolle von Muslim(inn)en und Medien bei der Prävention von Terror.

DIE FURCHE: Herr Schmidbauer, man weiß mittlerweile einiges von jenem 20-Jährigen, der am 2. November mit einem Sturmgewehr, einer Pistole und einer Machete durch die Wiener Innenstadt gelaufen ist, um wahllos zu töten. Er war Österreicher mit nordmazedonischen Wurzeln, er hatte Probleme in der Schule, er wurde in einer Wiener Moschee – die mittlerweile geschlossen wurde – radikalisiert, wollte in Syrien als „Gotteskrieger“ kämpfen, kam ins Gefängnis, wurde auf Bewährung entlassen und vom Verein „Derad“ begleitet – und beging dennoch einen Anschlag. Wie in allen ähnlichen Fällen bleibt die Frage: Warum? Gibt es ein psychodynamisches Erklärungsmuster für solche Entwicklungen?
Wolfgang Schmidbauer: Grundsätzlich haben solche Anschläge – von der Vorgeschichte und Dynamik her – meist die Qualität eines Suizids. Es ist eine Entwicklung, bei der Menschen zunehmend an sich und der Welt verzweifeln – und bei der das Angebot dazukommt, sich für eine vermeintlich höhere Sache opfern zu können. Weil Jugendliche ohnehin verstärkt in Freund-Feind-Schemata denken und der Versuch naheliegt, eigene Probleme als jene der Gesellschaft zu interpretieren, wird dieses Angebot dann aufgegriffen.

Meist handelt es sich hier um Jugendliche, die eine Selbstgefühls- und Empathiestörung haben und deshalb schwer Nähe herstellen können. Man muss sich den inneren Zustand solcher Menschen so vorstellen wie bei jemandem, der draußen in der Kälte steht und frierend durch die Fensterscheiben sieht, wie drinnen die Leute im Warmen sitzen und Kontakt haben. Es ist von daher auch schlüssig, dass der Attentäter Menschen ins Visier genommen hat, die in einem Ausgehviertel das Leben genießen.

DIE FURCHE: Und wie spielen (pseudo-)religiöse Motive in diese Psychostruktur hinein?
Schmidbauer: Die meisten Experten betonen, dass diese extremistischen Lehren mit der traditionellen Religion wenig zu tun haben. Meist zeigt sich zudem, dass es sich bei diesen Attentätern gerade nicht um Menschen handelt, die in einer religiösen Tradition aufgewachsen sind, sondern um Konvertiten, Menschen, die aus einem Zustand großer innerer Unsicherheit und Orientierungslosigkeit die Religion in ihrer verzerrtesten Form missbrauchen, um Halt zu gewinnen. Die religiöse Komponente hat in dieser islamistischen Hasswelt eine ähnliche Bedeutung wie die alten Germanen in der Hasswelt von Hitler.

DIE FURCHE: Und die vielzitierte Aussicht auf ein Paradies?
Schmidbauer: Aus psychologischer Sicht halte ich das als Auslöser einer solchen Tat für unsinnig. Menschen werden vor allem deshalb zu Selbstmordattentätern, weil sie damit einem unerträglichen psychischen Zustand hier auf Erden entkommen wollen.