Traditionelle Systeme zerbrechen

dieFurche: Wo liegt Österreich mit einer relativ hohen Akzeptanz des Lebensmodells Familie und einer statistischen Geburtenrate von 1,4 Kindern pro Frau im europäischen Trend?

Wolfgang Lutz: Es gibt in Europa im Prinzip drei grundlegende Muster, und Österreich paßt sehr gut in das mitteleuropäische Muster - die Tendenz ist sehr ähnlich wie in Deutschland oder auch in Holland. In Schweden ist die Entwicklung ganz anders - sogar anders als in den übrigen skandinavischen Staaten. Schweden ist überhaupt das einzige Land der Welt, wo die nichteheliche Lebensgemeinschaft voll die eheliche zu ersetzen scheint. Dort lebt mehr als die Hälfte der Frauen in nichtehelichen Lebensgemeinschaften, und was vielleicht das Entscheidende ist: Die nichtehelichen Lebensgemeinschaften bekommen fast genauso viele Kinder wie die ehelichen. Die Scheidungsrate ist allerdings bei den nichtehelichen Lebensgemeinschaften deutlich höher. Aber Schweden ist ein Einzelfall, und ich glaube auch nicht, daß - wie man in den achtziger Jahren oft gesagt hat - alle europäischen Staaten dem schwedischen Beispiel folgen werden; da haben sich die Pfade inzwischen zu unterschiedlich entwickelt.

Das andere Bild sind die südeuropäischen Länder: Italien, Spanien, Portugal, in gewissem Maße auch Griechenland, wo wir derzeit überhaupt die niedrigsten Geburtenraten weltweit beobachten. In Norditalien sind es sogar nur 1,0 Kinder pro Frau oder knapp darunter, in Italien insgesamt nur 1,2 Kinder pro Frau. Das widerspricht gänzlich dem Bild, das wir von der kinderfreundlichen Gesellschaft in Italien haben. Wie ist das möglich in einer doch nach wie vor sehr katholisch geprägten Gesellschaft, wie das ja übrigens auch in Spanien der Fall ist? Die Antwort lautet, daß es gerade diese Dominanz des traditionellen Frauen- und Familienbildes ist, das es einer Frau eben nicht - wie in Skandinavien - ermöglicht, Kinder und Berufstätigkeit zu vereinen, sondern die junge Frau muß sich entscheiden: Will ich entweder eine Karriere, einen Beruf, eine ordentliche Ausbildung und mein eigenes Einkommen, dann muß ich aber auf die Familie verzichten. Und es ist eben ein immer geringerer Anteil von Frauen, der diese traditionelle Rolle übernimmt.

dieFurche: Lassen sich auch weltweit bestimmte Trends ausmachen?

Lutz: Ich bin vor kurzem von einer Studienreise im südlichen Afrika zurückgekommen, und dort ist in vieler Hinsicht eine alarmierende Situation: das traditionelle Familiensystem, das unter dem Einfluß der Kolonialmächte angefangen hat, ist im Zuge der Entwicklungen der letzten Jahrzehnten total zerbrochen. Es wurde aber nicht durch ein neues System der Beziehungsverantwortung ersetzt. Es werden ja bis über die Hälfte aller Haushalte von Frauen allein geführt, die Männer tauchen ab und zu auf, mehr oder weniger betrunken. Die ganze Gesellschaft wird sehr stark überhaupt nur noch von den Frauen getragen, die sowohl die ökonomische Verantwortung als auch die Verantwortung für die Kinder übernehmen.

Im südlichen Afrika kommt noch das enorme Problem mit Aids hinzu. In Botswana sind nach Schätzungen bis zu 24 Prozent der Gesamtbevölkerung HIV-positiv. Wir werden eine Situation haben, wo viele Aids-Waisen entstehen, die junge Erwachsenengeneration total dezimiert ist und die Großeltern sich um die überlebenden Kinder kümmern müssen - vollständig neue Herausforderungen an die Familie, an die Solidarität zwischen den Generationen.

In Asien ist die traditionelle Familie noch viel stärker verwurzelt. Ein interessantes Beispiel dafür ist China, wo die Ein-Kind-Politik dazu geführt hat, daß gerade in den Städten oft schon in der zweiten Generation nur ein Kind geboren wurde, aber trotz dieser Kleinheit der Familie ein enormer Zusammenhalt besteht und man sich um die eigenen Eltern kümmert- es gibt ja fast kein staatliches Pensionsfürsorgesystem in China; es sind nach wie vor die wenigen eigenen Kinder und Enkelkinder, die sich um die Eltern und Großeltern zu kümmern haben.

In Lateinamerika gibt es eine Mischung: Im karibischen Raum können wir ähnliches beobachten wie in Afrika, im südamerikanischen Raum steht die traditionelle Macho-dominierte Familie noch stärker im Vordergrund.

Das Gespräch führte Cornelius Hell.

Hörfunktip: "Mythos Familie. Beziehungskultur zwischen Autonomie und Intimität" von Cornelius Hell im "Salzburger Nachtstudio" Mittwoch, 11. Februar, um 21.01 in Ö1.

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